Querdenker und Elefantenfan

Im Unruhestand: Fast drei Jahrzehnte war das Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg die Wirkungsstätte von Ulrich Thiel. Jetzt arbeitet er am heimischen Schreibtisch.

Freiberg.

Die Tasse Kaffee steht auf den Gartentisch, daneben liegt ein Buch über den Kolonialismus in Afrika. Randnotizen sind an einem Beitrag über den sächsischen Bergbeamten Hermann Nieß zu entdecken. Gerade telefoniert er mit einem Verleger. Ulrich Thiel ist dem wissenschaftlichen Arbeiten treu geblieben, auch wenn sein Schreibtisch nicht mehr in Freiberg, sondern im heimischen Bobritzsch steht, und er manchmal im idyllischen Garten in seinen Büchern stöbert.

Noch vor einigen Jahren hätte sich der promovierte Historiker nicht vorstellen können, dass er nicht mehr täglich zum Stadt- und Bergbaumuseum fährt. Zu sehr waren ihm Arbeit und Mitarbeiter ans Herz gewachsen. Fast 30 Jahre war er dort, die meiste Zeit als Leiter. "Etwa 100 Ausstellungen haben wir in dieser Zeit entwickelt, die Dauerausstellung neu gestaltet", erinnert er sich. Dabei denkt er an einige Höhepunkte zurück. Die Ausstellung über die Kriegskinder-Generation in Freiberg zum Beispiel oder die mit den Engelsinstrumenten aus der Begräbniskapelle des Freiberger Doms. "Es war ein Glücksgefühl, als ich die in Randeck bei Mulda gefertigten Originale aus dem 16. Jahrhundert nach vier Jahren Restaurierung am Musikinstrumentenmuseum Leipzig auspackte und in den Händen hielt", sagt Thiel. Er war einer der wenigen, dem der nahe Kontakt mit den jahrhundertealten Relikten einstigen Musikinstrumentenbaus in der Freiberger Region möglich war. Wochen später bekamen die Engel ihre Instrumente zurück - in zwölf Metern Höhe. Thiel schätzte auch die Zusammenarbeit mit der Hochschule für Bildende Künste Dresden, wo Gemälde und Schnitzwerke aus dem Museumsbestand restauriert wurden. "Und im Helmholtz Zentrum Dresden-Rossendorf habe ich das 1556 erschienene Werk ,De re metallica' über Bergbau und Verhüttungsmethoden von Agricola untersuchen lassen. Ich wollte wissen, ob es bereits zur Entstehungszeit koloriert wurde." Die Vermutung liege nahe, denn die Physiker hätten herausgefunden, dass alle Farben anorganischen Ursprungs sind, keine preiswerteren synthetischen Farben verwendet wurden. Die gebe es erst seit dem 18. Jahrhundert, freut sich Thiel noch heute über die gewonnene Erkenntnis.

Auch an interessante Begegnungen erinnert er sich. Wie die mit einem russischen Abt aus der Nähe von St. Petersburg. "Er hoffte, mehr über einen Verwandten zu erfahren, der als russischer Offizier nach dem Zweiten Weltkrieg an der Befreiung Freibergs teilgenommen hat. Mit einem Bild des Universalgelehrten Lomonossow, der 1739 bis 1740 in Freiberg studierte, soll er seine Verbundenheit mit der Stadt demonstriert haben.

Ulrich Thiel ist heute dankbar für die Zeit, die er am Museum erlebt hat. Für das Haus hat er gekämpft und machte sich schon vor 20 Jahren Gedanken, wie die vielen historischen Gegenstände und Dokumente besser aufbewahrt werden könnten. Aber immer wieder stieß er als Angestellter der Stadt auf Widerstand. Der Ausbau der benachbarten Domherrenhäuser Am Dom 2 und 3 wäre für ihn die Lösung gewesen. Fassaden und Dächer wurden dort schon 2001 saniert. Doch inzwischen will die Stadt die Häuser verkaufen. Der dort lagernde Teil des Museumsfundus soll mit dem Stadtarchiv ins Herder-Haus ziehen.

Keine Lösung für Thiel, da der Platz nicht ausreiche. Noch immer ärgern ihn solche Entscheidungen. Auch, dass er wegen seiner klaren Worte in der Öffentlichkeit de facto von der Verwaltungsspitze den Stuhl vor die Tür gestellt bekam - obwohl er bis zur Altersrente arbeiten wollte. Einen Maulkorb ließ er sich nie verpassen. Er sagte, was er für richtig hielt und sah sich als Museumsfachmann dazu berufen. Gesundheitliche Probleme blieben bei den Spannungen nicht aus. Heute ist Thiel froh, dass er vor zweieinhalb Jahren die Reißleine gezogen und um Vertragsaufhebung gebeten hat. Jetzt ist er 65 und macht all das, was liegen blieb, arbeitet seine Wunschliste ab. Er forscht zum Kolonialismus an der Bergakademie und ist schon zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen. So fand er heraus, dass zwischen 19. und 20. Jahrhundert fast zehn Prozent der Freiberger Studenten für Kolonien ausgebildet wurden.

Dass seine Meinung weiter zählt, freut Thiel. Ob bei der Neuordnung des Silbermannmuseums in Frauenstein, der Begutachtung der musealen Sammlungen des Kulturraumes Mittelsachsen, der Mittelsächsischen Sparkassenstiftung für Kunst und Kultur oder als Mitglied des Altertumsvereins, die Anfragen sind vielfältig. Überall mahnen kleine Zettel im Arbeitszimmer, Termine nicht zu vergessen.

Jetzt macht er mit seiner Frau erst einmal Urlaub in Italien - mit einem Camper-VW-Bus. Gereist wird bei Thiels gern. Einen ihrer größten Träume haben sie sich 2019 erfüllt. Sie waren auf dem Sankt-Lorenz-Strom in Kanada unterwegs. Wo auch immer Ulrich Thiel ist, ein Elefant muss mit. Kleine Ableger der Originale, aus Glas, Plüsch, Holz oder Vulkangestein. Mehr als 200 Exemplare hat er schon. Und wie oft denkt er ans Museum? "Oft", sagt er. Thiel vermisst seine einstige Wirkungsstätte trotz ausgefüllter Tage. Ist er in der Nähe, wird er wehmütig, denkt aber auch an die vielen schönen Erlebnisse.

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