Der nächste Energie-Discounter ist pleite

Von der Insolvenz der Firma BEV sind auch viele Sachsen betroffen. Vergleichsportale sind daran nicht unschuldig.

Ausbleibende Schlussrechnungen, nicht ausgezahlte Guthaben und Boni, drastische Preissteigerungen: Bei den Verbraucherzentralen häuften sich zuletzt die Beschwerden über die Bayerische Energieversorgungsgesellschaft (BEV). Am Dienstag hat das Amtsgericht München ein Insolvenzverfahren für den Strom- und Gasanbieter eröffnet. Wie zuerst die "Wirtschaftswoche" meldete, ist der Anwalt Axel Bierbach zum vorläufigen Verwalter bestellt worden.

Betroffen sind nach Schätzungen von Branchenkennern eine halbe Million Kunden im gesamten Bundesgebiet - darunter auch zahlreiche Abnehmer aus Sachsen. Wie viele genau, lässt sich bisher nicht beziffern. "Bei uns war die BEV in den vergangenen zwei Monaten der am häufigsten genannte Anbieter, wenn es um Beschwerden ging", sagt Katja Henschler von der Verbraucherzentrale Sachsen.

Wie das Unternehmen über eine eigens eingerichtete Webseite mitteilt, könne es vertraglich vereinbarten Lieferverpflichtungen nicht mehr nachkommen. Daher fielen die Kunden automatisch in die Ersatzversorgung durch ihren kommunalen Grundversorger. In der Stadt Chemnitz ist das die Eins Energie in Sachsen GmbH & Co. KG, in Südwestsachsen unter anderem Envia-M. Dass der Strom abgestellt wird, muss niemand befürchten.

"Überweisen Sie kein Geld mehr auf die Konten der BEV", heißt es in einer Mitteilung der Verbraucherzentralen. "Der vorläufige Insolvenzverwalter wird Ihnen stattdessen ein Ersatzkonto mitteilen." Wichtig sei ebenfalls, noch bestehende Sepa-Lastschriftmandate zu widerrufen - idealerweise mit einem Einwurfeinschreiben an die Adresse der BEV in München.

Wer noch auf einen in Aussicht gestellten Bonus wartet oder zuviel gezahltes Geld zurückbekommen will, werde diese Ansprüche vermutlich im Rahmen des Insolvenzverfahrens stellen müssen, so die Verbraucherschützer. "Bestehen Ihnen gegenüber Forderungen der BEV, sollten Sie die Rechnung zunächst genau prüfen",rät Henschler.

Dass die BEV über mehrere Jahre sehr erfolgreich neue Kunden gewonnen hat, habe an den günstigen Preisen und hohen Boni gelegen, heißt es bei der Stiftung Warentest. Demnach lagen die Tarife bei den zwei großen Vergleichsportalen häufig auf den vordersten Plätzen. Wohl seit Mitte Dezember haben Check24 und Verivox allerdings keine BEV-Tarife mehr vermittelt. Auf Nachfrage der "Freien Presse", wie man mit den von der Insolvenz betroffenen Kunden umgehe, teilt Verivox-Sprecher Lundquist Neubauer mit, ein Serviceteam werde sich um jeden Kunden kümmern. "Da wir aber keine Rechtsberatung durchführen dürfen, vermitteln wir schwierige Fälle an die Verbraucherzentralen." Hier übernehme Verivox die Kosten für eine erste Rechtsberatung - maximal aber 30 Euro.

Doch die Ankündigung erntet Kritik: "Erst Tarife vermitteln und wenns schiefgeht, die Rechtsberatung zahlen? Das ist zynisch", kommentierte Niklaas Haskamp von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg die Ankündigung kurz darauf auf Twitter.

Der Fall BEV hatte in den vergangenen Wochen auch deshalb für Empörung gesorgt, weil das Unternehmen versucht hatte, vorzeitige Preiserhöhungen durchzusetzen, die so gar nicht erlaubt sind. Demnach sollten Haushalte, die in ihrem Vertrag eine "eingeschränkte Preisgarantie" vereinbart hatten, freiwillig einer vorzeitigen Anhebung ab diesem Monat zustimmen. Begründet wurde dies mit gestiegenen Großhandelspreisen. Doch bei dieser Garantie dürfen die Preise lediglich dann angepasst werden, wenn sich Steuern, Abgaben oder Umlagen ändern.

Wer durch die BEV-Insolvenz bei seinem kommunalen Grundversorger gelandet sei, sollte möglichst bald einen neuen Energievertrag abschließen, empfiehlt Katja Henschler. "Denn die Ersatzversorgung ist meist die teuerste Versorgungsart." Wichtig sei, sich beim neuen Anbieter alle Konditionen genau anzuschauen - und sich nicht nur von hohen Boni-Versprechen zur Unterschrift verleiten zu lassen.

Weitere Infos:

www.bev-inso.de (Aktenzeichen: 1513 IN 219/19) www.verivox.de/bev-insolvenz/

Musterbrief der Verbraucherzentralen für Sonderkündigungen: www.freiepresse.de/sonderkuendigung

Tipps der Verbraucherzentralen für von der Insolvenz betroffene Kunden www.freiepresse.de/bev


Kommentar

Ärger mit Ansage

Da ist sie wieder - die Frage, welchem Strom-Discounter man trauen kann. Mit Blick auf den insolventen Energieversorger BEV steht zumindest eines fest: Gute Bewertungen der Vergleichsportale sind kein Entscheidungskriterium. Hätten Sie beispielsweise Anfang dieser Woche bei Verivox den Suchbegriff "BEV" eingegeben, hätten Sie eine Empfehlungsquote von knapp 90 Prozent für diesen Versorger gesehen. Trotz der Insolvenzgerüchte, trotz der Warnungen von Verbraucherschützern, trotz der Ermittlungen der Bundesnetzagentur.

Aus heiterem Himmel kommt der Ärger mit der BEV nicht. Schon 2017 gab es Negativschlagzeilen. Damals hatte die Firma ihren Kunden Boni versprochen, wenn die auf Vergleichsportalen positive Bewertungen hinterlassen. Verbraucherschützer hatten die BEV daraufhin verklagt. Obwohl der Fall mit einem Vergleich endete, hätten damals schon die Alarmglocken läuten müssen. Insofern sollten potenzielle Kunden lieber prüfen, wie hoch die Beschwerdequote bei ihrem Wunschversorger ist - und dann entscheiden, ob ihnen die Ersparnis das Risiko wert ist.

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