Von ganz weit her

Vu und Thom sind nach Deutschland gekommen, um Näher in einer Polstermöbelfirma in Thüringen zu werden. Eine Initiative der IHK hat die jungen Vietnamesen zu einer Lehre nach Deutschland gebracht. Nun geht es darum, dass sie nicht wieder gehen.

Suhl.

Nein, sagt Anh Hoang Vu, er habe nicht geweint am Flughafen. Anders als viele andere seiner Landsleute, deren Gesichter vor wenigen Minuten auf zwei großen Flachbildschirmen zu sehen waren. Junge Menschen mit tränenverschmierten Gesichtern standen da. Teilweise lagen sie in den Armen älterer Vietnamesen, denen ebenfalls die Tränen in den Augen standen. Weil auch die Eltern wussten, dass sich ihre Kinder in ein anderes, ein weit entferntes Land verabschiedeten.

Mal schnell am Wochenende nach Hause fahren, wie das bei deutschen Auszubildenden oft der Fall ist, die für die Lehre in eine fremde Stadt gehen, ist für diese jungen Vietnamesen nicht möglich. Zum Beispiel für Vu. Doch der junge Mann sagt: "Es gehört zum Erwachsensein dazu, von seiner Familie getrennt zu sein." Man glaubt es ihm.

Zentraler Teil dieses Erwachsenseins für Vu ist, dass er seit einigen Monaten eine Ausbildung in Deutschland, in Südthüringen, im Landkreis Schmalkalden-Meiningen, in der 560-Seelen-Ortschaft Springstille macht. Wohin die Reise für die jungen Vietnamesen wie ihn geht, wenn sie in Asien ins Flugzeug steigen und mehr als 8000 Kilometer zurücklegen, ist ungewiss. Eines weiß Vu aber bereits vor Antritt der Reise: Die Chancen für ihn, Arbeit zu finden, seien "in Deutschland viel besser als in Vietnam". Und er sei "neugierig auf Deutschland".

Von Thüringen im besonderen hatte der junge Vietnamese vor seiner Reise noch nie etwas gehört. Freilich leiste, so Thüringens Ministerpräsident, der Freistaat mit seinen Vorzeigeunternehmen seinen Beitrag dazu, den Ruf Deutschlands in der Welt zu festigen - auch wenn dieses Image nicht zuletzt durch die Rechtsrock-Konzerte von Themar deutliche Kratzer abbekommen habe. Darauf macht Bodo Ramelow (Die Linke) ganz unverblümt aufmerksam, als er sich an diesem Tag in Suhl - in den Räumen der Industrie- und Handelskammer (IHK) Südthüringen - Geschichten wie die von Anh Hoang Vu anhört.

Es sei ein großer Widerspruch, dass die Wirtschaft im Freistaat und letztlich auch die hier lebenden Menschen auf ausländische Auszubildende und Fachkräfte angewiesen seien, es aber ein gesellschaftliches Klima gebe, in dem jeder Nicht-Deutsche als Bedrohung empfunden werde, sagt der Politiker. "Thüringen muss Zuwanderungsland sein, und wir Thüringer müssen Zuwanderungsland sein wollen." Dass Ramelow mit dieser Einschätzung absolut recht hat, davon ist Kathleen Dietsch überzeugt.

Im Unternehmen "Dietsch Polstermöbel", in dem sie als Assistentin der Geschäftsführung arbeitet, erlebe man schon seit Jahren, wie sehr die Wirtschaft im Land auf ausländische Mitarbeiter angewiesen ist. Zwar könne man kaufmännische Ausbildungsstellen noch mit einheimischen Jugendlichen besetzen, sagt sie. Doch für die Lehrstellen in der Produktion des Möbelherstellers bekomme man schon seit mehr als sechs Jahren keine einheimischen jungen Menschen mehr. "Sie können sich gar nicht vorstellen, was wir schon alles probiert haben, um Lehrlinge zu finden: Wir waren auf Messen, in Schulen, haben Praktika angeboten." Doch kein Einheimischer, der sich für die Lehre interessiert habe, sei geblieben. Warum? "Das ist eine harte und anstrengende körperliche Arbeit", sagt Dietsch.

Einer, der diesen Job trotzdem machen will, ist Vu. Eine andere Thi Phuong Thom. Beide erlernen bei Dietsch einen Beruf, der im Fachdeutsch "Polster- und Dekorationsnäher/in" heißt. Auf den Informationswebseiten der Arbeitsagentur heißt es über diesen Beruf, dafür seien Geschicklichkeit und eine gute Auge-Hand-Koordination wichtig. Zudem Mathekenntnisse, um Angaben zum Material und zum Zuschnitt berechnen zu können.

Dass Vu und Thom nun in dem in Springstille beheimateten Unternehmen lernen, gehört zu einem Vietnam-Projekt, das in Südthüringen unter der Federführung der IHK seit fast drei Jahren läuft. Einfach ist es nicht, Menschen aus Nicht-EU-Staaten nach Deutschland zum Arbeiten zu holen. Unter anderem wegen der vielen ausländerrechtlichen Dinge, die dabei zu klären sind.

Beispielsweise, erklärt Jan Scheftlein, der für das Pilotprojekt zuständige Abteilungsleiter der Kammer, sähen die deutschen Visa-Bestimmungen vor, dass die vietnamesischen Auszubildenden mindestens 800 Euro netto pro Monat zur Verfügung haben müssten. Macht nach Scherfleins Angaben etwas mehr als 1000 Euro brutto pro Monat. Sollten sie also Berufe erlernen, in denen die reguläre Ausbildungsvergütung unter diesen Beträgen liege, müssten die Unternehmen sie bis auf diese Werte anheben. Sonst dürfen die Vietnamesen nicht einreisen.

Nach Angaben des Hauptgeschäftsführers der IHK Südthüringen, Ralf Pieterwas, zeichnet sich dieses Projekt - in dessen Rahmen zunächst 140 junge Menschen aus Vietnam nach Thüringen geholt werden sollen - vor allem durch zwei Dinge aus: Erstens lernen die Vietnamesen schon in Vietnam Deutsch. Und zwar so viel, dass sie sich in ihrem Alltag in Deutschland von Anfang an verständigen können. Bestehen sie die Sprachprüfung nicht im ersten Anlauf, haben sie die Möglichkeit, diese in den ersten sechs Monaten ihres Aufenthaltes in Deutschland nachzuholen.

Zweitens werden die Vietnamesen während ihres Aufenthaltes in Deutschland sozialpädagogisch betreut. Was auch nach den Erfahrungen von Kathleen Dietsch ganz wichtig ist, um die jungen Menschen in Deutschland wirklich ankommen zu lassen. Die andere Sprache und nicht zuletzt die für sie so andere Kultur in Deutschland seien für die jungen Menschen eine große Herausforderung.

"Da spielen selbst so kleine Sachen wie das Wetter dann eine Rolle", sagt Dietsch. Und sie machte die Erfahrung, wie neugierig ihre vietnamesischen Azubis seien, auch was die Alltagskultur angehe. Sie hätten beispielsweise ein großes Interesse daran zu erfahren, wie in Deutschland Geburtstage oder Weihnachten gefeiert werden.

In den Details freilich wird an diesem Projekt noch einiges kritisiert. Berufschullehrer zum Beispiel meinen, trotz der Deutschkenntnisse hapere es bei den Lehrlingen immer wieder noch an der Fachsprache für die jeweiligen Berufe. Vor allem müsse, hört man in Suhl, viel getan werden für die soziale Integration der Vietnamesen, damit sie noch mehr das Gefühl hätten, in Thüringen wirklich auch zu Hause und willkommen zu sein.

Hinter diesem Wunsch steht eine Befürchtung, die so manchen Unternehmer umtreibt, der inzwischen Auszubildende aus Vietnam in seiner Belegschaft hat: Sie könnten eher früher als später wieder nach Asien zurückkehren und damit eine große Lücke bei den Firmen hinterlassen. Auf diese Angst spielt auch Südthüringens IHK-Chef Ralf Pieterwas an, wenn er sagt: "Es geht im engsten Sinne um junge Menschen, die von einem anderen Kontinent zu uns kommen und die sich hier wohlfühlen sollen."

Über eine Rückkehr denken Vu und Thom, wie sie sagen, nicht nach - sie zeigen aber, wie mobil Menschen sind, die sich dafür entschieden haben, für eine Berufsausbildung so weite Wege zurückzulegen. Sie wollten in Deutschland bleiben, wenn sie ausgelernt hätten. Auch ihre Familien unterstützten sie in diesem Entschluss. In Südthüringen fühlten sie sich sehr wohl. Im Unternehmen sowieso. Ebenso auch beim Einkaufen oder Busfahren. Noch nie hätten sie sich irgendwie beleidigt oder diskriminiert oder bedroht gefühlt. Vu und Thom sagen aber auch: Einen großen Teil ihrer Freizeit verbringen sie nicht in der Region. Sie würden viel in größere Städte fahren, nach Erfurt oder Nürnberg. "Sie reisen gerne", sagt Dietsch.

Dass Arbeitgeber Dietsch bei der Einrichtung der Wohnung der Auszubildenden nach eigenen Angaben darauf geachtet hat, dass daraus keine sterilen und rein funktionalen Schlaf-Ess-Zimmer werden, ist also weit mehr als eine freundliche Geste. Es ist ein Beitrag dazu, aus den aus dem Ausland zugereisten Lehrlingen Facharbeiter ihres Unternehmens zu machen.

So habe sie, sagt Kathleen Dietsch, nicht nur bewusst darauf verzichtet, irgendwie asiatisch anmutende Dekoration in die Wohnung der Lehrlinge zu stellen. Stattdessen habe sie die Wohnung der Auszubildenden mit einem Bild dekoriert, auf dem vier Buchstaben zu lesen sind: Home - Heimat.

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