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Da lacht das Herz: Ernst-Albert Naether (links), selbst vierfacher Vater und fünffacher Großvater, spricht von einem sehr emotionalen Moment, als er in der Sammlung von Eckart Holler in Gelenau die von seinen Vorfahren in Zeitz hergestellten Kinderfahrzeuge in nicht geahnter Vielfalt sieht. Nach Ostern will der Hamburger seine Frau durch die Schatzkammer im Erzgebirge führen.

Foto: Wolfgang Thieme

Auf Spurensuche

Der Urenkel des Kinderwagenerfinders wurde im Erzgebirge fündig. Dort hat ein Chemnitzer Restaurator dafür gesorgt, dass eine Zeitzer Familien- und ein Stück Industriegeschichte bewahrt werden.

Von Gabi Thieme
erschienen am 31.03.2017

Für einen Moment fehlen dem wortgewandten Ernst-Albert Naether die Worte. Gerührt steht der Hamburger im Pohl-Ströher-Depot in Gelenau. Nicht, um sich hier die Sammlung der gerade verstobenen Wella-Erbin und Mäzenin Erika Pohl-Ströher anzuschauen. Er ist wegen der Kinderfahrzeuge hier, die der Chemnitzer Restaurator Eckart Holler als Privatsammlung in einem gesonderten Bereich präsentiert. Der 81-jährige Naether versucht nicht, seine Tränen zu unterdrücken. Es sind Tränen der Rührung. Es dauert einen Moment, bis er die Fassung zurück erlangt. Denn er sieht sich in einem Spielzeugschlaraffenland unwiederbringlich verlorengeglaubten Schätzen gegenüber, wie er selbst sagt. Da stehen sie: Autos und andere Kinderfahrzeuge, die einst zum Produktionssortiment seiner Vorfahren gehörten - der Firma Naether, die 1846 von seinem Urgroßvater gleichen Namens in Zeitz gegründet wurde und die bis zum Zweiten Weltkrieg als bedeutendster Kinderwagenhersteller in Europa galt.

"Es ist, als hätte ich im Erzgebirge meine Kindheit wiedergefunden", schwärmt der Urenkel. Sanft streichelt er über einige der sorgfältig restaurierten Karossen. Andere lassen erahnen, wie viele Kinder damit gefahren sind. Dann fällt sein Blick auf ein Dreirad. "Auf so einem bin ich als Vierjähriger rumgedüst. Unglaublich."

Drei Naether-Tretautos gleichen Typs: im ursprünglichen Zustand, teilrestauriert und vollständig restauriert (von links).

Foto: Wolfgang Thieme

Dass Naether auf die Schatzkammer gestoßen ist, verdankt er einem Zeitzer Stadtrat. Der war im Dezember mit seinem Wanderverein im Erzgebirge und besuchte das Pohl-Ströher-Depot. Dort sah er die Schau mit Kinderfahrzeugen, darunter die aus Zeitzer Produktion. Kurzerhand beschrieb er Naether die Entdeckung. "Als ich die Nachricht las, hörte ich mein Herz klopfen. Nicht mal mit dem Wort Begeisterung lässt sich umreißen, wie glücklich ich in dem Moment war", erzählt der Hamburger. Er habe zurückgeschrieben: "Wo ist das Museum? Wie heißt es? Ich muss da hin!" Seine nächste Mail ging an den Restaurator Holler. Keine drei Wochen später, kurz vor dem Jahreswechsel, standen sich der Hamburger und der Chemnitzer in Gelenau gegenüber. "Da sah ich Autos, die ich nur aus unseren alten Katalogen kannte, aber auch Dinge, von denen ich überhaupt keine Ahnung hatte: die ganze erzgebirgische Volkskunst", gesteht der agile Rentner.

Er war vor allem deshalb gerührt, weil er bei seinen Recherchen in den vergangenen Jahren nicht ein einziges Mal auf einen Hinweis gestoßen war, dass irgendwo solche Fahrzeuge überlebt haben könnten. "Die wurden doch gebaut, damit Kinder sie benutzten und nicht, damit sie ins Museum kommen", sagt Naether.

Entdeckung: In der Sammlung in Gelenau steht ein 75 Jahre altes Dreirad, wie es Ernst-Albert Naether einst besaß.

Foto: Wolfgang Thieme

Zu diesem Zeitpunkt war das mehr als 300-seitige Manuskript für ein Buch zur Firmen-, Familien- und Zeitzer Stadtgeschichte, das Naether als Herausgeber verantwortete, gerade fertig. Der Hamburger beschloss quasi in letzter Minute, darin auch den Sammler Holler und das Depot im Erzgebirge zu würdigen. Vergangene Woche wurde es auf der Leipziger Buchmesse präsentiert. Ein Exemplar brachte er als Anerkennung zu Eckart Holler.

Denn der 72-Jährige besitzt die umfangreichste Kinderfahrzeugsammlung in Deutschland, darunter fast alle deutschen sowie osteuropäischen Marken - und eben auch 24 der Firma Naether. Einige hat er so restauriert, wie sie einst das Zeitzer Werk verließen. Bei anderen lässt sich kaum noch die ursprüngliche Farbe erkennen, so ramponiert sind sie. Dreiräder sind darunter und ein "Holländer", eine Kinderkutsche, der eine Ziege vorgespannt wurde, aber auch ein Auto, das Anfang der 1920er-Jahre unter dem Namen "Express" produziert wurde. Ein besonderes Exemplar ist für Holler ein Dreirad, das einen ausklappbaren Schiebebügel besitzt. "Wenn das Kind keine Lust mehr zum Treten hatte, konnten es die Eltern bequem schieben", beschreibt Naether die Innovation seiner Vorfahren, die auf viele Erfindungen Patente besaßen.

Ernst-Albert Naether mit vier Jahren auf einem Dreirad aus väterlicher Produktion.

Foto: Wolfgang Thieme

Er selbst hatte nie im Sinn, die Familientradition in Zeitz fortzuführen. Nicht, weil die Fußstapfen seiner Ahnen zu groß für ihn gewesen wären, sondern weil die Familie nach dem Zweiten Weltkrieg durch die russischen Besatzer enteignet worden war und und der Vater quasi über Nacht nicht mehr in jenen Betrieb durfte, in dem er über 40 Jahre gearbeitet hatte - ab 1941 auch als Zulieferer für die Rüstungsindustrie des Dritten Reichs.

"Ich war zum Zeitpunkt der Enteignung knapp zehn Jahre alt und verstand nur, dass die Naethers Kriegsverbrecher waren", reflektiert der 81-Jährige jene Zeit. Da zählte nicht, dass sein Urgroßvater den Kinderwagen erfunden und dieser von Zeitz aus den Siegeszug um die Welt angetreten hatte. Sein Vater Walter floh 1950 in den Westen. Es war zunächst der endgültige Abschied der Familie von Zeitz und von der DDR. Gegen den Willen des Vaters absolvierte Ernst-Albert in Hamburg ein Studium als Diplom-Psychologe. 1967 gründete er ein eigenes Marktforschungsinstitut. Als er es 1993 verkaufte, blieb er noch drei Jahre Geschäftsführer.

Auf jedem Kühlergrill ist das "N" für Naether auf ausgebreiteten Flügeln montiert.

Foto: Wolfgang Thieme

In Zeitz trat der VEB Zekiwa die Nachfolge der Nather-Werke an. In dem Betrieb wurden alle Zeitzer Kinderwagenfabriken und Zulieferer zusammengeschlossen, sodass die Produktionszahlen noch weit über denen der Naether-Werke lagen. Nie wieder aufgelegt wurde das übrige umfangreiche Produktionssortiment von Naether, das von Klappstühlen über Schaukeln, Teewagen, Obsthorden bis hin zu Handwagen und Fußbänken reichte. Auch Kinderfahrzeuge und -autos, wie sie zwischen beiden Weltkriegen auch als Spiegelbild der Autoindustrie vom Band liefen, wurden in Zeitz nie wieder produziert. Man konzentrierte sich voll auf das Volks- und Exportprodukt Kinderwagen.

Als einzelne Familienmitglieder Ernst-Albert Naether 1990 drängten, er könnte doch nun den Chefsessel seines Vaters im Zekiwa-Werk einnehmen, lehnte er ab. Er hatte zu dieser Zeit noch voll mit seinem Institut zu tun und engagierte sich später lieber für die von seinen Vorfahren in Zeitz gegründeten Stiftungen sowie die Neugestaltung des Deutschen Kinderwagenmuseums, wie es 2016 öffnete. Für dieses Engagement durfte er sich vergangene Woche in das "Goldene Buch" der Stadt eintragen. Naethers nächster Traum ist naheliegend: "Ich würde gern im Kinderwagenmuseum in Zeitz eine mehrmonatige Sonderausstellung mit Naether-Kinderfahrzeugen aus Gelenau ausrichten." Sammler Holler wird ihm dabei helfen.

Die Ausstellung mit Kinderfahrzeugen ist so wie das Pohl-Ströher-Depot in Gelenau bis zum 30. April immer freitags bis sonntags sowie am Ostermontag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. www.lopesa.de

Das Buch Petrik Wittwika: "Von Zeitz in die Welt: Kinderwagen von E. A. Naether - eine Firmen- und Familiengeschichte".Mitteldeutscher Verlag. 320 Seiten. 19,95 Euro. ISBN 978-3-95462-760-8.

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

 
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