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Kein Kunststoff in Kosmetik mehr

Brüssel will Alternativen bei Einwegartikeln aus Plastik - Erfolgreiches Vorgehen bei Einkaufstüten ermutigt

Von Detlef Drewes
erschienen am 16.01.2018

Brüssel. Gegen Plastiktüten geht die EU bereits vor. Nun folgt der Startschuss zur Vermeidung von Kunststoffmüll. Am Dienstag hat die Brüsseler Kommission ihre Pläne vorgestellt. Ob die ein Erfolg wird, liegt auch am Verbraucher. Unser Brüssler Korrespondent Detlef Drewes beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was ist eigentlich das größte Problem beim Plastikmüll?

Die größten Schwierigkeiten bereiten Einwegkunststoffe. Dabei handelt es sich um Artikel, die nach nur einem oder kurzen Gebrauch weggeworfen werden. Sie stellen die Hälfte des Abfalls aus Plastik dar. Konkret geht es dabei um Zigarettenstummel, Getränkeflaschen, Strohhalme, Verpackungen von Süßigkeiten, Rührstäbchen, Luftballons, Lebensmittelbehälter, Becher, Besteck - bis hin zur einzeln in Zellophan eingewickelten Gurke. Diese Abfälle landen besonders oft im Meer. Die EU-Verwaltung will nun erreichen, dass es hier Alternativen gibt. Außerdem will sie mit der Industrie verhandeln, wie bereits im Wasser entsorgter Müll wieder aufgefischt werden kann.

Konkret heißt das?

Bis 2030 sollen keine Plastikbecher oder - Flaschen mehr auf den Deponien oder in den Verbrennungsanlagen landen. Brüssel plant auch, mit der Fast-Food-Branche darüber zu reden, was nötig ist, um Mehrweg-Getränkebecher, die der Kunde mitbringt, verwenden zu können. Dabei geht es vor allem um Hygiene-Fragen.

Ein weiteres Problem sind ja wohl die kleinen Kunststoffpartikel in Kosmetika. Sollen diese wirklich abgeschafft werden?

Ja. Bisher enthalten Körperpeeling, Waschmittel und Zahnpasta Teilchen unter fünf Millimetern Größe. Sie entstehen aber auch beim Abrieb der Reifen im Straßenverkehr und beim Waschen von Textilien. Der "absichtliche" Zusatz dieser Kunststoff-Partikel soll nach dem Vorstoß aus Brüssel grundsätzlich verboten werden.

Wie will die Kommission die Recyclingquoten verbessern?

Der entscheidende Ansatz liegt darin, dass Brüssel die sortenreine Rücknahme erleichtern möchte. Bisher wird Plastikmüll häufig in einem Container zusammengefasst. Dies macht eine erneute Nutzung zum Beispiel für Lebensmittel wie Wasserflaschen unmöglich. Denn diese müssen hohen Standards entsprechen, damit das Plastik nicht auf den Inhalt übergeht. Voraussetzung wäre also, dass die unterschiedlichen Kunststoffarten auch getrennt gesammelt werden. Darüber hinaus spricht sich die EU-Kommission vermehrt für Pfandsysteme aus (in Deutschland das Duale System), weil das vom Verbraucher als Belohnung empfunden wird.

Die EU hat ja bisher schon die Plastiktüten verboten oder eingeschränkt. Bringen solche Maßnahmen denn wirklich etwas?

Ja. Der Erfolg fällt bisher sogar überraschend aus. 2016 wurden laut Handelsverband HDE immerhin ein Drittel weniger Plastiktüten verwendet als noch im Jahr davor. Allerdings blieben immer noch 3,7 Milliarden Stück. Dennoch wird das Beispiel in Brüssel als Ermutigung empfunden, in diese Richtung weiterzumachen.

Was kann der Verbraucher tun?

Der Appell der EU-Behörde lautet ganz klar: Plastikmüll sollte künftig ordnungsgemäß recycelt werden. Für die Verpackung des schnellen Salates in der Mittagspause gibt es ebenso Alternativen wie für den einmaligen Gebrauch eines Kaffee- oder Softdrink-Bechers, weil sich immer mehr Geschäfte umstellen.

Kommentar: Reichlich spät

Dramatische Appelle, Plastikmüll zu vermeiden, gibt es genug. Und nicht erst seit gestern. Dass die EU sich nun aufmacht, dem Kunststoffabfall den Kampf anzusagen, ist gut, kommt aber reichlich spät. Mit vielen Gesetzen hat Brüssel Folien und Einwegverpackungen und sogar die Wegwerf-Mentalität mitgeschürt. Dass so mancher Kaffee-Shop heute keine Mehrweg-Becher der Kunden akzeptiert, hat wenig mit gutem Willen, aber ganz viel mit Haftung für die Hygiene der braunen Köstlichkeit zu tun. Wer Einwegbecher abschaffen will, muss auch andere Vorschriften anpassen. Das Paket der Ideen und Vorschriften aus Brüssel erscheint abgewogen. Dass man auf den Unfug einer neuen Steuer auf Kunststoffe verzichtet hat, darf man als Plus notieren. Es wäre ein weiteres Bürokratie-Monster geworden. So bleibt die große Linie akzeptabel: vermeiden, recyceln und verbieten. Bestehende Systeme der Mülltrennung müssen verstärkt und ausgebaut werden. Zusätzliche Angebote werden nötig. Und der Verbraucher wird lernen müssen, dass nicht jede Tüte, Folie oder Einwegartikel auch wirklich nötig ist. Der Handel darf nach Kräften mithelfen, indem er die Mehrfachnutzung unterstützt.

 
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Kommentare
4
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 17.01.2018
    15:44 Uhr

    Hankman: @Nixnuzz: Stimmt genau, das mit den Knopfzellen!! Mit etwas Glück erwischt man im Handel eine Knopfzelle des gewünschten Typs einzeln oder im Zweierpack - die sind dann aber teurer als so ein 20er-Sortiment, von dem man am Ende mindestens 80 Prozent wegwirft (bei meist vernachlässigbaren Qualitätsunterschieden). Eine von vielen Schweinereien, die es seit Jahren gibt.

    0 3
     
  • 17.01.2018
    11:55 Uhr

    Nixnuzz: Solange der Kreislauf richtig funktioniert, dürfte das kein Umweltproblem sein. Nur: was feuern unsere lieben Mitbürger jenseits einer guten Kinderstube neben diese Rücknahmesysteme in die freie Landschaft? Was liegt an Autobahnzufahrtskurven alles in der Wiese? Früher war es halt Glas und Blech. Heute Plastik. Hygienisch - unverrotbar. Mal eine Überlegung: Wenn den natürlichen Umweltkräften die Basis besonders in den Meeren kostenintensiv mit z.B. Walfangschiffen die Plastikinseln entzogen würde, könnten vielleicht auch die Japaner Geld verdienen? Und: was tun unsere Kommunen dagegen? Ok - 0 Personal ...für sowas.
    Persönliche Erfahrung: Kaufwn sie mal eine spezielle Knopfzelle - wenn sie nicht im Internet bestellen wollen. Ok - sie kriegen sie - im Massenverbund mit einem Fächer an ähnlichen Zellen in DIN A5 großer Blisterverpsckung, die sie nur mit der Blechschere und Verletzungsgefahr aufmachen können. Gut - und was mach jetzt mit den anderen Knopfzellen, die langsam vergammeln?... Wegschmeissen - mit oder ohne Verpackung - Papierkarton und Plastik schmerzhaft getrennt? Zellen in die nächste Batteriensammelstelle? Marketing-Wahnsinn! Der Kunde will es so - wirklich??

    0 4
     
  • 17.01.2018
    09:06 Uhr

    fnor: Deutschland durfte 2003 die Einwegflaschen nicht verbieten. Die EU hatte was dagegen, weil ausländische Händler mehr Aufwand bei Mehrwegflaschen haben und sich so der Wettbewerb verzerrt bzw. diese benachteiligt werden. Wäre es nicht an der Zeit Einwegflaschen EU-weit zu verbieten und ein EU-einheitliches Mehrweg-Pfandsystem zu schaffen. Nutzen dann noch alle Hersteller dieselbe Flaschenform, muss das Leergut nicht weit transportiert werden, sondern kann in der Nähe wieder befüllt werden. Vorgemacht wird das von den GDB- und VdF-Flaschen (Genossenschaft deutscher Brunnen / Verband der deutschen Fruchtsaft-Industrie).

    0 6
     
  • 16.01.2018
    23:37 Uhr

    Hankman: Das ist schon alles richtig. Aber es reicht nicht. Dass wir versuchen, den Gebrauch von Plastiktüten im Handel einzuschränken, ist völlig okay. Doch dabei darf man nicht stehen bleiben. Ich ärgere mich regelmäßig über die Blisterverpackungen für kleine technische Geräte, die ich für viel schädlicher und überflüssiger halte. Gerade wieder sowas gekauft. Das ist eine Unmenge sinnloser Müll. Und auch eine Einwegverpackung. Es ist ja schön, dass der Handel die Sachen so viel einfacher präsentieren kann - aber in den allermeisten Fällen würde ein kleiner Karton mit einem Siegel genügen. (Manche Händler nennen das - mit Recht - "frustfreie Verpackung".) Das wäre auch ein Feld, wo Hersteller, Handel und Politik handeln müssen. Und da muss man sich notfalls auch mal mit Konzernen anlegen.

    Und noch was ärgert mich. Seit den 90ern preist man unser Duales System und den Grünen Punkt an. Und suggeriert, wie toll da die Wertstoffe recycelt werden. Aber allein 2016 hat Deutschland rund 750.000 Tonnen Plastikmüll nach China exportiert. Hat niemanden interessiert. Es wird erst jetzt öffentlich wahrgenommen, weil die Chinesen das nicht mehr mitmachen wollen. Wir müssen uns verdammt noch mal um unseren Müll selber kümmern und das Zeug recyceln. Und wenn das nicht geht, dann müssen wir eben aufhören, solchen Müll zu produzieren!

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