Umstrittener Tweet: Wie politisch ist die Christmette?

Kann man nicht einmal mehr in der Kirche ein Weihnachten ohne Politik feiern? Oder sollte gerade dort beides zusammenkommen? Ulf Poschardt, Chefredakteur der Zeitung "Die Welt", hat dazu am ersten Feiertag eine wirre, aber auch bezeichnende Debatte ausgelöst.

Berlin.

Ruhe und Besinnlichkeit gehören ja vermeintlich zu den sehnlichsten Weihnachtswünschen der Deutschen: An den Feiertagen einfach mal das Außen stummstellen und nach innen tauchen, mit der Familie bestenfalls. Nur: Müsste man dazu nicht einfach mal das Handy ausschalten? Der konservative Provokations-Profi Ulf Poschardt scheinbar nicht: Kaum hatte der Chefredakteur der überregionalen Tageszeitung "Die Welt" kurz nach weihnachtlicher Mitternacht seine Kirche verlassen, machte er Twitter zornig: "Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den #Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?" schrieb er beim Kurznachrichtendienst, wo ihm über 21.000 Menschen folgen.

Es dauerte keine halbe Stunde, da begann eine heftige Debatte, an der sich viele namhafte Politiker wie auch reichlich Vertreter aller aktuellen Meinungsströmungen beteiligten, nur einen Tag später war die Welle im Netz zum eigenen Hashtag #PoschardtEvangelium hochgekocht. Die Eckpunkte: Aus linker Sicht handelt es sich bei Josef und der schwangeren Maria um Flüchtlinge, die in Bethlehem Asyl suchen, auch finden - und nach der Geburt des Judenjungen Jesus von allerlei Fremdländern besucht werden. Der Gegenentwurf zu alldem also, was CDU, CSU oder noch rechtere konservative Kreise derzeit in der politischen Gegenwart vorschlagen, um vermeintlich die hiesigen christlichen Werte zu schützen. Aus rechter Sicht ist dagegen spirituelle Religionserfahrung bei einer Christmette von aktuellen Fragen zu trennen: Es gehe um das Wesen der Barmherzigkeit im Großen und Ganzen, um theologische Reflexion, um eine Besinnung auf den Wesenskern des christlichen Glaubens und nicht um Belehrung in vermeintlichen Einzelfragen. Und schon warfen sich die Internet-Debatteure gegenseitig Pharisäertum, Unchristlichkeit, Vereinnahmung des Glaubens wie Boshaftigkeit vor. Eine Rechtsanwältin behauptete anhand ihrer Fachausbildung: "Jesus war kein Flüchtlingskind!" Gepostete Haderer-Cartoons zeigten dagegen deutsche Polizisten, die das Christkind aus der Krippe zur Abschiebung zerrten. Man nannte sich gegenseitig "Taufschein-" oder "Heiligabendchrist", hieb sich diverse Bibelsprüche (mal zur Nächstenliebe, mal zur Steinigung Homosexueller) um die Ohren, regten ironisch "Wotan-Abende mit Höcke" an - oder ernsthaft "echte deutsche Weihnacht". Katholiken bezichtigten Protestanten politischer Irrungen, Protestanten scholten Katholiken als weltvergessen. Dann wurde debattiert, ob Statistiken zur weltweiten Zahl der Anhänger diverser Religionen beziehungsweise Atheisten überhaupt stimmen könne - jede Seite fischte flugs Links aus dem Netz, um der anderen zu beweisen, dass man boshaft kleingerechnet sei.

Und natürlich ging es wieder einmal ausführlich darum, wer denn Urheber all dieser Werte sei, um die es ja gehe. Nur ging es, wie so oft in heutiger Zeit, in keiner Weise: um die Werte selbst. Oder um faktische Fragen, etwa: Ist es in einer Welt, die vom Rohstoff bis zum Endprodukt in allen Ecken und Winkeln zusammen- und voneinander abhängt, überhaupt möglich, geschlossene Exklusivsysteme dauerhaft ohne Gewalt aufrecht zu halten? Sind diese überhaupt nötig, um kulturelle Eigenheiten bestimmter Gruppen zu konservieren? Wiederum: Muss derlei überhaupt erhalten werden, wenn sich der Lauf der Dinge ändert? Alle tun immer so, als seien die Antworten längst klar. Aber sind sie das wirklich? Die Debatte zeigte wieder bildhaft, woran der gesellschaftliche Diskurs der letzten Zeit krankte - am reinen Geballer von Begrifflichkeiten nämlich. Am gründlichsten entkleidete das seltsame #PoschardtEvangelium dabei wohl den Begriff "Christ" selbst: Auch wenn das Wort gelegentlich noch als Synonym für "besserer Mensch" oder gar "wahrer Mensch" genutzt wird - längst ist diese Selbstbeschreibung inhaltlich so dehnbar, dass fast jeder mit seinem Wertesystem hineinpasst, der sich nicht ausdrücklich davon distanziert: Martin Luther wie Donald Trump, Tom Araya wie Albert Schweitzer, Björn Höcke wie Bodo Ramelow. Und da sind richtig die provokanten Beispiele vorsichtshalber weggelassen.

Apropos Provokation: Poschardt ist Medienprofi bei Springer. Als Mitherausgeber von Zeitschriften wie "Metal Hammer" hat er sicher dem Glauben Abträglicheres in die Welt gesetzt als die Mette, welche er heuer ertragen musste. Twitter und andere webbasierte Erregungsventilatoren nutzt er zur Massen- wie Relevanzsimulation. Muss man schon wieder Rapper Edgar Wasser aus "Promo oder Prostitution" zitieren? "Ist nicht schlimm, wenn dir der Song nicht gefällt / Ich mein, dein Klick wird ja trotzdem gezählt!"

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
6Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 4
    3
    norbertfiedler
    27.12.2017

    Liebe Mitkommentatoren, Hankmann und hkremss, ich wies lediglich auf eine falsche Behauptung hin. Nicht mehr, nicht weniger. Wie Sie daraus bzgl. meiner Person irgendwelche Schlüsse ziehen können wollen, ist rational in keinster Weise erklärbar und trifft keinerlei Aussage über meine Person, sondern Sie offenbaren damit lediglich ihr eigenes, voller niederträchtiger Vorurteilen beherrschtes Menschenbild. Sie haben offensichtlich leider die frohe Botschaft nicht wirklich vernommen, um diese in Ihr Handeln und Schreiben einfliessen zu lassen. Was nicht ist, kann aber noch werden. :-)

  • 3
    6
    hkremss
    27.12.2017

    @norbertfiedler: Sie haben den Artikel nicht verstanden. Sie politisieren auch nur, was für eine Politisierung nicht taugt.

  • 4
    5
    Hankman
    27.12.2017

    @norbertfiedler: Sie haben Recht und doch wieder nicht. Vielleicht schauen Sie doch lieber noch mal ins Neue Testament. (Macht sich in der Weihnachtszeit gar nicht so schlecht.) Bei der "Volkszählungsreise" handelte es sich nicht um einen touristischen Ausflug, sondern um eine Zwangsmaßnahme der Herrschenden. Christen wie Linke stellen bei ihrer Interpretation der Geschichte vor allem darauf ab, dass Maria und Josef in Bethlehem, wo sie sich nicht freiwillig aufhielten, keine Herberge fanden und überall abgewiesen wurden. Und, ich lehne mich jetzt mal gaaanz weit aus dem Fenster: Ich glaube, Sie hätten die beiden auch nicht eingelassen.

  • 3
    0
    473423
    27.12.2017

    Na ja, ich meine die die Sache mit der Flucht bezieht sich auf den Herodes-Befehl, die Kinder in Betlehem und Umgebung zu ermorden. Die Heilige Familie zog daraufhin nach Ägypten. Doch Flüchtlinge?

  • 4
    5
    Freigeist14
    27.12.2017

    Wenn der Autor Menschlichkeit,Barmherzigkeit und Solidarität mit Fremden als "linke Sicht" bezeichnet will ich dem nicht viel hinzufügen. Das die "Medienprofis" aus Springers "Welt" nicht mal am HeiligAbend ihr Tagewerk der Denunziation und Spaltung der Gesellschaft vergessen können zeigt die Blasphemie,sich überhaupt in eine Kirche zu wagen.

  • 6
    2
    norbertfiedler
    26.12.2017

    "Aus linker Sicht handelt es sich bei Josef und der schwangeren Maria um Flüchtlinge, die in Bethlehem Asyl suchen, ..." Wer in der Kirche bei der Weihnachtsgeschichte aufmerksam zugehört hat, weiß, dass diese Flüchtling-Behauptung jeglicher Grundlage fehlt. Es sei denn, die Volkszählungsreise ist mittlerweile "Flucht".



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...