Ein sicherer Ort für Frauen in Krisenzeiten

Quarantäne und Existenzsorgen können zu mehr häuslicher Gewalt führen. Das Frauenschutzhaus informiert darüber, was Betroffene und Vertrauenspersonen tun können.

Freiberg.

Wohin fliehen, wenn der Partner gewalttätig ist? Im Frauenschutzhaus Freiberg haben in diesem Jahr bisher 35 Frauen mit 43 Kindern Schutz gesucht und neue Lebensperspektiven finden können. Es steht Frauen aus ganz Mittelsachsen bei häuslicher Gewalt offen, vereinzelt kommen auch Betroffene aus anderen Landkreisen.

Im ersten Coronabedingten Lockdown hatten Fachleute befürchtet, dass es vermehrt zu häuslicher Gewalt kommen könnte. Dazu zählen Schläge und sexuelle Übergriffe, aber auch Bedrohung, Zerstörung von Eigentum oder Kontrolle der sozialen Kontakte. Laut Frauenschutzhaus sind mehr als 80 Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt Frauen.

Dieses Jahr sei die Anzahl der Schutz suchenden Frauen und Kinder im Haus erheblich gestiegen. Doch keine der Betroffenen betonte einen Coronabedingten Zusammenhang. "Auch wenn das Haus zwischenzeitlich voll ausgelastet war, mussten wir keine Frau abweisen", sagte eine Mitarbeiterin.

Das Landeskriminalamt geht bei einer tendenziellen Betrachtung davon aus, dass die Fallzahl in Sachsen bis November 2020 sogar etwas geringer war als im Vorjahreszeitraum. Belastbare Zahlen gebe es aber noch nicht. Für 2019 berichtet das Landratsamt von 561 Fällen in Mittelsachsen. Allerdings wird die Dunkelziffer nach Angaben des Frauenschutzhauses um ein Vielfaches höher geschätzt als die Zahl der gemeldeten Fälle.

Zur häuslichen Gewalt während des ersten Lockdowns haben Wissenschaftler der Technischen Universität München eine repräsentative Studie veröffentlicht. Demnach erlebten Mitte März bis Mitte April dieses Jahres 3,1 Prozent der befragten Frauen zu Hause körperliche Gewalt. In 6,4 Prozent der Haushalte wurden Kinder körperlich bestraft.

Höher war die Zahl der Opfer, wenn sich die Befragten in Quarantäne befanden (körperliche Gewalt gegen Frauen 7,5 Prozent, gegen Kinder 10,5 Prozent), die Familie akute finanzielle Sorgen hatte (Frauen 8,4, Kinder 9,8 Prozent) oder einer der Partner Angst oder Depressionen hatte (Frauen 9,7 Prozent, Kinder 14,3 Prozent). Bei derzeitigen und künftigen Ausgangsbeschränkungen fordern die Forscher deshalb Notbetreuung für Kinder, psychologische Beratung und Therapie online, und: "Frauenhäuser und andere Stellen, die Hilfen anbieten, müssen systemrelevant sein."

Das Frauenschutzhaus in Freiberg wird unter anderem mit Fördermitteln vom Freistaat Sachsen, dem Landkreis Mittelsachsen und der Stadt Freiberg finanziert, ist aber auch auf Geld- und Sachspenden angewiesen. "Die Finanzierung bleibt unzureichend und erfordert ein stetiges Engagement der Mitarbeiterinnen und des Trägervereines Esther-von-Kirchbach", so das Team. Vor kurzem habe der Rotary Club Freiberg Weihnachtsgeschenke gespendet für Kinder, die mit ihren Müttern die Feiertage im Frauenschutzhaus verbringen: "Dafür sind wir sehr dankbar."

Die Schutzeinrichtung ist 365 Tage im Jahr und 24 Stunden täglich erreichbar. Der Erstkontakt ist dabei immer telefonisch oder über E-Mail möglich. Telefonische oder persönliche Beratungen können vereinbart werden. Betroffene Frauen sollten jeden Vorfall in einem Tagebuch dokumentieren. Bei akuter Bedrohung könne die Polizei den Täter für bis zu 14 Tage der Wohnung verweisen.

An Helfende appellieren die Mitarbeiterinnen: "Verurteilen Sie die Gewalt und zeigen Sie dem Opfer Ihre Solidarität." Niemals solle man Hilfsangebote ohne Absprache oder gegen den Willen der Opfer annehmen.

Ein Großteil der Übergriffe komme nie ans Tageslicht, aus Scham, Angst oder weil Betroffene glauben, selbst Schuld zu tragen. Aber: "Einzig der Täter oder die Täterin trägt die alleinige Verantwortung."

Notruf-Nummern (24 Stunden täglich): Frauenschutzhaus Freiberg, 03731/22561. Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen", 08000/116 016 (in 17 Sprachen möglich). Polizei-Notruf, 110. Weitere wichtige Nummern: Interventions- und Koordinierungsstelle zur Bekämpfung häuslicher Gewalt und Stalking, 0371/9185354. Opferhilfe Sachsen, 0371/4331698. Weißer Ring Mittelsachsen, 0151/55164745.

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