Darwin, Gott und eine Krönung

Gandhi soll die Größe einer Nation an ihrem Umgang mit Tieren bemessen haben - Priester und Biologe Rainer Hagencord sucht mit seinem Institut unsere Größe

Der Mensch als Krönung der Schöpfung ist ein Missverständnis. Sagt Rainer Hagencord. Ebenso werde das Bibelzitat, der Mensch mache sich die Erde untertan, missbraucht. Doch weil diese Deutungsfehler wie in Beton gegossen in der Welt stehen, hat der Westfale vor einigen Jahren ein Institut gegründet, das beharrlich am Beton pickt: das Institut für Theologische Zoologie in Münster. Damit will Hagencord klarmachen: Wie wir mit Tieren umgehen, ist weder menschlich noch christlich. Er wendet sich gegen industrielle Tierhaltung, setzt sich für eine möglichst fleischfreie Ernährung und eine neue Sicht auf das Tier ein. Katharina Leuoth hat sich mit dem Theologen und Biologen über Tiere in Dosenfutter, das Verhältnis zwischen Gott und Darwin und über Schirmherrin Jane Goodall unterhalten.

Freie Presse: Was ist mit dem Bibelzitat, dass sich der Mensch die Erde untertan machen soll, schiefgelaufen? War es jemals nötig, so etwas aufzuschreiben?

Rainer Hagencord: Dieses Bibelzitat steht in einem historischen Kontext, in einer Geschichte, die 3000 Jahre alt ist, damals wurde das Alte Testament schriftlich fixiert. Die Begriffe "herrschen" oder "untertan machen" waren Eigenschaften, die den damaligen Königen und Hirten zugeschrieben wurden. In dem Bibelzitat wird dieses Machtgefüge zwar auf das Verhältnis zwischen Mensch und Tier übertragen, aber schon damals galt, dass Macht mit Verantwortung für den anderen einhergehen muss. Doch in der Neuzeit wurde das Bibelzitat uminterpretiert und missbraucht: Der Mensch nimmt sich aus der Natur, aus dem gemeinschaftlichen Gefüge, heraus. Er sieht sich als Einzigen, der über Seele und Wesen verfügt und überhöht sich damit anderen gegenüber.

Welches Beispiel aus der heutigen Zeit macht den Missbrauch dieses Bibelzitats deutlich?

Nehmen Sie das Tierschutzgesetz. Da steht zuerst: Tiere sind unsere Mitgeschöpfe. Ah, das ist ein großer Auftakt! Aber wenn Sie weiterblättern, kommen Sie zur industriellen Tierhaltung, wo plötzlich alles erlaubt ist, zum Beispiel das Schreddern lebender Küken. Wenn wir Küken schreddern, respektieren wir sie wohl kaum als Mitgeschöpfe. Das Tierschutzgesetz ist nicht das Papier wert, auf dem es steht.

Sie wollen mit Ihrem Institut der auf den Menschen bezogenen christlichen Lehre eine Theorie zur Seite stellen, die das Tier als Mitgeschöpf begreift. Warum machen Sie das?

Nehmen wir noch einmal die industrielle Tierhaltung. Sie hat verheerende Folgen, nicht nur für die Tiere, sondern auch für die Böden, das Grundwasser, das Klima und die Artenvielfalt, weil in Südamerika Regenwald für den Anbau des Tierfutters Soja gerodet wird. Außer der Fleischindustrie gibt es also so gut wie nur Verlierer. Auch klassische Berufe wie der des Landwirts und Metzgers gehen verloren. Ein solches System verlangt von einem Menschen wie mir, der mitfühlt und von Leidenschaft für das Leben erfüllt ist, Empörung und Widerstand. Das ist die eine Motivation. Die andere ist, dass das Institut Diskussionen in Gang setzen möchte, wie wir Naturwissenschaften und Glauben zusammenbekommen. Der Mensch ist nicht vom Himmel gefallen. Ich möchte die Frage beleuchten, wie sich die Theologie dazu verhält.

Sie sagen, dass sich die Menschen von einer falschen Frömmigkeit absetzen müssen, welche an überkommenen Satzwahrheiten festhält. Was sind Satzwahrheiten und wie groß ist der Widerstand in der Kirche?

Satzwahrheiten haben nichts mit Lebenswahrhaftigkeit zu tun. Satzwahrheiten sind zum Beispiel Sätze wie: "Der Mensch kommt in den Himmel" oder "Die Kirche ist die Hüterin der Wahrheit". Diese Sätze sind nicht erfahrungsgesättigt. Glaube muss aber mit dem Leben, mit dem Erfahren, einhergehen. Und da bin ich ganz schnell bei der Natur. In der Natur kann ich etwas erfahren, ich kann staunen, ich kann Verbundenheit fühlen, ich kann auch erschrecken über den Kampf um Leben und Tod. Spiritualität lässt sich nicht aus starren Sätzen ziehen, sondern aus der Erfahrbarkeit über die Natur und damit über die Schöpfung.

Und wie sehen das Ihre Kollegen aus der Kirche?

Ich habe einen großen Fürsprecher aus Rom, Papst Franziskus. Auch er sagt, dass das Bibelzitat falsch verstanden wird, dass es also keinen Anlass für uns gibt, mit der Erde zu machen, was wir wollen. Auch der Papst sagt, in der Natur sehen wir die Schöpfung, in jedem Geschöpf können wir Gott sehen.

Trotzdem: Der Papst ist das eine, wie sieht es mit Ihren Kollegen hier in Deutschland aus?

Es stimmt, der Widerstand gegen meine Herangehensweise ist groß. Das Bild, das wir von der Erde und dem Menschen als Krönung der Schöpfung haben, ist wie in Beton gegossen. Oft wird mir gesagt: Wir haben schon genug mit den Menschen zu tun, müssen wir uns nun auch noch um die Tiere kümmern? Ich denke auch, dass die Mächtigen in der Kirche Angst davor haben, sich mit den Lobbyverbänden der Landwirtschaft anzulegen.

Sie sind Theologe und Biologe. Wie bekommen Sie beides unter einen Hut, beispielsweise auch Darwins Evolutionstheorie?

Es ist ganz einfach. Die Naturwissenschaft fragt nach dem "Wie der Welt", die Theologie nach dem "Warum des Lebens". Als Biologe schaue ich zuerst, wie das Ökosystem funktioniert, wie der Mensch aus der Evolution hervorgegangen ist. Und als Theologe frage ich, warum das so ist. Was ist der Sinn des Lebens? An welchen Gott glaube ich? Die Bibel bestärkt mich darin. Dort heißt es zum Beispiel, dass Adam von der Erde genommen wurde, da steht nicht, dass er vom Himmel fiel. Ich sehe keinen Widerspruch zwischen Theologie und Naturwissenschaft. Ich muss meine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht an den Nagel hängen, bevor ich in die Kirche gehe.

Wie sieht die praktische Arbeit Ihres Instituts aus?

Sie umfasst drei Bereiche. Erstens die wissenschaftliche Forschung. Ich nehme zum Beispiel Lehraufträge an Universitäten wahr und publiziere auch. Zweitens gibt es die Pädagogik. Wir stellen zum Beispiel für Religions- und Biologielehrer Material zur Verfügung, mit dem sie Fragen wie zum Umgang mit Tieren und welche Rolle der Glaube dabei spielt in den Unterricht integrieren können. Und drittens gibt es Kooperationen und Projekte etwa mit Zoos und Nationalparks. In den Parks bieten wir beispielsweise Exkursionen an, um zu vermitteln, wie Naturerfahrung und Glaube zusammenkommen können. Wir pflegen auch Kontakte mit den Naturschutzorganisationen BUND und Nabu und unterstützen Aktionen wie "Münster isst veggie".

Was halten Sie von Zoos?

Zoos haben eine große Bedeutung für den Artenschutz. In Münster ist es zum Beispiel gelungen, eine seltene Geierart aus dem Zoo auszuwildern. Zudem haben Zoos die Aufgabe, wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen und darüber hinaus ist es auch wichtig, Kindern zu zeigen, welche Tiere es gibt. Allerdings gibt es Tierarten, die nicht artgerecht in Zoos gehalten werden können, Eisbären und große Katzen zum Beispiel. Auf sie sollte man verzichten. Aber darüber wird derzeit ja viel diskutiert, da ist einiges in Bewegung.

Weniger versöhnlich sind Sie bei der industriellen Tierhaltung. Wie steht es Ihrer Meinung nach um unsere Gesellschaft, wenn industrielle Tierhaltung ein Normalzustand ist?

Da möchte ich gern Gandhi zitieren: Die Größe einer Nation kann man daran bemessen, wie sie ihre Tiere behandelt. Unsere Nation ist da sehr zwiespältig. Zum einen vergöttern und vermenschlichen wir Hunde und Katzen, zum anderen aber sind uns die Tiere, die in der Dose zu Haustierfutter verarbeitet wurden oder die auf unserem Teller landen egal, das ist die Schar der Puten, Rinder, Schweine. Es wird nichts getan, damit es diesen Tieren besser geht, im Gegenteil, sie müssen leiden, um in unser System zu passen: Da werden Schwänze kupiert, Schnäbel gekürzt, Antibiotika verabreicht. Dieser zwiegespaltene Umgang mit Tieren ist schizophren. Wenn es Dokumentationen im Fernsehen über die industrielle Tierhaltung gibt, höre ich die Leute oft sagen: Das will ich gar nicht wissen! Wir machen also die Augen zu. Wir sind eine Gesellschaft, die sich Umweltschutz und das Christlich-Sein auf die Fahnen schreibt, aber nicht bereit ist, für ein Putenschnitzel vom Biobauernhof auch mal etwas mehr zu bezahlen.

In welchen Situationen haben Sie das Gefühl, gegen solche Strukturen persönlich etwas ausrichten zu können?

Im Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Meine Erfahrung ist: Sobald sie erkennen, wie unser Fleisch in aller Regel auf den Teller kommt, wollen sie es nicht mehr essen. Einmal hatte ich das Glück, mit einer Gruppe Jugendlicher einen Schweinemastbetrieb und danach einen Biobauernhof besuchen zu können. Danach war alles klar. Ich lasse Kinder und Jugendliche auch gern eine Übung machen: Sie sollen sich auf ein Tier einlassen. Sie sollen zum Beispiel einem Rind in die Augen sehen, es streicheln, es beobachten. Wer das ausprobiert, wird spüren, dass uns ein fühlendes Wesen gegenüber steht. Das kann uns berühren und zum Nachdenken bringen.

Essen Sie Fleisch?

Nein. In mir gibt es zwei Seelen, die Fundi- und die Realoseele. Die Realoseele sagt, wir können nicht von heute auf morgen alle Tierbetriebe abschaffen. Es ist schon viel gewonnen, wenn wir die Menschen dazu bringen, mehr Geld für Fleisch auszugeben, das von Tieren stammt, die gut gehalten wurden. Aber der Fundi in mir fragt: Dürfen wir wirklich mitfühlende Geschöpfe essen? Ist es nicht an der Zeit, dass wir uns von der Lüge, der Mensch braucht Fleisch, um gesund zu sein, verabschieden? Es gibt zahllose Beispiele auf der Welt, die das belegen: Generationen von Indern, die sich vegetarisch ernähren, sind nur ein Beispiel.

Was halten Sie von Haustieren?

Haustiere sind für Kinder insofern wichtig, dass die Kinder Emotionen für Tiere erleben, dass sie Verantwortung spüren, dass sie fühlen, wir alle sind Teil einer Welt und dass Tiere wie Brüder und Schwestern sind. Es gibt auch viele einsame, ältere Menschen, für die ein Haustier ganz wesentlich ist. Das ist auch in Ordnung. Aber unsere Liebe für unsere Hunde und Katzen sollten wir auf die Tiere in der Futterdose ausweiten, auf die Rinder und Schweine, die genauso Persönlichkeit in sich tragen wie Hund und Katze.

Haben Sie selbst Haustiere?

(lacht) Zwei Zwergkaninchen, Lummi und Billy, die ich aus dem Tierheim geholt habe und die hier auch durchs Zimmer hoppeln.

Fühlen Sie sich Kreationisten, also radikalen Christen, die Darwins Evolutionstheorie ablehnen, oder Peta, der mitunter radikalen Tierschutzorganisation, näher?

Mit Kreationisten kann ich gar nichts anfangen. Ich finde, sie lesen die Bibel schlicht falsch. Peta übertreibt es manchmal mit Aktionen, die schockieren sollen. Andererseits muss vielleicht eine Gesellschaft, die vor sich hin schläft, auch ein bisschen schockiert werden.

Schirmherrin Ihres Instituts ist die renommierte Schimpansenforscherin Jane Goodall. Wie haben Sie sie kennengelernt?

Das war ein schöner Zufall. Sie war in Münster und traf dort meinen Doktorvater. Er erzählte ihr von meinem Promotionsthema, es ging um verhaltensbiologische Argumente für eine neue Sicht auf Tiere. Daraufhin wollte sie mich unbedingt kennenlernen. Wir haben uns getroffen, das war 2003. Daraus ist ein Briefkontakt entstanden, sie hat das Vorwort meiner Doktorarbeit geschrieben und war schließlich auch einverstanden, Schirmherrin des Instituts zu werden.

Was die Entwicklung unserer Gesellschaft betrifft: Sind Sie Optimist oder Pessimist?

Ich bin kein Optimist. Aber die Hoffnung lasse ich mir nicht nehmen.

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".


Ein Priester und sein Institut

Rainer Hagencord wurde 1961 in Ahlen in Westfalen geboren. Er hat Katholische Theologie, Biologie und Philosophie in Münster und der Schweiz studiert und in Theologie promoviert. Hagencord ist Priester, seit 2009 aber vom Bistum Münster für seine Arbeit als Leiter des Instituts für Theologische Zoologie in Münster freigestellt. Zuvor war er unter anderem als Hochschulpfarrer, Krankenhauspfarrer und als Dozent an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin tätig. Zuletzt war er Geistlicher Rektor im Cusanuswerk in Bonn, ein Begabtenförderungswerk der katholischen Kirche in Deutschland.

Das Institut für Theologische Zoologie wurde 2009 gegründet und ist an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster angeschlossen. Das Institut finanziert sich vor allem aus Spenden. Festangestellte Mitarbeiter gibt es außer Hagencord nicht, stattdessen befasst sich ein Kuratorium mit Vertretern unter anderem aus Theologie und Naturwissenschaft mit der Ziel- und Themensetzung, zudem helfen ein Förderverein und projektbezogene Minijobs. Schirmherrin des Instituts ist Jane Goodall. Die weltweit bekannte Tierverhaltensforscherin hat sich mit der Erforschung von Schimpansen einen Namen gemacht. (kl)

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