Werbung/Ads
Menü

 

Sachsens Kultusminister fordert Verbeamtung der Lehrer

Am Mittwoch wird Frank Haubitz als Kultusminister vereidigt. Sein erster Vorstoß dürfte im eigenen Lager für Schwierigkeiten sorgen.

Von Tino Moritz
erschienen am 14.11.2017

Dresden. Vor einem Monat war Frank Haubitz noch Schulleiter des Gymnasiums Dresden-Klotzsche, inzwischen hat sich der Parteilose in sein Amt als Kultusminister eingearbeitet. Am Tag seiner Vereidigung im Landtag sendet er ein deutliches Signal an das eigene Regierungslager - mit einer unmissverständlichen Forderung: "An der Verbeamtung führt kein Weg vorbei, wenn wir wettbewerbsfähig sein wollen", sagt der 59-Jährige im Interview der "Freien Presse". Er kenne die Vorbehalte, dass die Verbeamtung "etwas aus dem Kaiserreich sei und wir jetzt ein Modell des 21. Jahrhunderts bräuchten". Eine solche Lösung habe er aber nicht gefunden. "Ohne Verbeamtung haben wir null Chance auf dem Arbeitsmarkt", da die Referendare ansonsten abwanderten, warnte Haubitz. Im Vergleich zu Angestellten haben Beamte weniger Abzüge beim Gehalt und bekommen nach Erreichen der Altersgrenze eine Pension statt einer Rente.

Auch Amtsvorgängerin Brunhild Kurth, die vor den Herbstferien zurückgetreten war, hatte Sympathien für eine Verbeamtung, war aber am Widerstand aus den eigenen Reihen gescheitert. Zuletzt sparte die Unionsfraktion das strittige Thema laut Fraktionschef Frank Kupfer sogar auf ihrer Klausur aus.

Juniorpartner SPD räumt ein, dass inzwischen fast alle Bundesländer -außer Berlin und Sachsen (mit Ausnahme der Schulleiter und ihrer Stellvertreter) - ihre Lehrer verbeamten. Dennoch hält Bildungspolitikerin Sabine Friedel die Verbeamtung für einen Irrweg, weil Beamte nicht in das solidarische Sozialversicherungssystem einzahlten und der Staat für ihre Pension mehr Geld zurücklegen müsse. Dass eine Lehrerverbeamtung "deutlich teurer für den Freistaat" wäre, ermittelte auch das Institut für Mittelstands- und Regionalentwicklung, dessen Studie am Dienstag die Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft verbreitete.

Laut Friedel können 24.000 von 31.000 Lehrern zudem gar nicht verbeamtet werden - was zumeist an der Altersgrenze liege. Komme es dennoch zu einer Reform, müsse es vorher eine tarifliche Vereinbarung zur besseren Bezahlung der Bestandslehrkräfte geben, forderte die SPD-Abgeordnete.

"Schule unter Haubitz wird zur Schule des 21. Jahrhunderts", sagt der neue Kultusminister Frank Haubitz selbstbewusst.

Foto: Monika Skolimowska/dpa

"Ohne Verbeamtung - null Chance"

Dreieinhalb Wochen nach seinem Amtsantritt wird der parteilose Frank Haubitz am Mittwoch im Landtag als Kultusminister vereidigt.

Auf drei Wochen statt 100 Tage verkürzte Frank Haubitz sich selbst die übliche Schonfrist im neuen Amt - und stand danach Tino Moritz Rede und Antwort.

Freie Presse: Herr Haubitz, neben den Glückwünschen für Ihr neues Amt haben Sie von Ex-Kollegen auch Beileidsbekundungen erhalten. Wollen Sie nach den ersten drei Wochen wieder zurück an Ihre alte Schule?

Frank Haubitz: Es ist so ungefähr wie mit Don Quichotte und den Windmühlen. Jedes Mal, wenn ich in den letzten drei Wochen gedacht habe, ich hab's jetzt geschafft, war schon die nächste Baustelle da.

Die bisherigen Planungsgrundlagen entsprechen nicht dem, was wirklich nötig sei, haben Sie festgestellt. Zum 1. Februar suchen Sie Lehrer für 660 Vollzeitstellen. Wieviele Lehrkräfte fehlen Sachsen denn wirklich?

Es müssten etwa 1000 mehr sein. Aber es wäre unrealistisch, 1660 Neueinstellungen zu fordern. Ich wäre froh, wenn wir alle 660 Stellen besetzen könnten. Damit könnte der Ergänzungsbereich wenigstens zu 50 Prozent abgedeckt werden. Mein Ziel ist, innerhalb der nächsten fünf, sechs Jahre das Defizit immer mehr zu reduzieren. Dann werden wir zwar keine paradiesischen Zustände haben, sondern immer noch im Wettbewerb mit den anderen Bundesländern stehen. Aber wir werden dann im ruhigen Fahrwasser sein, und Schule wird nicht mehr Brennpunkt Nummer 1 sein.

Ihre Vorgängerin sprach vom Tal der Tränen.

Das will ich nicht wiederholen. Aber vor allem das nächste Jahr wird prekär. Ich hoffe ja, dass meine Kollegen an den Schulen sehen, dass ich vieles von ihren Forderungen umsetzen will, für die sich jahrelang niemand interessiert hat. Ich habe erkannt, worum es geht. Aber es muss ein Geben und ein Nehmen sein. Also: Helft mir bitte, die nächsten zwei, drei Jahre zu überstehen!

Für die 660 Stellen ab 1. Februar gibt es nur 14 fertig ausgebildete Referendare...

...wohlwissend, dass nicht jeder von ihnen bei mir ankommen wird! Sie sind auf dem Markt. Damit sie hier bleiben, muss ich ihnen was bieten. Sie wandern in die anderen Bundesländer ab, die alle verbeamten, bis auf Berlin. Von den etwa 500 Referendaren, die im Sommer 2018 fertig werden und dann zur Verfügung stehen, stammen 40 Prozent nicht aus Sachsen. Und von den anderen, unseren Landeskindern, wanderten bisher 40 Prozent aus. Wenn wir den Trend nicht umkehren, blieben uns nur 230 Referendare. Und wir müssen ab August wahrscheinlich 1200 Vollzeitstellen besetzen. An der Verbeamtung führt kein Weg vorbei, wenn wir wettbewerbsfähig sein wollen. Nur damit kann ich die immense Zahl der ausscheidenden Lehrer kompensieren. Die Verbeamtung hat den Charme, dass damit der eine oder andere erreicht wird, der uns in den 1990ern oder Anfang der 2000er-Jahre verlassen musste und jetzt in den alten Bundesländern verbeamtet ist.

Droht durch eine Verbeamtung keine neue Ungerechtigkeit bei der Bezahlung der Lehrerschaft?

Die Mehrheit ist älter als 46. Sie kann nicht mehr verbeamtet werden. Für sie müssen andere, differenzierte Lösungen her. Jeder hat andere Bedürfnisse, jeder hat andere Vorstellungen von Wertschätzung. Für sie tragen wir einen Strauß voller Möglichkeiten zusammen: Dass einer vier Jahre voll arbeitet und dann ein Jahr freibekommt. Dass jemand, der über 63 hinaus bleibt, eine zusätzliche Rente bekommt. Bei der Bildungsempfehlung für die Grundschullehrer werden wir das Worturteil weglassen - bisher ein immenser Aufwand. Wir sind auch dabei, Korrekturen von Abiturprüfungen an derselben Schule zu belassen. Wenn ein Kollege ein bestimmtes Alter erreicht hat, sollte ihn der Schulleiter nicht mehr als Klassenlehrer einsetzen. Man könnte auch ein paar Klassenarbeiten streichen. Muss ich sieben Mal im Halbjahr den Leistungsstand meiner Schüler abfragen, oder reichen drei Messpunkte? Es müssen ja nicht gleich drei Lehrer eine Klassenstufe zum Unterricht in die Schwimmhalle begleiten, das können ja auch Muttis tun. Ich kann nur Denkanstöße geben, die Entscheidung muss jede Schule treffen.

Gegen die Verbeamtung gab es bisher ja nicht nur in der CDU Widerstände, sondern auch bei Juniorpartner SPD. Wie wollen Sie dagegen ankommen?

Mit einem Vergleich: Sie stecken im Moor fest, nur noch die Arme sind draußen. Sie können entweder noch einen Ast am Ufer greifen - oder in die Hände klatschen. Nur diese zwei Möglichkeiten gibt es. Natürlich gibt es Leute, die sagen, dass Verbeamtung doch etwas aus dem Kaiserreich sei und wir jetzt ein Modell des 21. Jahrhunderts bräuchten. Aber wenn es diesen dritten Weg gäbe, dann hätte ich ihn gefunden. Und ich habe drei Wochen lang danach gesucht. Ohne Verbeamtung haben wir null Chance auf dem Arbeitsmarkt. Ich kann den jungen Leuten nicht damit kommen, dass sie lieber meine pinkenen Drops nehmen sollen - auch wenn sie gesund, lecker und vegan sind. Sie nehmen lieber den lila Drops der anderen.

Mit Verbeamtung würde Sachsen nur gleichziehen, also einen lila Drops unter vielen anbieten.

Das stimmt. Eigentlich müsste ich mein Produkt nicht nur anpassen, sondern besser machen, um Marktführer zu sein. Aber das wäre ein bisschen heftig.

Haben Sie denn dafür die Rückendeckung von Michael Kretschmer, ab Mitte Dezember wahrscheinlich Ihr neuer Chef ?

Soweit sind wir noch nicht. Gerade sind die Fraktionen von CDU und SPD für mich wichtig. Ich glaube, dass sie mein Bild vom Moor und dem Ast verinnerlicht haben. Vielleicht suchen sie noch krampfhaft nach einer anderen Lösung. Aber ich glaube nicht, dass sie die finden. Ich bin der festen Überzeugung, dass man irgendwann einschwenkt - und ich hoffe, nicht zu spät.

Vor Lehrern haben Sie neulich prophezeit, dass die Anzahl Ihrer Gegner wachsen wird, und Armin Müller-Stahl zitiert, dass man Freunde hat, sich aber die Feinde hart erarbeiten müsse. Warum so martialisch?

Ich habe Ideen, die zu einem Paradigmenwechsel führen. Schule unter Haubitz wird zur Schule des 21. Jahrhunderts. Da gibt es viele, die ich aus alten Denkmustern herausreißen muss und damit aus der Komfortzone hole. Da wird es kritisch, da werden mich nicht alle umarmen. Die Bildungsagentur muss zum Dienstleister werden - also nicht mehr nach oben Richtung Ministerium blicken, sondern nach unten zu den Schulen. Und im Ministerium wird man sich daran gewöhnen müssen, den Schulen nur noch Impulse statt zentrale Vorgaben zu liefern.

Frank Haubitz

Der parteilose 59-jährige Frank Haubitz war bis zu seiner Ernennung zum sächsischen Kultusminister am 23. Oktober als Schulleiter des Gymnasiums Dresden-Klotzsche tätig. Zudem führte der ausgebildete Diplomlehrer für Mathematik und Geografie den sächsischen Philologenverband - den Berufsverband der Gymnasiallehrer. Haubitz ist verheiratet und hat ein Kind. Der Wechsel an der Spitze des Kultusministeriums war notwendig geworden, weil Brunhild Kurth (CDU) vor den Herbstferien aus privaten Gründen überraschend zurückgetreten war. Sie hatte das Ministerium seit 2012 geleitet.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
10

Lesen Sie auch

Kommentare
10
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 16.11.2017
    19:32 Uhr

    BlackSheep: @cn3boj00, er denkt doch an die Schüler. Wenn man dafür sorgt das ausgebildete Lehrer sich um die Schüler kümmern und keine Quereinsteiger, dann ist das gut für die Schüler, Qualität kommt, für mich, vor allem von guter Ausbildung!
    Wo sie aber recht haben, der Beamtenstatus als solcher, ist inzwischen eine Ungerechtigkeit hoch drei gegenüber dem Rest des Landes!

    0 3
     
  • 16.11.2017
    11:17 Uhr

    Zeitungss: Einmal großzägig betrachtet, es ist eigentlich schon Erpressung. Entweder Verbeamtung oder wir gehen. Die Alterversorgung und die möglichst zeitige Inanspruchnahme ist dabei der springende Punkt, auch wenn es anders dargestellt wird. Es ist durchaus verständlich, wenn ein Lehrer sagt, warum der und ich nicht. Ich bin grundsätzlich für eine gerechte Bezahlung der Lehrer, am anderen Ende sollten dabei aber nicht nur Stundenausfälle stehen, wie ich es bei meinen Enkeln fast täglich miterleben darf.
    Die Politik hat mit ihrer Bildungskleinstaaterei für den derzeitigen Zustand den Grundstein gelegt.
    Der Neue in Dresden bekommt schon wieder Druck aus den eigenen Reihen und hat noch nicht einmal richtig angefangen, da frage ich mich schon, WAS soll es denn werden ???????

    0 4
     
  • 16.11.2017
    10:23 Uhr

    cn3boj00: Was mir an dem "Neuen" gar nicht gefällt: Er denkt bisher ausschließlich an Lehrer. Hat er auch schon ein Wort über Schüler und ihre Probleme gesagt? Es ist richtig: Man muss etwas dafür tun, dass Lehrer, die hier ausgebildet werden, nicht auswandern. Der Sprung nach Thüringen oder Sachsen-Anhalt ist ja nicht weit. Wahrscheinlich kommt man um die Verbeamtung nicht herum, weil dieses eigentliche Auslaufmodell, wo sich der Staat um die Altersversorgung kümmert, eben immer noch am Leben erhalten wird. Spielregeln werden sich dafür sicher finden, auch rechtlich korrekte, da sehe ich kein Problem, lieber @acals. Das Altlehrer dann die Dummen sind ist dumm, aber hier setzt man sicher darauf, dass nur wenige einen Neuanfang machen und weggehen. Dass es lauten Ärger geben wird, wird man wohl in Kauf nehmen müssen, um das Problem zu lösen.
    @ffc19: ich denke nicht dass es nur das Einstiegsgehalt ist, die Aussicht auf eine pension dürfte schon auch eine Rolle spielen. Sonst gäbe es nicht so viele "Junglehrer", die sich trotzdem Teilzeit leisten - so schlecht kann die Bezahlung also nicht sein. Wenn man das Beamtentum nicht generell abschafft oder aber auch Beamte in die Sozialkassen einzahlen lässt, ist eine Verbeamtung eben immer noch lukrativ.

    0 5
     
  • 16.11.2017
    08:07 Uhr

    acals: Die Phantasie des neuen Kultusministers reicht net weit: Die TVL angestellten Lehrer (> 47) in Verbeamtung zu heben, ist nur eine von vielen Varianten. Andere wurden hier bereits diskutiert.

    Ein weiteres Problem: Auf welcher rechtlichen Grundlage will der Minister ausgewaehlte Angestellte (Lehrer) nach TVL-Sachsen in Verbeamtung heben, anderen dieses aber verweigern?

    Das Land Sachsen weist selbst darauf hin das zum 30.06.2016 ca. 82000 Arbeitnehmer ueber TVL arbeiten. Wer entscheidet Kraft welchen eigenen Amtes/Position wer von diesen (auf Grund welcher Tatsachen) nun verbeamtet wird, wer nicht?

    0 5
     
  • 16.11.2017
    05:57 Uhr

    vomdorf: Vor allem sollte der Herr Finanzminister mal die Kinder zählen lassen, die in den nächsten Jahren eingeschult werden sollen. Ich denke, er wäre erstaunt, dass die Lehrerzahlen gar nicht stimmen und dass noch viel mehr gebraucht werden.Die Deutschen bekommen nämlich wieder Kinder, oft ein zweites, drittes oder viertes. In paar Jahren kommt wieder das große Erstaunen.
    Und nicht nur zu wenige Lehrer sind das Problem, auch die Schulen sind in vielen Orten zu klein.

    Wenn jetzt Neulehrer verbeamtet werden könnte das, denke ich, durchaus zu Unmut in den Lehrerzimmern führen. Die, die die ganzen Jahre das Ganze am Laufen gehalten haben( man soll mal nicht die Grundschullehrer vergessen, die sehr lange nur knapp über der Hälfte der regulären Stunden arbeiten durften und natürlich auch weniger verdienten. Das wirkt sich ja auch auf die Rente aus.)
    Man darf gespannt sein....

    1 4
     
Bildergalerien
  • 20.11.2017
Bilder des Tages (20.11.2017)

Enttäuschung ... Galerie anschauen

 
  • 19.11.2017
Soeren Stache
Hartes Ringen bei Jamaika-Sondierungen

Berlin (dpa) - Mit einem Bekenntnis zur Verantwortung für das Land haben die Jamaika-Unterhändler in der Schlussrunde um eine gemeinsame Linie für ein Bündnis gerungen. Die Verhandlungen sollten eigentlich am Sonntagabend bis 18.00 Uhr abgeschlossen sein, gingen aber in die Verlängerung. zum Artikel ... Galerie anschauen

 
  • 18.11.2017
Luca Bruno
Bilder des Tages (18.11.2017)

Frostig, Kopfüber, Umweltkatastrophe, Lichtblick, Proteste in Brasilien, Auf sie mit Gebrüll, Nah am Feuer ... ... Galerie anschauen

 
  • 17.11.2017
Jason Bryant
Bilder des Tages (17.11.2017)

Tete-a-Tete, Englisches Wetter, Weihnachtsmann-Seminar, Elefant an der Wand, Öko-Klo, Auf der Zugspitze, Aus dem Busch ... ... Galerie anschauen


 
 
 
 
 
 
 
 
am meisten ...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
|||||
mmmmm