Lederinstitut geht in die Vollen

Das Freiberger Forschungsinstitut Filk platzt fast aus den Nähten. Seit 1993 hat sich die Anzahl der Mitarbeiter verdreifacht. Die Aufträge werden vielfältiger. Deshalb hegt die Institutsleitung ehrgeizige Neubaupläne.

Freiberg.

Ein knarzender Autositz oder ein quietschendes Cabrioverdeck sind zweifelsohne Wohlstandsprobleme. Doch sie können ziemlich nervig sein. Deshalb setzen Hersteller alles daran, solche störenden Geräusche zu reduzieren. Geforscht wird dazu in Freiberg: Im Forschungsinstitut für Leder und Kunststoffbahnen, kurz Filk, prüfen Mitarbeiter verschiedene Materialien auf Knarzen und Quietschen, und Wissenschaftler brüten über Lösungen für die Autoindustrie.

Doch das Spektrum des Instituts ist weitaus größer, sagt Dr. Haiko Schulz. Der 55-Jährige ist einer der beiden Geschäftsführer der außeruniversitären Einrichtung. "Wir punkten mit besonders hoher Industrienähe und Anwendungsorientierung", so der Diplomchemiker und verweist auch auf eine gute Zusammenarbeit mit klein- und mittelständischen Unternehmen. In Prüflaboren werden unterschiedliche Materialien untersucht. Bei der Auto-Innenausstattung geht es genauso um die Geruchs- und Emissions-Analyse und beispielsweise darum, ob man ein Material gerne anfasst.

Die Praxisnähe zahlt sich aus. 1992 wurde das Filk als Forschungsinstitut für Leder und Kunstledertechnologie gemeinnützige GmbH durch Gründung eines eigenen Trägervereins privatisiert. Im Jahr darauf zählte es 55 Mitarbeiter und hatte einen Umsatz von 600.000 D-Mark, also gut 300.000 Euro. Inzwischen erwirtschaften 151 Mitarbeiter einen Umsatz von annähernd 12 Millionen Euro (2018).

In den vergangenen sieben Jahren hat das Filk zwei große denkmalgeschützte Gebäude saniert, wobei auch zusätzliche Labors entstanden. Aber deren Kapazitätsgrenze ist schon wieder erreicht. Um den Anforderungen der Zukunft gerecht zu werden, verfolgt die Institutsleitung ehrgeizige Baupläne. Das Areal am Meißner Ring gegenüber dem Krankenhaus soll deutlich aufgewertet werden. Und zwar Stück für Stück, nach dem Baukastenprinzip. "Wir bekennen uns zur Stadt Freiberg und haben uns bewusst gegen einen neuen Standort auf der grünen Wiese entschieden", so der Geschäftsführer.

Beim Rundgang deutet Schulz auf den unebenen Fußboden des Technikums in der einstigen Lohgerberei, wo es noch immer wie in einer Gerberei riecht. "Die Gebäudesubstanz ist in die Jahre gekommen und nicht mehr zeitgemäß", sagt Schulz. Der erste Teil des Technikums soll deshalb als nächstes komplett modernisiert werden. Dort sollen Versuchsanlagen für die Beschichtung von Textilien, für Materialtests und Gerbereiprozesse unterkommen und großformatige Prüfgegenstände untersucht werden. Zudem ist in fernerer Zukunft auf dem jetzigen Schotterparkplatz an der Ecke Am Mühlgraben/Meißner Ring ein Technologiezentrum geplant. Und im weiteren Verlauf von Mühlgraben und Talstraße sind zusätzliche Büros und Labore vorgesehen.

Im Juni 2018 hatten die Freiberger Stadträte einen Bebauungsplan für das Areal auf den Weg gebracht. Inzwischen ist die Planung weiter gediehen: Im November werden die Stadträte über den vorhabenbezogenen Bebauungsplan abstimmen. Dann beraten die Behörden über das Vorhaben. "Ziel ist es, schnell Baurecht zu erhalten und schon im nächsten Jahr mit den Arbeiten zu beginnen", erklärt Schulz.

Die Neubauten würden gebraucht, auch weil die Bandbreite des Instituts stetig wachse. Längst gehe es nicht mehr nur um Leder und Kunststoffbahnen, sondern auch um flexible synthetische und natürliche Polymerwerkstoffe. Als Beispiele nennt Schulz auch Kunstleder, Kollagenprodukte, beschichtete Textilien und Werkstoffverbunde. Derzeit liefen um die 85 Projekte - wobei Ingenieure, Maschinenbauer, Chemiker, Biologen und Physiker oft gemeinsam tüfteln. "Bei uns muss man über den eigenen Tellerrand schauen", sagt Dr. Ina Prade, die Leiterin der Abteilung Biologie. "Das ist gerade das Spannende an unserer Arbeit. Und kein Projekt ist wie das andere", fügt sie hinzu. Die junge Diplombiologin beschäftigt sich mit der Entwicklung kollagen-basierter Medizinprodukte. Sie nutzt eine biodegradierbare Tinte aus den natürlichen Proteinen des Bindegewebes, um gewebe-ähnliche Strukturen mit lebenden Zellen im Labor herzustellen. Was ein bisschen an Frankenstein erinnert, hat ein großes Potenzial. "Die Nachfrage nach funktionellem Ersatz von Organmaterial ist sehr groß", sagt die Wissenschaftlerin. In Zukunft könne es durchaus möglich sein wird, eine Nase oder ein Ohr im Labor zu fertigen.

Das Filk sucht dringend Ingenieure und Maschinenbauer. Darum ging es auch beim Besuch von Landrat Matthias Damm (CDU). "Es gibt zu wenige Absolventen", so Schulz. Es müssten mehr Studenten nach Freiberg geholt werden.

Landrat Damm sicherte den pfiffigen Tüftlern aus Freiberg bei seinem Besuch am Mittwoch seine volle Unterstützung zu. Das Filk sei "schon etwas Herausragendes" und habe eine Sonderstellung.

Am 14. November findet im Institut, das auf die 1897 gegründete Deutsche Versuchsanstalt für Lederindustrie zurückgeht, ein Festkolloquium statt. Dann wird Prof. Dr. Michael Stoll, seit 1993 Institutsdirektor, in den Ruhestand verabschiedet. Zugleich rückt Dr. Michael Meyer als Geschäftsführer nach. Meyer ist künftig für die Forschung und wissenschaftliche Ausrichtung des In-stituts zuständig.

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