Was winzige Schellen erzählen

Archäologen haben neben dem Stadt- und Bergbaumuseum am Freiberger Dom interessante Dinge ausgegraben, darunter eine Rarität.

Freiberg.

Spielzeug? Musikinstrument? Halsbandschmuck? Signal an einem Pferdezaumzeug? Es wird sich nicht mehr nachweisen lassen, wo jene Schellen letztmals ertönten, die Archäologen aus dem Erdreich neben dem Freiberger Stadt- und Bergbaumuseum geborgen haben. Besser gesagt - eine Schelle und die Hälfte einer weiteren Schelle kamen zutage, als die Fachleute den Inhalt einer im 14. oder 15. Jahrhundert verfüllten Latrine im Hinterhof des Museums untersuchten.

"Obwohl sie vielfältig genutzt wurden, sind Schellenfunde eher selten", ordnet Dr. Christiane Hemker, Referatsleiterin im Landesamt für Archäologie, den Freiberger Fund ein. "Die Stücke sind in einem guten Zustand und wurden von Metallrestauratoren des Landesamtes restauriert", erklärt sie.

Torsten Kleditzsch

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Zunächst denkt der Laie wohl an die Narren, die solche Schellen zu damaliger Zeit an ihren Gewändern oder auch den Mützen trugen. Doch nach den Worten der Archäologin war die Verbreitung der kleinen metallenen Kugeln weit umfangreicher. Höhergestellte Personen trugen solche Schellen beispielsweise genauso an der Kleidung.

Die Freiberger Fundstücke möchte die Fachfrau allerdings eher in einen bergbaulichen Kontext rücken: "Solche Schellen waren am Gewand von Lehrlingen in den historischen Münzstätten angebracht", erklärt sie. Auch in der untergegangenen Bergstadt Bleiberg auf dem Treppenhauer bei Sachsenburg (zwischen Mittweida und Frankenberg) aus dem 13. oder 14. Jahrhundert sei eine solche Schelle gefunden worden.

Mit dem Freiberger Stadt- und Bergbaumuseum hat der Schellenfund nach Ansicht von Christiane Hemker nichts zu tun. Die Latrine, in der die Schellen geborgen worden seien, "ist vielmehr durch die Bewohner des spätgotischen Kollegiatstiftes als Abort genutzt worden", erklärt sie. Zudem war es der Sitz des Domdechanten. "Solche Latrinen wurden auch gerne als Abfallgrube für Haushaltsmüll und Essensreste genutzt. Und manchmal verlor der Benutzer während des Toilettenganges auch Dinge, wie möglicherweise diese Schellen", schätzt die Referatsleiterin ein.

Doch nicht nur die kleinen klingenden Stücke förderten die Grabungen zutage. Scherben von Gebrauchskeramik wie Kochgeschirr und ähnliches, Trinkgläser, kleine Tonmurmeln sowie Messergriffe aus Knochen wurden ebenso geborgen. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der mehr als 600 archäologischen Befunde und Artefakte, die 2018 in etwa einem Vierteljahr freigelegt und geborgen wurden, ist längst noch nicht abgeschlossen.

"Es lässt sich jedoch bereits sagen, dass das Areal schon vor dem Bau des Kollegiatstiftes und zwar spätestens ab dem 13. Jahrhundert genutzt beziehungsweise bebaut worden ist", erläutert Christiane Hemker. Darauf deuten nach ihren Worten Arbeits- und Lehmentnahmegruben und eventuell sogar ein Erdkeller hin. "Als früheste gemauerte Gebäudestruktur ist ein kleiner gewölbter spätmittelalterlicher Keller fassbar. Weitere Mauern sowie Pflasterungen stammen aus der Zeit des Kollegiatstiftes", fügt sie an.

Die Mitarbeiter des Landesamtes für Archäologie konservieren, inventarisieren und bearbeiten nun die Stücke. Danach kommen sie ins Archäologische Archiv Sachsen, wo sie unter klimatisch-konservatorisch adäquaten Bedingungen archiviert werden. Ausgewählte Funde gibt das Landesamt auch als Leihgaben für Ausstellungszwecke. Die historisch wertvollen Keller, Gewölbe und Mauerreste der Vorfahren am Dom werden künftig nicht mehr sichtbar sein. Die sogenannten Rettungsgrabungen fanden statt, weil sich archäologische Relikte vermuten ließen, wie Christiane Hemker sagt. Kommt der neue Anbau an das Stadt- und Bergbaumuseum, wird davon nichts mehr sichtbar sein.

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