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Freiberger Klimaforscher: "Der Klimawandel ist keine Apokalypse"

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Klimaforscher Jörg Matschullat: Mehr Extremwetterereignisse - Pflanzen- und Tierarten wandern nach Norden

Freiberg.

Seit über zwei Jahrzehnten untersucht Professor Jörg Matschullat die Konsequenzen des Klimawandels. Der Prorektor für Forschung an der TU Bergakademie Freiberg sagt, es muss alles getan werden, um die Veränderungen im Klimasystem so gering wie möglich zu halten. Und der 63-Jährige beobachtet auch, dass manchen Menschen die Welt über den Kopf wächst. Im Gespräch mit Heike Hubricht zeigt Matschullat, der Mitglied des Deutschen Weltklimarates IPCC ist, nicht nur die Möglichkeiten der Wissenschaft auf. Vielmehr hat er auch Tipps für jeden Einzelnen parat. Zu einer Sache aber hält er sich bedeckt.

Freie Presse: Herr Professor Matschullat, Sie arbeiten seit mehr als 20 Jahren in der Klimaforschung. Wie reagieren Sie, wenn Gesprächspartner den Klimawandel negieren?

Jörg Matschullat: Das kommt auf die Gesprächspartner an. Sofern Zweifel sachlich und respektvoll vorgetragen werden, gebe ich mir Mühe, Sachverhalte so zu erläutern und zu diskutieren, dass wir auf Augenhöhe miteinander reden können. Ich versuche zu verstehen, wo und warum es "hakt". Der eigentliche Zweifel ist etwas Wertvolles und Wichtiges. Weil das Thema "Anthropogener Klimawandel" so extrem komplex und teilweise kompliziert ist, halte ich es für normal, dass viele Menschen Fragen und auch Zweifel haben. Eine Negation kommt selten vor. Und dies eher von Menschen, denen unsere Welt "über den Kopf wächst" und die sich, aus welchen Gründen auch immer, der Wirklichkeit nicht mehr stellen können oder wollen.

Schmelzende Pole, zunehmende Trockenheit in weiten Teilen der Erde, aktuell ist ein Drittel von Dürre betroffen - welche Fakten sprechen noch für den Klimawandel?

Die Liste der physikalischen und zum Teil auch chemischen und biologischen Konsequenzen von Klimawandel ist zu lang, um sie hier aufzuzählen. Deshalb ein paar Beispiele, die uns auch in Sachsen betreffen. Pflanzen- und Tierarten, die bislang im Mittelmeerraum heimisch waren, wandern weiter nach Norden und sind zum Teil schon in Skandinavien angekommen. Ex-tremwetterereignisse nehmen zu. Ein junger Zweig der Meteorologie und Klimatologie, die Attributionsforschung (Zuordnungsforschung), machte in den vergangenen Jahren sehr große Fortschritte. So kann heute ein einzelnes Extremwetter-ereignis recht genau daraufhin untersucht werden, ob es eine Konsequenz des anthropogenen Klimawandels ist oder nicht.

Ist es fünf vor zwölf oder fünf nach zwölf?

Na, das kommt darauf an, was sich jemand unter dieser Formulierung vorstellt. Der Klimawandel ist keine Apokalypse, sondern eine gewaltige Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Klimawandel findet statt und wird für absehbare Generationen weiter und zunehmend heftiger stattfinden. Daran müssen wir uns sowohl anpassen, als auch alles tun, um die Veränderungen im Klimasystem so gering wie möglich zu halten.

Sie sind aktives Mitglied der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft und Teil des Deutschen Weltklimarates IPCC. Nicht jedem ist der Unterschied zwischen Klima und Wetter klar. Könnten Sie das bitte mit einfachen Worten erläutern?

Es gibt den wunderbaren Spruch: "Klima ist, was Du erwartest, und Wetter ist, was Du bekommst". Wenn Sie also Ihren Sommerurlaub mit Kindern auf Mallorca planen und im Klimadiagramm sehen, dass es im Juli praktisch nicht regnet, dann sieht das ja toll aus, sofern Sie keinen Regen mögen. Dann kommen Sie am Ferienort an und erleben einen verregneten Urlaub - das war dann eben das Wetter in diesem Monat - vollkommen untypisch für die normale klimatische Situation. Daran werden wir uns gewöhnen müssen - auch das ist ein Ausdruck von Klimawandel.

Und Wetter?

Wetter und Witterung beschreiben die sich in ständiger Bewegung und Veränderung befindlichen Phänomene vor allem der Atmosphäre. Beobachtet man das längere Zeit an einem Ort, dann lässt sich nach 30 Jahren das Klima dieses Ortes über die durchschnittlichen Bedingungen sehr gut beschreiben. Wetter und seine Kapriolen sind dabei nicht erfasst.

Welche Hauptziele verfolgt der Deutsche IPCC?

Der Weltklimarat ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Tausenden von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen fast aller Länder dieser Welt. Die einzelnen Wissenschaftler sind so etwas wie aktive Vereinsmitglieder, die für die Gemeinschaft Aufgaben übernehmen. In einem nationalen Klimarat wie dem deutschen IPCC tauscht man wissenschaftliche Erkenntnisse aus, diskutiert Einschätzungen und überlegt sich - oft auf Bitten der IPCC-Hauptgeschäftsstelle in Genf -, ob und welche Aspekte in nächsten IPCC-Bericht mit aufgenommen werden sollten: Gibt es dazu schon genügend belastbare Ergebnisse? Und es werden Aufgaben verteilt: Wer begutachtet welches Kapitel? Wer kann beim Schreiben welchen Kapitels mithelfen? Ziel davon ist es, die unglaubliche Arbeitsbelastung, die mit jedem IPCC-Bericht einhergeht, auf möglichst viel kompetente Schultern zu verteilen.

AfD-Politiker Rolf Weigand, Ihr Kollege an der TU Bergakademie, will an die Klimaaktivisten der Initiative Fridays for Future Schneeschippen verteilen. Wie kommentieren Sie die Aktion?

Man muss nicht alles kommentieren.

Wenn jemand im privaten Bereich etwas fürs Klima tun will - was empfehlen Sie ihm?

Wir alle wissen, dass es einer einzelnen Person nicht gelingen kann, "die Welt zu retten". Doch jeder Mensch kann darüber entscheiden, mit dem eigenen Handeln den anthropogenen Klimawandel etwas zu bremsen oder aber zu beschleunigen. Das steuern wir mit unserem Kauf- und Konsumverhalten, mit Art und Weise unserer Fortbewegung und selbst mit der Art, den eigenen Garten zu bewirtschaften, sofern Mensch in der glücklichen Lage ist, ein solches Fleckchen sein Eigen zu nennen. Und je nachdem, wo jemand beruflich tätig ist, gibt es meist auch dort zahlreiche Möglichkeiten, sich für die jeweils klügere Variante zu entscheiden. Das kann sogar richtig Spaß machen.

Was möchten Sie gern noch sagen?

Ich wünsche mir mehr Besonnenheit, weniger Aufgeregtheit, mehr ruhiges Beobachten, weniger vorschnelles Bewerten, mehr Nachdenken, weniger Vorverurteilen. hh


Seit 1999 an der TU Bergakademie Freiberg tätig

Jörg Matschullat wurde 1957 in Empelde bei Hannover geboren. Er studierte Geologie in Clausthal-Zellerfeld und Geologie-Paläontologie in Tübingen. 1984 begann er sein Promotionsstudium als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Göttingen. 1989 promovierte er. Titel seiner Dissertation: "Umweltgeologische Untersuchungen eines Ökosystems durch Luftschadstoffe und Gewässerversauerung (Sösemulde, Harz)". Es folgten Tätigkeiten als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Clausthal, an der Universität Heidelberg und als Kurzzeitdozent an zwei Unis in Brasilien. 1995 schloss er das Habilitationsverfahren erfolgreich ab.

Seit April 1999 ist Matschullat an der TU Bergakademie Freiberg tätig, wo er beispielsweise als Dekan der Fakultät der Geowissenschaften, Geotechnik und Bergbau und als Studiendekan Geoökologie wirkte. Seit 2020 ist er Prorektor für Forschung.

Zudem ist Jörg Matschullat Mitbegründer des Geokompetenzzentrums Freiberg. Er ist unter anderem Mitglied des Deutschen Weltklimarates Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), der Deutschen Geologischen Gesellschaft, der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft und der Deutschen Mineralogischen Gesellschaft.

Seine Hobbies sind Wandern und Radtouren, Fotografie und Musik. Jörg Matschullat ist geschieden und hat einen erwachsenen Sohn. (hh)

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11 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 7
    5
    Haju
    21.02.2021

    Natürlich ist der Klimawandel keine Apokalypse - sonst wären wir ja allein im All, weil die thermischen Bedingungen für Entstehung und Erhalt von Lebensformen wie die unsrige einfach zu eng wären. Aber vielleicht werden da wir von der Klima-Sekte noch mit ganz neuen Überzeugungen überrascht?
    Hohe Inzidenzien sind nur zu erwarten, wenn man NICHTS fürs Leben mit Klimawandel tut, sondern stur aufs CO2 konzentriert ist: in den nächsten 100 Jahren ist nämlich keinerlei anthropogene Abkühlung zu erwarten und wenn man noch so viele Billionen verknallt.
    Ansonsten wäre ein Umzug von Kühnheide (6°C Durchschnittstemperatur) in eine deutsche Großstadt (12° Durchschnittstemperatur) ein "Klimawandel" mit einer noch nie dagewesenen Geschwindigkeit!