Warum es beim Ausbau der Windkraft so häufig knallt

Wenn irgendwo in Sachsen Pläne zur Errichtung von Windrädern laut werden, hagelt es Proteste. Wie diese Konflikte entschärft werden könnten, hat Eva Eichenauer erforscht.

Chemnitz/Leipzig.

Lange Genehmigungsverfahren, viele Klagen, lautstarker Widerstand - der Ausbau der Windenergie stockt. So ist in Sachsen im ersten Halbjahr 2019 kein einziges Windrad neu ans Netz gegangen, obwohl nach Einschätzung der Grünen bis 2030 jährlich netto 40 bis 65 hochmoderne Anlagen hinzukommen müssten - und das wäre sogar nur die Hälfte des Erzeugungszuwachses, um die Klimaschutzziele des Bundes zu erreichen. Doch wo auch immer Investoren in Sachsen Anlagen errichten wollen, beißen sie auf Granit.

Im erzgebirgischen Rechenberg-Bienenmühle etwa hat ein Bürgerentscheid die geplante Modernisierung eines Windparks gestoppt. Ob Windradpläne für Memmendorf bei Oederan, bei Lengenfeld, Amtsberg oder Zwönitz - allerorten regt sich Protest, sprechen sich wie in Treuen oder Lengenfeld Stadträte gegen den Bau der Anlagen aus, machen Bürgerinitiativen mobil oder stellen sich Bürgermeister wie in Amtsberg oder Gelenau hinter die Gegner. So sind allein gegen den Entwurf eines Regionalplans, der Vorrangflächen für die Windenergie festlegt, mehr als 7000 Einwände und Gutachten eingegangen. Mit einer Fertigstellung dieses Papiers ist deshalb frühestens Ende des Jahres zu rechnen.

"Bei nichts anderem knallt es so heftig wie bei Windrädern", konstatiert Eva Eichenauer. Die Konfliktforscherin vom Leibnitz-Institut für raumbezogene Sozialforschung beschäftigt sich seit fünf Jahren mit Bürgerinitiativen gegen Windkraft. Sie hat untersucht, warum diese Konflikte derart eskalieren ­­ und unter welchen Umständen die Menschen bereit wären, Windräder zu akzeptieren. Das Ergebnis ihrer Umfragen, das sie kürzlich Mitgliedern des sächsischen Windenergieverbands BWE vorgestellt hat: 60 Prozent derjenigen, die sich in Bürgerinitiativen organisiert haben, lehnen Windräder kategorisch ab. "Mit denen ist auch kein Gespräch zu führen", sagt Eichenauer. "Zumal sich von diesen Menschen auch nur 0,8 Prozent vorstellen könnten, sich finanziell an Windrädern zu beteiligen. Deren Standardargument lautet: Wir lassen uns nicht kaufen. Bei den Unorganisierten kann sich hingegen knapp die Hälfte eine finanzielle Beteiligung durchaus vorstellen. Mit denen lässt sich reden."

In den Interviews hat Eichenauer festgestellt: "80 bis 90 Prozent der Windkraftgegner sind Mitläufer. Geführt werden sie von einigen wenigen. Oft sind das Rentner oder kurz vor der Rente stehende Bürger, häufig auch Akademiker." So viele machten gar keinen Alarm, aber die wenigen seien ziemlich laut.

Dabei ist Eichenauer in ihren Feldstudien auf ein zunehmendes Misstrauen gegen Genehmigungsbehörden, Institutionen und die Wissenschaft gestoßen. "Die Transparenz von Entscheidungsprozessen wird angezweifelt - nach dem Motto: Da wird doch gemauschelt." Immer wieder taucht auch die Frage nach Gerechtigkeit auf: "Wir haben 5000 Einwendungen gegen den Regionalplan geschrieben, aber nur eine einzige, nämlich die Gefährdung des Rotmilans, ist anerkannt worden. Wie kann das sein?" Oder: "Da kommt ein Investor aus dem Westen und wir haben nichts davon."

Eichenauer warnt davor, das zu verdammen. "Das Sankt-Florians-Prinzip wird und darf es immer geben", sagt sie. "Schließlich vertreten diese Menschen auch nur ihre eigenen Interessen, weil sie fürchten, dass ihr Haus an Wert verliert." Lärm, Infraschall, Schattenwurf, Verspargelung der Landschaft, tote Vögel und ein stark schwankendes Stromangebot, das zu Versorgungsrisiken führt - so lauten die immer wieder vorgebrachten Argumente der Gegner. Wenn die Leute dann auch noch das Gefühl hätten, dass ihre Ängste oder Wünsche ignoriert werden, führe das oft zu populistischen Bewegungen, sagt Eichenauer. Dabei werde sich auf den "gesunden Menschenverstand" berufen. Expertenwissen oder Gutachten werden infrage gestellt. "Und wenn die Leute dann enttäuscht sind, weil all ihre Einwendungen, Protestaktionen und Unterschriftenlisten nichts bringen, fangen sie an, komische Parteien zu wählen, wie mir eine Frau mal erzählt hat."

Eichenauer rät, die Menschen vor Ort an den Anlagen teilhaben zu lassen. "Die Leute fühlen sich ungerecht behandelt, wenn sie in den Windrädern keinen Nutzen für ihr Dorf sehen", sagt sie. "Dabei geht es nicht allen um eine monetäre Beteiligung, sondern auch um andere Gegenleistungen wie neue Radwege?" Sie empfiehlt, im Kleinen Vertrauen zu schaffen - und auf die kommunikationsbereiten Bürger vor Ort zuzugehen. "Idealerweise sind das die Bürgermeister, die oft Autorität besitzen. Ansprechpartner wären auch die Flächeneigner." Zielführend sei zudem, Diskussionen über sinnvolle Ausgleichsmaßnahmen anzuregen oder beim Bürgermeister zu erfragen: Was hättet ihr denn gern?

Die Branche ist da aber skeptisch. "Wir sind auch schon an die Wand genagelt worden, weil uns ein Bestechungsversuch vorgeworfen wurde, als es um eine vernünftige Pachtsumme für eine kommunale Fläche ging", sagt BWE-Landeschef Martin Maslaton. Ein Branchenvertreter erklärt: "Die Bürgermeister wägen ab, ob die Mehrheit in ihrer Gemeinde dafür oder dagegen ist. Das ist auch in der frühen Phase die Grundlage für ihre Entscheidung, ob sie mit uns sprechen oder nicht." Deshalb wende er sich in 95 Prozent der Fälle nicht zuerst an den Bürgermeister. "Weil ich dann ein Feuer entfache, das nicht mehr kontrollierbar ist." Seine ersten Ansprechpartner seien die Grundstückseigner. "Bei denen, die nicht zum Zuge kommen, spielt dann aber oft Neid eine Rolle - und dann finden die sich in einer Bürgerinitiative zusammen, um angeblich für den Erhalt des Landschaftsbildes oder den Artenschutz zu kämpfen."

Eichenauer bleibt dabei: "Solange jeder weiter wie bisher agiert, wird es auch weiterhin knallen." Sie glaubt fest daran, dass eine regionale Beteiligung an der Wertschöpfung der Windräder die Akzeptanz steigert. "Sobald Geld fließt, ändern sich Meinungen", sagt sie. "Und dieses Geld sollte zweckgebunden in der Kommune eingesetzt werden, damit alle einen Nutzen davon haben."

Bewertung des Artikels: Ø 4.8 Sterne bei 4 Bewertungen
8Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    3
    VaterinSorge
    11.10.2019

    Wir haben uns die Erde nur bei unseren Kindern geborgt. Und nun schaut sie Euch an, was wir unseren Kindern für ein Chaos übergeben. Ist es denn wirklich wert, die Landschaften durch Windparks und riesige Solarflächen zu verschandeln? Das ist unumkehrbar und wissenschaftlich überhaupt nicht erwiesen, dass diese Art der Energieerzeugung und des Transports rational und wirtschaftlich gerechtfertigt ist. Abgesehen von der tatsächlichen Grundstücks- und Eigenheimentwertung, ist das Wohn- und Lebensgefühl in Sichtweite von Windrädern wirklich stark beeinträchtigt. Alle dt. Nachbarländer rüsten schon mal auf, um uns ihren Strom schon mal zu verkaufen, falls es dann doch nicht so reicht mit der regenerativen Energie. Wir werden zukünftig völlig andere Energiegewinnungskonzepte erleben, das ist sicher. Es werden aber mit Sicherheit keine Windräder, Solarzellen oder E-Autos sein, sondern eine Mischung eigener Energiegewinnung und deutlich reduzierten Energieverbräuchen im täglichen Leben. Weniger Exporte, kürzere Transportwege für Waren des täglichen Bedarfs, Null Energiehäuser, weniger Verpackungen, effizientere Verkehrskonzepte usw. werden das Leben verändern. Dazu braucht man keine Windräder an Stellen, wo sie einfach unangenehm stören.

  • 3
    3
    Tauchsieder
    09.10.2019

    Dann empfehle ich ihnen "From......." sich mit den unmittelbar Betroffenen zu unterhalten. Die finden sie deutschlandweit, da müssen sie sicherlich nicht lange suchen.

  • 6
    6
    FromtheWastelands
    09.10.2019

    @Tauchsieder ach isses wahr!?
    Einen Nachweis über diese Wertminderung würde ich sehr gerne sehen und die Begründung über einen derartigen Wertverlust sehr gerne lesen.
    (Das meine ich übrigens ernst und nicht sarkastisch)

  • 6
    6
    Tauchsieder
    07.10.2019

    Wenn die Politik versucht jemanden etwas über zu stülpen ist dies das Ergebnis. Da helfen auch keine Bestechungsversuche mit Radwegen, oder anderen Firlefanz. Vor allem, wenn bei dem Ausbau der WKA bestehendes Recht gebrochen wird, Schaden und Nutzen in keinem Verhältnis stehen.
    Einfaches Rechenbeispiel:
    - Grundstück mit Haus vor Errichtung einer WKA = 500 000€ Wert !
    - Nach Errichtung einer WKA in Sichtweite = unverkäuflich, oder höchstens die Hälfte Wert !

  • 4
    11
    FromtheWastelands
    07.10.2019

    Das altbekannte Problem, alte Menschen die mit der Welt nicht mehr klar kommen und gegen alles anschreien was nicht mehr in ihr rückständiges Weltbild passt, sei es E-Mobilität, 5G-Ausbau oder Windenergie.
    Sinnlos mit solchen Gestalten zu diskutieren, man redet gegen eine Wand.
    Was aber durchaus hilfreich wäre, wenn man als Betreiber mal etwas für die Gemeinden springen lässt, etwa Radwege oder Investitionen in die Infrastruktur. Die Gegen-alles-Brigade kann man damit zwar nicht überzeugen, aber gerade die Jüngeren, zumindest wenn es sie noch gibt, wären für sowas bestimmt zu haben.

  • 10
    5
    OlafF
    07.10.2019

    @Q....k....: Das fragen Sie besser die 3000 Kumpel in der Lausitz und an anderen Orten in D und die anderen tausenden Beschäftigten, welche dort dranhängen. Mein Schwiegersohn arbeitet bei Bremerhafen in der ,,Windkraft". Er hat bereits mehrmals den AG wechseln müssen, weil der Hype selbst dort vorbei ist. Selbst dort ist bald Ebbe, obwohl fast immer Wind weht. Die Rechnung geht nicht auf. Lesen Sie den Link der UNI Heidelberg. Dann geht Ihnen vielleicht ein Licht auf....Auf die große Koalition setze ich keine 10 Pfifferlinge mehr. Wenn die Grünen ihre radikalen Pläne durchsetzen und die Kernkraftwerke wirklich abgeschaltet werden, was glauben sie. Werden die Polen uns ihren billigen Kohlestrom verschenken, oder die Franzosen ihren Atomstrom?

  • 8
    10
    quatschkopf
    07.10.2019

    Sie meinem also Kohlenabbau und Ölförderung gegen ohne Umweltzerstörung ab? Oder geht es nur darum dass es möglichst nicht vor der eigenen Haustür stattfindet? Aus dem Augen aus dem Sinn, diesem Eindruck kann ich mich nicht erwehren wenn ich die Konsequenzen neinsager höre.

  • 18
    10
    OlafF
    07.10.2019

    Ob Frau Eichenauer die letzten Einheimischen schon einmal mit den amerikanischen Ureinwohnern verglichen hat?
    Es fällt sowieso schwer zu glauben, dass die frühere Mitarbeiterin des Potsdamer Institutes für Klimaforschung, welche nun beim Leibnitz-Institut alle möglichen Ausreden des Widerstandes gegen die Windkraft zur Deckung des Energiebedarfes erforscht, die kritischen Sachsen überzeugen kann.
    „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann‘‘. (Cree-Indianer)
    Alles richtig, aber kann man als Mitläufer beim „CO2 Hype“ durch Zerstörung der Landschaft und beim Landraub im Namen der Windkraft die Welt besser machen? Selbst wenn man mit Geld, die leeren Kassen der Kommunen füllt. Wenn durch Neiddebatten durch Lenkungswirkung des Geldes, der Widerstand der Einheimischen gebrochen ist, und die letzten Landschaften verspargelt sind, wird man merken, dass die Maßnahmen sinnlos waren.

    https://www.physi.uni-heidelberg.de/~dubbers/energiewende/text.pdf

    Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass gegenläufige
    wissenschaftliche Argumente bewusst nicht zur Kenntnis genommen werden. So gewinnt, anstatt der Vernunft des Kompromisses, die Polemik. Kein Wunder wenn Forderungen laut werden, nach dem der Bau von Windrädern in den Vorgärten rot-grün dominierter Hochburgen von Großstädten erfolgen sollte.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...