Kurz im Urlaub

Farin Urlaub findet beim Training für den "Interview-Superfix-Sagenix"-Rekord doch noch ein paar Worte zu seinem Kraftklub-Gastspiel

Berlin.

Star oder Journalist sind manchmal harte Berufe: Dauernd muss man einfallsreich sein, scharfzüngig und tiefgründig. Das klappt nicht immer. Die-Ärzte-Sänger Farin Urlaub hat seit 2001 drei Spitzen-Soloplatten veröffentlicht. Am Freitag folgt mit "Faszination Weltraum" Nummer vier - und die CD ist irgendwie nur wie immer. Wie also ein einfallsreiches, scharfzüngiges, tiefgründiges Interview hinbekommen? E-Mail, schlug Herr Urlaub vor! Wer sich dazu Fragen ausdenken soll, merkt schnell, wie doof sich Behörden fühlen müssen: Man muss versuchen, so zu formulieren, dass keine Rück- oder Gegenfragen nötig sind. Tim Hofmann hat es versucht. Doch Urlaub, der Fragebögen, wer mag es ihm verübeln, sicher hasst, wollte es wohl schnell hinter sich bringen: Die Antworten kamen sofort. Sehr witzig! Da hatte Hofmann dann auch keinen Lust mehr zum Umschreiben...

Freie Presse: Als Fan ihres Schaffens könnte man finden, dass "Newton hatte Recht" (siehe Kasten) ein etwas spießiger Text ist. Wann kam Ihnen der Gedanke, dass Aufgeben eine Option sein könnte?

Farin Urlaub: Wie - Newton war ein Spießer? Revolutionäre These!

Auf "Endlich Urlaub" hatten Sie 2001 einen neuen Klangwerkzeugkasten aufgemacht, der seitdem immer routinierter eingesetzt wird und auf "Faszination Weltraum" vor allem durch originelle Variation Ergebnisse liefert. Woran liegt es, dass in den letzten Jahren immer weniger Einflüsse dazugekommen sind?

Um Lennon zu zitieren: I always liked simple Rock. Meine Einflüsse auf "Faszination Weltraum" waren eher literarischer Natur; Radio höre ich ohnehin nie.

"Fan" wirkt etwa wie die Gegenperspektive zu Kraftklubs "Unsere Fans", und beide Sichtweisen sind nachvollziehbar. Spricht bei Ihnen der Fan - oder der Star, der "Abwanderungserscheinungen" verarbeitet, die über die Jahre ja unvermeidlich sind?

Der Text ist durchaus ambivalent: zum einen habe ich natürlich schon seit dem zweiten Album eben diese ganzen Sätze schon hören beziehungsweise lesen müssen; zum Anderen sind mir als aktiver Fan bei diversen Künstlern auch schon solche Gedanken gekommen.

Die Bekannte einer Bekannten von mir hat einen handgeschriebenen Brief von Ihnen aus den 80ern, den sie als Ärzte-Fan auf eine Zuschrift hin bekommen hat und den sie wie ein Heiligtum verehrt, weil Sie ihr darin sehr konkret auf ihre Fragen geantwortet haben. Macht Sie sowas stolz, oder finden Sie es auch ein bisschen beängstigend?

Dass ich in den Achtzigern schon schreiben konnte, macht mich definitiv stolz.

Auf dem neuen Kraftklub-Album sind Sie unter Ihrem Pseudonym "Killkill Gaskrieg" als Gastmusiker vertreten. Wie haben Sie die Band kennengelernt, wie kam es zur Zusammenarbeit?

Ich kenne sie gar nicht; wir haben uns zwei Mal sehr kurz unterhalten, das war bisher alles. Philsen, der Produzent von "In Schwarz", hat unter anderem auch Teile von "Faszination Weltraum" gemischt und fragte irgendwann nach einem Banjo.

Was konkret haben Sie für die Platte gespielt oder gemacht?

Drei Töne auf dem Banjo.

"In Schwarz" klingt oft wie die Fortsetzung von Farin Urlaub mit jüngeren Mitteln, vor allem in der Gitarrenarbeit: Die Jungs klauen Ihnen zwar keine Songs, leihen sich aber gelegentlich Ihr Werkzeug. Haben Sie schon jemals bei einer Band so direkte Verbindungen gespürt?

Ist das so? Ich finde ihre Art, Gitarre zu spielen, viel moderner als meine. Und eher inspiriert von Bands wie den Kaiser Chiefs oder den Hives.

C3H5N3O9 ist die Summenformel von Nitroglycerin und damit eine prima Intellektuellen-Verarsche in "Dynamit". Googeln Sie sowas beim Textschreiben, um es extra einzubauen - oder suchen Sie jetzt schon in Chemiebüchern nach Inspiration?

Da das Lied "Dynamit" von Sprengstoff handelt und der volatile Bestandteil von Dynamit eben Nitroglyzerin ist, lag der Gedanke nahe, die Formel unterzubringen.

"Herz? Verloren" ist wieder ein sehr tolles Beziehungslied. Wie schaffen Sie es, diesem durchgelutschten Thema immer noch eine neue Drehung zu verpassen?

Ich bin immer noch dabei, meine Teenager-Traumata zu verarbeiten. (Ja, es war hart.)

Warum ist das Artwork des Albums eigentlich nicht mehr vom Leipziger Schwarwel?

Weil wir nicht mehr mit Schwarwel zusammenarbeiten.

Das neue Album

"Downloadbare Massenware" beklagt Farin Urlaub im Song "Fan", indem er halbironisch einem Star vorwirft, im Mainstream versumpft zu sein. Ja, der Mann ist nach wie vor einer der besten und scharfsinnigsten Texter und Fabulierkünstler des Landes. So scharf, dass er auch in eigene Wunden schneidet - früher war er nämlich wirklich besser, auch als Songschreiber: Vieles auf dem neuen Album "Faszination Weltraum" hat man von Urlaub auf seinen Soloplatten, wo er immer besser war als mit Die Ärzte, bereits gehört. Wenn er Unerhörtes anpackt, etwa die Architektur-Kritik "Dynamit", wirkt nicht so leicht wie sonst. Andererseits zeigt Urlaub sich noch stets sympathisch flexibel, etwa im Anti-Rebellions-Stück "Newton hatte Recht". Und seine Gitarren-Klasse ist selbst in abgeschwächter Form eine für sich!

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...