Sachsen ist in Ostdeutschland das Schlusslicht bei den Löhnen

Arbeitnehmer im Freistaat verdienen weniger als ihre Kollegen zwischen Thüringer Wald und Ostseeküste. Grund dafür sei die geringe Tarifbindung, sagt die Gewerkschaft. Die Arbeitgeber sehen das anders.

Chemnitz.

Beim Lohn gibt es nicht nur Unterschiede zwischen Ost und West, sondern auch ein spürbares Gefälle innerhalb Ostdeutschlands. Schlusslicht ist dabei Sachsen. Beschäftigte gleichen Geschlechts, im gleichen Beruf und mit vergleichbarer Berufserfahrung verdienen im Freistaat bundesweit am wenigsten. Zu diesem Ergebnis kommt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Die Verdienste liegen hier um 18,2 Prozent unter dem Niveau für vergleichbare Tätigkeiten im Westen. Zum Vergleich: In Thüringen beträgt der Lohnrückstand zum Westen 16,9 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern 15,3 Prozent und in Brandenburg 13,9 Prozent.

WSI-Tarifexperte Malte Lübker begründete das schlechte Abschneiden Sachsens mit der bundesweit niedrigsten Tarifbindung. 40 Prozent der Beschäftigten im Freistaat sind laut WSI in einem Betrieb tätig, in dem ein Branchen- oder Haustarif gilt. In Ostdeutschland insgesamt gilt dies für 45 Prozent. Im Westen sind es 56 Prozent. Die Wirtschaftsstruktur in Sachsen sei zwar gut - es gebe einen hohen Anteil gut qualifizierter Arbeitnehmer und eine starke Industrie, sagte Lübker. Der Anteil der Mitarbeiter, die nicht nach Tarif entlohnt werden, sei hier jedoch größer als irgendwo sonst in Deutschland. Zudem zahlten Betriebe ohne Tarifvertrag deutlich weniger als vergleichbare Firmen im Freistaat mit Tarifvertrag. Danach liegen die Löhne in nicht tarifgebundenen Firmen im Schnitt um gut ein Drittel unter denen in Betrieben mit Tarifvertrag. Rechne man Faktoren wie Unterschiede in der Betriebsgröße, im Wirtschaftszweig oder in der Qualifikationsstruktur der Belegschaft heraus, bleibe noch eine Lohnlücke von knapp 15 Prozent.

Vergleicht man nur Firmen mit Tariflöhnen, sind die Unterschiede zwischen Ost und West hingegen nicht mehr groß. Lübker: "Bei den Tariflöhnen haben die Gewerkschaften eine weitgehende Angleichung zwischen Ost und West durchsetzen können." So habe das Tarifniveau in Ostdeutschland im vorigen Jahr bei 97,6 Prozent des Westens gelegen.

Die Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft (VSW) erklärte auf Anfrage, dass die Wirtschaft im Freistaat von kleineren Firmen geprägt ist. Und diese könnten "in den meisten Fällen das hohe Tempo der Entgeltsteigerungen im Flächentarifvertrag" nicht mithalten, weil sie am Markt die erforderlichen Preise nicht durchsetzen könnten und nicht die Erträge erwirtschafteten wie Großunternehmen. Eine pauschale Antwort, weshalb die Tarifbindung in Sachsen vergleichsweise niedrig ist, gebe es jedoch nicht, so der Arbeitgeberverband.

Das WSI hatte für die Analyse fast 175.000 Datensätze des von ihm erstellten Lohnspiegels ausgewertet. Dabei wurden Lohnunterschiede statistisch herausgerechnet, die sich mit Faktoren wie Berufserfahrung, Geschlecht, Betriebsgröße oder einer Leitungsfunktion erklären lassen. Man habe also Menschen, die im gleichen Beruf tätig sind und auch sonst ähnliche Merkmale haben, so Lübker. "Die verbleibenden Gehaltsunterschiede lassen sich folglich nicht darauf zurückführen, dass etwa in Ingolstadt oder Stuttgart mehr hoch qualifizierte Ingenieure arbeiten als in der Niederlausitz." Die Arbeitgeber wiesen jedoch darauf hin, dass zwar Faktoren wie die Betriebsgröße berücksichtigt wurden, nicht jedoch die Branche. "Dabei macht es einen Unterschied, ob Beschäftigte etwa als Gabelstaplerfahrer im Werk eines (sehr) großen Autoherstellers arbeiten oder in einem Logistikzentrum", hieß es.

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3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    1
    Interessierte
    08.10.2019

    Traurig , sehr traurig ................
    Das ehemalige Industrieland wurde ausgeplündert und die Fachleute in den Westen geholt und der Rest wird billig entlohnt und der allerletzte Rest kriegt Almosen ...

  • 6
    0
    Zeitungss
    08.10.2019

    @Hankman: Was erwarten Sie schon von einem Arbeitgeberverband außer JAMMERN, wo diese Kaste schon an der Erfassung der Arbeitszeit kläglich scheitert . Millionen u n b e z a h l t e Überstunden stehen in D. im Raum, eine Nichterfassung dieser Stunden ist dabei der Königsweg für diesen Zustand. Sachsen ist auch hier führend. Ein vogtländisches Busunternehmen hat kürzlich den Tarifvertrag neu entdeckt und zwar aus der Not heraus, sollte Arbeitszeiterfassung wieder das Problem sein, ist es der blanke Witz.

  • 15
    1
    Hankman
    07.10.2019

    Die Argumentation des Arbeitgeberverbandes kann ich so nicht ganz nachvollziehen. Unterscheidet sich die Wirtschaftsstruktur in Sachsen wirklich so stark von der in den anderen Ost-Bundesländern? Für mich bleibt als Konsequenz der Studie: Ich möchte künftig von sächsischen Firmen nur noch gedämpften Jammer über den Fachkräftemangel hören. Denn anscheinend ist ein Teil hausgemacht.



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