Chemnitz: "Hochbrisante" Sprengstoffspuren - Fahndung nach Tatverdächtigem

Chemnitz. Nach dem Fund "hochbrisanten" Sprengstoffs in einer Wohnung im Heckertgebiet will die Polizei das Material in Erdlöchern entsorgen. Ob das Material durch eine gezielte Sprengung unschädlich gemacht werden soll oder durch eine andere Methode, ließ ein Sprecher am Nachmittag vor Medienvertretern offen.

Die Polizei hatte am Nachmittag den Evakuierungskreis erweitert und noch mehr Anwohner der betroffenen Wohnung in Sicherheit gebracht - insgesamt waren 100 Menschen betroffen.

Bei der Durchsuchung einer Wohnung an der Straße Usti nad Labem entdeckte die Polizei am Nachmittag mehrere hundert Gramm von "hochbrisantem" Sprengstoff. Worum es sich handelte, wollte die Polizei nicht sagen. Ein Verdächtiger, ein 22-jähriger Syrer, ist  auf der Flucht. Aus Sicherheitskreisen erfuhr die Deutsche Presse-Agentur, dass es einen Zusammenhang mit der Terrormiliz "Islamischer Staat" gibt.Bei dem Gesuchten handelt sich um Jaber Albakr. Dem 1994 in Saasaa geborenen Mann wird vorgeworfen, einen Sprengstoffanschlag geplant zu haben. Die Polizei veröffentlichte am Samstagnachmittag einen Fahndungsaufruf. Der Gesuchte ist vermutlich mit einem schwarzen Kapuzensweatshirt mit auffälligem Druck bekleidet. Hinweise erbittet das Landeskriminalamt Sachsen unter 0351 8554114/E-Mail lka@polizei.sachsen.de oder jede andere Polizeidienststelle.

Im Zuge der Anti-Terror-Ermittlungen sperrte die Polizei kurz nach 15 Uhr auch den Hauptbahnhof teilweise für Reisende. Spezialisten untersuchten dort Gepäckstücke, die zwei dort festgenommene Verdächtige bei sich hatten. "Dass gesperrt werden muss, kann ich nachvollziehen. Aber dass hier niemand von der DB vor Ort ist, der Auskunft gibt, finde ich schwach", sagte ein Reisender, der nach Olbernhau wollte.

Am Nachmittag gab es einen weiteren Polizeieinsatz an der Mozartstraße. Auch dort wurde eine Person festgenommen.

Mit einem Großaufgebot war die Polizei in Chemnitz schon am Samstagfrüh ins Fritz-Heckert-Gebiet ausgerückt. Mit Maschinenpistolen bewaffnete Beamte sicherten einen Bereich an der Straße Usti nad Labem. Das Areal wurde abgesperrt.  In einer Wohnung wurden schließlich geringe Mengen des Sprengstoffs entdeckt. Am Mittag erfolgte ein Zugriff. Der gesuchte Jaber Albakr wurde jedoch nicht dingfest gemacht.

LKA-Sprecher Tom Bernhardt sagte: "Wir wollen ihn so schnell wie möglich finden." Die Durchsuchung in der Wohnung habe den Verdacht bestätigt, "dass dort mit Sprengstoff hantiert wurde". Noch sei unklar, ob der Gesuchte als Flüchtling nach Deutschland gekommen sei. Beim Verfassungsschutz hätten jedoch "Erkenntnisse" zu ihm vorgelegen. Medienberichte über einen geplanten Terroranschlag auf einen deutschen Flughafen bestätigte das LKA nicht.

Die Durchsuchungen in dem Plattenbaugebiet liefen bis zum Nachmittag. Beamte des Spezialeinsatzkommandos sprengten die Tür einer Wohnung, um sie zu durchsuchen. "Keine Panik, wir haben die Lage unter Kontrolle", hieß es am Nachmittag. Die Polizei forderte die Bewohner des abgesperrten Gebiets dennoch auf, zunächst zu Hause zu bleiben. Sie lobte zudem die Ruhe und Besonnenheit, mit der die Anwohner auf den Einsatz reagierten.

26 Mieter aus dem Haus Usti nad Labem 97 waren mit Bussen in die nahe gelegene Schule gebracht worden, das Haus wurde evakuiert umliegende Blöcke im Umkreis von 200 Meter. Anwohner Vincento Gruppuso (18) schilderte, wie er den Polizeieinsatz erlebte: Gegen 11 Uhr sei er aufgestanden, nachdem seine Freundin, die im dritten Stock im Haus Usti nad Labem 97 wohnt, früh auf Arbeit gegangen war. Seine Mutter habe ihn angerufen, weil sie vom Polizeieinsatz gehört hatte. "Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich vermummte Polizisten und einen grauen Geländewagen", so der 18-Jährige. Er sei aus der Wohnung gegangen und habe links in den Lauf eines Maschinengewehrs geblickt. Er sei aufgefordert worden, das Haus zu verlassen. Er sei dann an der Hauswand zu einem Bus geführt worden. Im Bus sei er dann mit weiteren Anwohnern zur Schule gefahren worden. Seine Mutter habe ihn abgeholt - so konnte er sich mit Freunden treffen, die gemeinsam den Polizeieinsatz beobachteten. Vincentos Vater ist Italiener. Wegen seines fremdländischen Aussehens sei er am Tag daher gleich mehrfach angesprochen worden, ob er was mit dem geplanten Sprengstoffanschlag was zu tun hat. Philipp Brietzke berichtete, so etwas habe er in Chemnitz noch nicht erlebt.

Am Nachmittag wurde ein Bürgertelefon eingerichtet - die Nummer: 0371 3872027.

Die Polizei berichtete über Twitter fortlaufend vom Einsatz. (bj/cmey/fp/dpa)b

Vereitelte islamistische Sprengstoffanschläge in Deutschland

In den vergangenen Jahren wurden mehrere islamistische Sprengstoffanschläge in Deutschland vereitelt. Einige aufsehenerregende Fälle:

September 2007: Die islamistische Sauerland-Gruppe wird gefasst. Die vier Mitglieder werden wegen geplanter Terroranschläge auf Diskotheken, Flughäfen und US-Einrichtungen in Deutschland zu mehrjährige Freiheitsstrafen verurteilt.

April 2011: Ermittler nehmen in Düsseldorf drei mutmaßliche Al-Kaida-Mitglieder fest, die einen Sprengstoffanschlag in Deutschland geplant hatten. Im Dezember 2011 wird ein vierter Verdächtiger gefasst. Die Männer müssen mehrere Jahre ins Gefängnis.

Februar 2016: Die Polizei kommt einer mutmaßlichen Terrorzelle auf die Schliche und schlägt gleichzeitig in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zu. Die vier Verdächtigen hatten womöglich einen Anschlag in Berlin geplant.

Juni 2016: Spezialkräfte der Polizei nehmen drei mutmaßliche Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Brandenburg fest. Sie sollen einen Anschlag in der Düsseldorfer Altstadt geplant haben.

September 2016: Ein 16-jähriger Flüchtling aus Syrien wird von der Polizei in Köln festgenommen. Laut den Ermittlern hatte er einen Sprengstoffanschlag geplant und von einem Chatpartner im Ausland Anweisungen zum Bombenbau erhalten.

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2Kommentare
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  • 1
    13
    hkremss
    08.10.2016

    @Pelz: Ich bin auch überrascht! Die letzten, die in Chemnitz Sprengstoffanschläge planten (und ausführten), waren Deutsche. Und denen ist leider niemand vorab auf die Schliche gekommen.

  • 14
    2
    Pelz
    08.10.2016

    Tatsächlich? Echt? Ein Syrer? Unglaublich!



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