Warum die Entdeckertour dennoch ausfällt

Sie haben geklagt und Recht bekommen. Dennoch ist der Entscheid des Verwaltungsgerichtes für die Erzieherinnen der Kindertagesstätte "Sonnenland" in Voigtsdorf nur ein halber Sieg - vieles bleibt weiter ungeklärt.

Voigtsdorf.

Irgendwann ist es den Erzieherinnen und dem Trägerverein der Kindertagesstätte "Sonnenland" in Voigtsdorf dann doch zu viel gewesen. Sie zogen vor Gericht, um für ihr Recht und gegen ihrer Meinung nach willkürlich getroffene Auflagen des Landesjugendamtes zu streiten. Nun haben der Kläger und das beklagte Landesjugendamt vor dem Verwaltungsgericht Chemnitz einen Vergleich geschlossen. Der aber hilft nur ein Stück weiter, sagen die Voigtsdorfer.

Doch von vorn: Im Mai 2018 erhielt die Kindereinrichtung einen Bescheid des Landesjugendamtes. Er war dem "Sonnenland" nach einer Stippvisite der Behörde ins Haus geflattert - unter anderem mit folgender Auflage: Die Kinder müssen bei Ausflügen von mindestens zwei "pädagogischen Fachkräften" begleitet werden. Der Einsatz einer Erzieherin und eines Elternteils reiche nicht aus. "Sonnenland"-Leiterin Gisela Grogorenz und ihre vier Kolleginnen aber konnten die Forderung nicht nachvollziehen. In der Kita werden 65 Kinder zwischen einem und zehn Jahren betreut. Der Aufsichtspflicht werde stets nachgekommen, etwa durch Eltern. "Manchmal war auch mein Ehemann dabei", sagt die Leiterin. "Er ist Lehrer. Das zählte aber nicht als pädagogische Fachkraft." In seinem Bescheid habe das Landesjugendamt auf Gleichbehandlung mit anderen Trägern sowie die Sozialgesetzgebung und daraus resultierende Urteile verwiesen. Mit der Auflage waren langjährige Ausflüge, zum Beispiel mit den Schulanfängern, passé. Kita-Team und Trägerverein wollten die praxisferne Auflage nicht akzeptieren und zogen vor Gericht.


Nach der mündlichen Verhandlung entschied das Verwaltungsgericht, dass zwei Personen auch bei kleinen Gruppen einen Ausflug begleiten müssen. "Aber es ist nur eine pädagogisch ausgebildete Fachkraft erforderlich. Die weitere Aufsichtsperson kann auch eine geeignete Hilfskraft oder ein geeigneter Elternteil sein", erläutert Gerichtssprecher Jeannot Reichert.

Den Voigtsdorfern hilft diese Entscheidung aber nicht wirklich weiter, sagen sie. "Spontane Ausflüge sind schwierig", fasst Gisela Grogorenz zusammen. Sie verweist auf Personal- und Geldsorgen. "Wir versuchen, dass zwei Gruppen mit zwei Erzieherinnen gemeinsam unterwegs sind." Denn die Wirtschaftskraft in der Kita habe weder freie Kapazitäten zur Kinderbegleitung, noch stehe Geld zur Verfügung, um sie über ihre Arbeitszeit hinaus zu bezahlen. Aus dem Landesjugendamt heißt es jedoch aktuell: "Die Finanzierung des erforderlichen Personals erfolgt durch den Träger." Die Kita muss daher laut Leiterin immer wieder auf die Hilfe der Eltern setzen und ist dankbar für die Unterstützung.

Für den Gerichtsentscheid selbst können weder die Kita noch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) eine genau definierte Vorschrift in sächsischen Kita-Vorschriften finden. "Klar verlangen nur die Unfallkassen, dass die pädagogische Fachkraft entscheidet, wer einen Ausflug außer ihr begleitet", sagt Gisela Grogorenz. Als Ausflug definiert das Landesjugendamt "eine kleine Reise, eine Fahrt, eine kleine Wanderung oder Spaziergänge". Das Amt fordert nun, dass die gerichtliche Verpflichtung eingehalten wird und spricht von einer Öffnung, da nicht mehr zwei pädagogische Fachkräfte als Begleitung notwendig sind.

"In Sachsen betreut eine Erzieherin zwölf Kindergarten- beziehungsweise fünf Krippenkinder - so der Personalschlüssel. Sie hat die Verantwortung. Wieso sollte das ausgehebelt werden bei der Spazierrunde durchs Dorf?", fragt Grogorenz.

Andreas Giersch, Gewerkschaftssekretär des Landesverbandes der GEW, geht noch weiter: Er sieht in dem Vergleich gar einen Widerspruch zur gängigen Praxis und das "Verantwortungsbewusstsein der Erzieherinnen ausgehebelt". Es könne nicht sein, dass eine Erzieherin bei einem spontanen Spaziergang mit ihrer Gruppe eine zweite Person mitnehmen muss. "Bildung setzt auf Selbstbildung und wird von den Kindern mit initiiert - diese Festlegung steht dem Bildungsplan konträr gegenüber", erklärt der GEW-Sekretär. "Die Kita sollte in Berufung gehen. Den Erzieherinnen werden die Hände gebunden, und den Kindern wird die Teilhabe am Alltag boykottiert."

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...