Zigtausende Momente auf Zelluloid

Freibergs Stadtarchiv ist jetzt um einen bedeutenden Nachlass reicher. Und ein Bürgermeister um eine Erfahrung.

Anfangs lebte Rosemarie Keil mit ihren Eltern am Bertholdsweg. Eine für heutige Verhältnisse für eine mehrköpfige Familie geradezu winzige Wohnung war es. Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer maßen jeweils nicht mehr als zwölf Quadratmeter. Doch wenn der Vater die Küche in Beschlag nahm, war sie für den Rest der Familie auch noch tabu. Denn dann wurde dort verdunkelt und vergrößert und entwickelt. Und jeder einfallende Lichtstrahl hätte die Fotos oder im schlimmsten Fall das Filmmaterial zunichte machen können.

Es ist glücklicherweise genügend Material erhalten geblieben. Rosemaries Vater hieß Heinz Ufer (kleines Foto) und war viele Jahre Stadtarchivar in Freiberg und begeisterter Fotograf. Er hielt fest, wie die Bevölkerung auf dem Obermarkt den DDR-Staatspräsidenten Wilhelm Pieck empfing, fotografierte die Friedensfahrer um Täve Schur, die Grundsteinlegung des Wohngebietes Wasserberg, aber auch Volksfeste und das einfache tägliche Leben. Bis zu seinem frühen Tod 1975. Nun ist das Material im Stadtarchiv angekommen und damit für die Nachwelt gesichert. Rosemarie Keil hat es der Stadt in einer Schenkung überreicht.

Es handelt sich um fünf Kisten mit an die 15.000 Fotonegativen und Dia-Positiven. Eine Woche lang waren Rosemarie Keil und ihr Ehemann damit beschäftigt gewesen, die Negative zu sichten und Familienfotos auszusortieren - und zwar acht Stunden täglich. Der Zufall hatte Stadtarchivarin Ines Lorenz und Rosemarie Keil zusammengeführt. Man kam ins Gespräch und so auf die vielen Fotos von Heinz Ufer zu sprechen, die bereits im Stadtarchiv lagern - aber ohne Negative und ohne jegliche nähere Daten. "Für einen Archivar ist so etwas immer recht betrüblich", sagt Ines Lorenz.

Doch ihre Miene hellte sich auf, als sie erfuhr, dass zumindest die Negative noch existierten, nämlich wohlbehalten in den Händen der Familie. Und auch Rosemarie Keil ist nun froh, die Hinterlassenschaften ihres Vaters nach all den Jahrzehnten endlich nicht mehr auf dem Dachboden zu wissen, sondern in guten Händen. Und damit auch dort, wo ihr Vater sie mit Sicherheit am liebsten sähe: Im Archiv, in dem er so viele Jahre arbeitete. Er war ein leidenschaftlicher Freiberger und ein leidenschaftlicher Chronist, beschreibt die Tochter ihren Vater. Die Familie fand 1969 ein neues Zuhause am Wasserberg, als Fotolabor konnte fortan das Badezimmer herhalten. Tochter Rosemarie durfte dann mit helfen, durfte die Fotos mit der Zange vom Entwickler zum Fixierbad bugsieren und dann zum Trocknen in die Presse. Später lernte sie Chemie-Laborantin und dann wurde sie Chemie-Lehrerin. Mit Fotografie hat sie sich nicht so beschäftigt, sagt sie. Vom Vater erbte sie wohl eher das Faible fürs Schreiben, denn Heinz Ufer hat ein Wanderheft über Freiberg und einen Stadtführer verfasst, Tochter Rosemarie mittlerweile mehrere Bücher zu Papier gebracht.

Bei der Übergabe der Materialien nun dankte ihr Oberbürgermeister Sven Krüger (parteilos) höchstpersönlich. "Um die Entwicklung einer Stadt zu verstehen, muss man auch einmal ein paar Jahre und Jahrzehnte zurückblicken", sagte Krüger. Es sei spannend zu sehen, wie sich Freiberg gerade in jenen Jahren entwickelt habe, erklärte der Oberbürgermeister beim Blick auf einige entwickelte Fotos. "Oh, Trabbis in Reih' und Glied - da durfte man auf dem Obermarkt noch parken", beschrieb der OB eines der Fotos. "Und das hier ist auch spannend: Die Schafe - und dahinter die Wohnblöcke."

Ein anderen, gedanklichen Ausflug in die Vergangenheit, sogar in die eigene, hat in jüngster Zeit auch ein anderer Bürgermeister der Region unternommen. Nämlich Volker Haupt, Gemeinde Bobritzsch-Hilbersdorf, der für die CDU auch im Kreistag sitzt. Er fiel dort auf, als sein Arm in die Höhe gestreckt war, als es um den Kauf des Tivoli-Gebäudes ging - und die Stimmenthaltungen abgefragt wurden. Hatte Haupt etwa Einwendungen gegen den Kauf, Bauchschmerzen? Mitnichten, versichert der Bürgermeister. Er hatte sich vielmehr schon bei den Ja-Stimmen gemeldet. Dann aber vergaß er, seinen Arm wieder herunterzunehmen. Denn beim Tivoli überkam ihn die Erinnerung an seinen ersten Kuss dort. Fotografisch ist dieser Moment aber, soweit es bislang bekannt ist, nicht festgehalten.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...