Heiße Luft: Ein Dorf und die Windkraft

Für die Energiewende müsste Sachsen seine Strommenge aus Windkraft bis 2030 vervierfachen. Das sorgt für Konflikte. In Clausnitz im Erzgebirge kann man das in diesen Tagen intensiv erleben. Dort stimmen die Bürger zur Landtagswahl auch über die Zukunft des örtlichen Windparks ab. Befürworter und Gegner ziehen alle Register.

Clausnitz.

Elke Gärner steht vor ihrem Haus und schaut über Wiesen und Bäume nach Nordwesten. Sechs Masten mit Rotoren ragen dort über den Horizont, der erste ist rund einen Kilometer entfernt. Sie drehen sich, hören kann man sie in diesem Moment gerade nicht. Da zirpen nur Grillen im Gras, ein Umspannwerk brummt. Elke Gärner sagt, das könne auch ganz anders sein: "Wenn Wind anliegt, ist es richtig laut." Ihr Mann erzählt, wie es war, als sie kürzlich aus dem Urlaub zurückkamen. "Da dachtest du, du wohnst an der Elbe und die Schaufelraddampfer fahren vorbei."

Vor 25 Jahren baute die Familie ihr Haus in Clausnitz im Osterzgebirge. Seitdem leben sie hier mit den Windmühlen, doch nun ging Elke Gärner auf die Barrikaden. Als bekannt wurde, dass der in den Neunzigerjahren errichtete Windpark modernisiert werden soll - fünf alte Spargel sollen weg, dafür drei neue, höhere her -, da gründete sie zusammen mit Gleichgesinnten die Bürgerinitiative "Gegenwind" und sammelte Unterschriften für einen Bürgerentscheid. In der gesamten Gemeinde Rechenberg-Bienenmühle, zu der Clausnitz gehört, unterschrieben über 900 der 1600 Wahlberechtigten. Der Gemeinderat gab einstimmig grünes Licht, und so stimmen die Menschen hier am 1. September zeitgleich mit der Landtagswahl auch über die Zukunft des Windparks ab.

Konkret geht es um die Frage, ob die Gemeinde, der das Land des Windparks gehört, dort maximal 100 Meter hohe Anlagen zulässt. So hoch ist eines der sechs Windräder, das bereits modernisiert wurde, das aber nun auch nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik ist. Die Pläne des Investors sehen für die drei neuen Anlagen eine Gesamthöhe von je 217 Metern vor. Begründung: Nur so rechne sich die Modernisierung, das Repowering noch.

Die Clausnitzer Windkraftgegner haben sich Unterstützung im Nachbardorf geholt. Sie sind nach Holzhau gefahren. Nun sitzen sie bei Michael Eilenberger in einem Schuppen zwischen Sandstein-Skulpturen und einem Windrad-Modell mit blutigen Flügeln; Stoff-Vögel kleben an den Rotorblättern. Der Diplom-Restaurator hat es vor einigen Jahren für eine Protestaktion gebaut, jetzt stellt er es für die Presse noch einmal im Freien auf.

Michael Eilenberger, Jahrgang 1971, ist ein erfahrener Anti-Windkraft-Aktivist. Als die Tschechen vor zehn Jahren auf dem nahen Erzgebirgskamm, direkt an der Grenze einen Windpark errichten wollen, mobilisierte er erfolgreich gegen das Projekt, startete eine Petition, fuhr nach Prag und Brüssel. Damals wurde er in den Gemeinderat von Rechenberg-Bienenmühle gewählt. Heute ist er Mitglied der FDP und Vorsitzender des Bundesverbandes Landschaftsschutz (BLS). Zweck des Vereins ist der Kampf gegen Windenergieanlagen. Eilenberger vernetzt dazu bundesweit Initiativen. Er erzählt, wie sich Windkraftopfer an ihn wenden: "Ich kriege manchmal nachts Anrufe von Leuten, die Matratzen in die Fenster stellen, die sich verbarrikadieren, weil sie's nicht mehr aushalten."

Lärm, Infraschall, Schattenwurf, Verspargelung der Landschaft, tote Vögel und ein stark schwankendes Stromangebot, das zu Versorgungsrisiken führt - so lauten die immer wieder vorgebrachten Argumente der Gegner. "Ich lehne Windkraft generell ab, weil ich sie nicht für eine zukunftsfähige Form der Energieumwandlung halte", sagt Eilenberger. Umweltschutz und schonender Umgang mit Ressourcen seien ihm wichtig, betont der Erzgebirger. "Ich habe ein Niedrigenergiehaus. Man macht, was man machen kann." Die Energiewende aber hält er für ein Projekt, das zum Scheitern verurteilt ist. "Die ganze Klimadebatte ist ideologisch aufgeladen und wird politisch missbraucht." Deutschlands Konkurrenten klatschten Beifall, "weil sie wissen, dass es so nicht mehr lange weiter gehen wird".

Der Windpark in Clausnitz, der jetzt modernisiert werden soll, wird von der örtlichen Agrargenossenschaft betrieben. Deren Geschäftsführer, so prophezeit Michael Eilenberger, "zieht sich den Hass der gesamten Bevölkerung auf den Leib". Er hetze niemanden auf, beteuert Eilenberger. Aber so gehe der soziale Friede im Dorf den Bach herunter.

In der Runde in Eilenbergers Restaurationswerkstatt sitzt auch der Clausnitzer Gerald Morgenstern. Eine Dokumentation im ZDF habe jetzt bestätigt, dass das mit dem In-fraschall stimme, dass die Gefahren tieffrequenten Schalls real seien, sagt der 69-Jährige. Als ehemaliger Elektromonteur wisse er über die Windkraft: "Man kann allein mit diesen Dingern doch nicht die Energieversorgung des Landes sichern. Das ist Schwachsinn."

Bis zum Jahr 2030 sollen in Deutschland 65 Prozent des Strommixes aus erneuerbaren Energien kommen, 2018 waren es 38 Prozent. Um die Ausbauziele zu erreichen, setzt die Bundesregierung neben der Sonnenenergie vor allem auf den Wind. Für Sachsen haben die Grünen errechnet: Die aktuell hier erzeugte Leistung aus Windstrom müsste dazu fast vervierfacht werden. Zu den 900 bestehenden Windrädern müssten 300 zusätzliche Anlagen der neuesten Generation hinzu kommen.

Christoph Hänel hält das nicht für Unsinn. Er möchte zu dieser Energiewende ein Stück beitragen. Der 30-Jährige ist Vorstandsvorsitzender der Agrargenossenschaft "Bergland" in Clausnitz. In der DDR züchtete die LPG hier Jungrinder, heute hat sich der Betrieb mit 2000 Hektar gepachtetem Land enorm diversifiziert: Es gibt Milchproduktion und Mutterkuhhaltung, Ackerbau und Hofladen, eine Ölmühle verarbeitet Raps zu Kraftstoff. Darüber hinaus vermietet die Agrargenossenschaft Wohnungen, betreibt Biogasanlagen und den Windpark. "Der Betrieb hat sich immer breiter aufgestellt, weil der Druck auf die Landwirtschaft immer mehr wuchs", berichtet Hänel. Die Genossenschaft hat etwa 120 Mitglieder, über 50 Personen arbeiten in dem Betrieb. "Wenn wir allein Landwirtschaft machen würden", schätzt der Vorstandsvorsitzende, "dann wären es vielleicht halb so viele."

Der junge Mann sagt, Unternehmen wie "Bergland" müssten stark sein, damit das Leben im Erzgebirge lebenswert bleibe. "Das Erzgebirge - viel schöner kann man es eigentlich nicht haben", schwärmt der einstige Skispringer. Er habe sich nach dem Studium bewusst für eine Zukunft hier entschieden, weil ihn das Thema Klimawandel von Grund auf beschäftige und weil dies hier im Betrieb ganzheitlich betrachtet werde.

Drei neue 217 Meter hohe Anlagen (Nabenhöhe 149 Meter), so der Plan seines Agrarbetriebs, sollen in Clausnitz künftig zehnmal so viel Strom liefern wie fünf alte, 77 Meter hohe. Die Technik hat einen Sprung gemacht - und nur bei dieser Effizienz rechnet sich die Investition noch, da es für Windstrom keine Einspeisevergütung mehr gibt. Wenn die Bürger in Rechenberg-Bienenmühle am 1. September für die Höhenbegrenzung stimmen, müssten für die drei dann nicht erlaubten hohen Anlagen 15 Stück mit der Höhe 100 Meter gebaut werden, um dieselbe Menge Strom zu erzeugen. Natürlich würde das Unternehmen das nicht tun, das Projekt würde platzen. Und, so betont Christoph Hänel, der Gemeinde würden für 20 Jahre Pachtzahlungen von jährlich 30.000 Euro verloren gehen.

Um die Akzeptanz für das Repowering bei der Bevölkerung zu erhöhen, hat sich die Agrargenossenschaft Steffen Flämig ins Boot geholt. Er hat vor ein paar Jahren drei 200 Meter hohe Windräder in der Nähe seines Heimatdorfs Mülsen bei Zwickau aufgestellt. Auch dort habe es anfangs Skepsis gegeben, erzählt Flämig. "Aber heute hat das Dorf zu 99 Prozent seinen Frieden mit den Windrädern gemacht." Auch weil er ein Einheimischer und kein Investor von sonstwoher sei. Im Advent 2016 stellte Flämig einen beleuchteten Schwibbogen auf eine seiner Windturbinen. Inzwischen hat sich die Abschaltung der Festbeleuchtung zu Mariä Lichtmess dort zu einem kleinen Volksfest mit Bratwurst und Bier entwickelt.

Am vergangenen Mittwoch in Clausnitz: Die Agrargenossenschaft hat zu einer Informationsveranstaltung eingeladen, um für ihr Vorhaben zu werben. Ein paar Dutzend Bürger sind gekommen, auch der Bürgermeister ist da. Michael Funke ist parteilos und wohnt selbst im Ortsteil Clausnitz. Es herrsche noch viel Unwissenheit zu dem Windpark-Projekt, sagt er, deshalb sei es gut, dass der Agrarbetrieb informiere. Er selbst habe mit den Windrädern kein Problem - und die Mittel aus dem Pachtvertrag seien für die Gemeinde sehr wichtig, machten zusätzliche Investitionen mit Fördermitteln erst möglich.

Steffen Flämig führt an dem Abend viele Gespräche. Einem älteren Ehepaar erklärt er, wie das Pro-blem des Schlagschattens gelöst wird: In den Windkraftanlagen stecken Sensoren und Computer. Sobald ein Haus länger als acht Stunden im Jahr von Schattenwurf betroffen ist, wird die Anlage automatisch abgeschaltet. Flämig klärt zum Abriss von Windrädern auf: Jeder Investor muss beim Landratsamt eine Bürgschaft hinterlegen, damit bei einer Insolvenz nicht die öffentliche Hand auf den Kosten sitzen bleibt. Hat eine Anlage ausgedient, wird der größte Teil recycelt. Lediglich die Rotorblätter aus glasfaserverstärktem Kunststoff werden geschreddert und landen auf Deponien. Auch hier seien Gerüchte im Umlauf, sagt der Mülsener Windmüller. "Manchmal wird behauptet, das Zeug sei so gefährlich wie Atommüll."

Zu dem Infoabend der Agrargenossenschaft sind auch Gegner von der Bürgerinitiative gekommen. An den Stehtischen tauchen ihre Handzettel auf. Infraschall sei nachgewiesen gesundheitsschädigend, heißt es dort. Von Krebs ist die Rede. Wirklich? Jens Uhlig vom Planungsverband Region Chemnitz runzelt die Stirn und zieht eine aktuelle Stellungnahme des Bayerischen Landesamts für Umwelt aus der Tasche. Darin heißt es: "Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft [können] Windenergieanlagen beim Menschen keine schädlichen Infraschallwirkungen hervorrufen."

Uhlig kennt die vielen Halbwahrheiten, die in so einer aufgeladenen Debatte immer wieder verbreitet werden. Auch die vom gefährdeten Rotmilan. Das Recherchenetzwerk Correctiv.org prüfte erst im Juni die Meldung, wonach Zehntausende Vögel im Jahr durch Windräder "geschreddert" werden. Ergebnis: Laut Umweltbundesamt gibt es keine einzige Studie, die dies belegt. In Clausnitz haben sie noch keine toten Vögel gefunden.

Die Clausnitzer Bürgerinitiative verbreitete auch eine Fotomontage mit einer Darstellung der übergroßen Windräder über Clausnitz. Steffen Flämig ließ die Visualisierung analysieren. Ergebnis: Um ein solches Bild in der Realität zu ergeben, müssten die Anlagen nicht 217, sondern um die 350 Meter hoch sein. Warum die Bürgerinitiative den Bürgern derartig unrealistische Größenverhältnisse suggeriere, wisse man nicht, erklärt Flämig. Und empfiehlt: Die Bürger sollten sich selbst eine Meinung bilden.

Als zu vorgerückter Stunde schließlich eine öffentliche Diskussion zustande kommt, melden sich mehrere Befürworter der Modernisierung des Windparks zu Wort. Der Bürgermeister aus dem Nachbarort Dorfchemnitz wünscht viel Glück und selbst der Förster, der direkt am Windpark wohnt, scheint überzeugt. Die Vertreter der Bürgerinitiative sind zu diesem Zeitpunkt nicht mehr da. Sie veranstalten am Dienstag ihren eigenen Infoabend. Der Kampf um die Lufthoheit in Clausnitz geht weiter.

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