Vom Ende der Bescheidenheit

Die FDP präsentiert sich im Wahlkampf als Macherpartei - mit Parteichef Lindner als Lautsprecher.

Freiberg.

Christian Lindner ist reizbar. Eben hat sich der FDP-Vorsitzende über die Forderung nach einem Fleischverzicht ereifert, da lässt er sich von einem einzigen "Juhu" anstacheln. "Du musst ja Fleisch nicht essen", ruft er einem jungen Mann im Publikum zu. Aber man solle bitte anderen nicht den Speiseplan diktieren. Lindner prangert es an, "das Gefühl, wir müssten uns bescheiden", um das Klima zu retten. Dieses Denken und Handeln gefährde erst sichere Arbeitsplätze in der Lausitzer Braunkohle, am Ende bedrohe es die Automobilindustrie.

Der Obermarkt in Freiberg am Montagabend. Etwa 300 Menschen sind da, um Lindner zuzuhören. Der 40-Jährige ist aus Nordrhein-Westfalen gekommen, um knapp zwei Wochen vor der Landtagswahl der sächsischen FDP den Rücken zu stärken; später am Abend steht noch Chemnitz auf dem Programm. Was Lindner in Sachsen verkauft, sind liberale Botschaften schlechthin. Und da steht der Klimaschutz weit hinten.


"Wir leugnen den Klimawandel nicht", sagt Lindner. Aber bei 2,3 Prozent Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß werde Deutschland niemand folgen, wenn man die Emissionen auf null senke. Um hier voranzugehen, müsse das Land zu intelligenten Lösungen kommen, sich auf seine Ingenieure und Wissenschaftler besinnen. "Das muss ich in Freiberg gar nicht betonen."

Lindner steht auf einer Bühne mit dem Slogan "Einfach machen!". Vor ihm hat der örtliche Kandidat den Stillstand in der Landespolitik beklagt, Generalsekretärin Linda Teuteberg aus Brandenburg für die völlige Streichung des Soli und für Bürokratieabbau getrommelt, nun legt sich der Parteichef energisch ins Zeug. Die SPD erwecke den Eindruck, sie wolle nur Superreiche wie die Geissens von RTL von der Abschaffung des Solidaritätszuschlags ausnehmen. "Tatsächlich", so ruft er über den Markt, "ist es der Handwerksbetrieb hier um die Ecke."

Auf die Handwerker hält Lindner große Stücke. Die seien es, die das Patent zum Produkt machten. Es gebe viele Meister, die glücklich und erfolgreich seien, aber auch viele Master, auf die das Gegenteil zutreffe. Man sei gegen das Abitur für alle, betont der Chef der Liberalen. "Es muss noch ein paar Leute geben, die Universitäten überhaupt bauen können." Dafür bekommt er Applaus.

Beim Thema Migration sagt Lindner: "Wir sollten einen anderen Umgang mit der AfD wählen. Sie rechts liegen lassen." Die Probleme mit der Migration klein anstatt diese Partei groß zu machen. "Es gibt einen Weg zwischen ,alle rein' und ,alle raus'", ruft er den Menschen zu.

Christian Lindner wirbt für Vernunft und gesunden Menschenverstand. Für den Moment sieht es auf dem Obermarkt in Freiberg so aus, als könnten die Liberalen mit diesem Frontmann aus dem Westen auch im Osten Wähler erreichen.

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