Ein schwebender Steg für die Bastei

Fast eineinhalb Jahre nach der Sperrung der Basteiaussicht in der Sächsischen Schweiz zeichnet sich eine spektakuläre Lösung für Sachsens berühmtesten Blick ab.

Lohmen/Rathen.

Es ist so nasskalt und neblig, dass man nicht mal einen Hund vor die Tür jagt, geschweige denn wandern möchte. Das Thermometer zeigt zwei Grad über null an. Die Sicht beträgt höchstens 50 Meter. Ein paar Schneeflocken haben die Nacht auf dem kalten Boden überlebt und trotzen dem Regen. Dennoch füllt sich der Parkplatz 400 Meter vor dem Restaurant Bastei nach und nach mit Autos und Bussen. Asiatische und deutsche Touristen steigen aus. Auch Besucher aus Tschechien schauen sich etwas ungläubig um. Alle laufen Richtung Basteifelsen. Doch der berühmte Aussichtspunkt ist gesperrt - seit Mitte des vergangenen Jahres schon. Die Ausflügler müssen zumindest an diesem Tag nicht traurig sein. Selbst wenn sie den Felsen betreten dürften, würden sie nichts sehen. Dicker Nebel liegt über der Elbe und über dem Bilderbuchort Rathen. Nur ab und zu schiebt sich ein Sandsteinfelsen durch das Nebelmeer.

Es ist erstaunlich, dass es selbst an einem Tag wie am Montag Besucher auf die Bastei zieht. 1,5 Millionen sind es jedes Jahr. "Es kommen immer Touristen - an jedem Tag und bei jedem Wetter", sagt Rathens Bürgermeister Thomas Richter. "Die absolvieren ihr Dresden-Programm, und da gehört die Sächsische Schweiz mit der Bastei fast immer dazu." Thomas Richter ist wenige Minuten zuvor ein Stein vom Herzen gefallen: Sachsens Finanzminister Georg Unland (CDU) hat vor Journalisten, Touristikern und Kommunalpolitikern erläutert, wie er trotz des bröckligen Felsens Sachsens berühmteste Aussicht retten will.

Fachleute des Staatsbetriebes Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) und externe Planer haben gemeinsam ein Projekt zur Rettung der Basteiaussicht erarbeitet. Prämissen seien gewesen, dass die Aussicht für Besucher und Anrainer sicher sein muss, dass die Eingriffe in den Nationalpark so gering wie möglich sind und dass es sich um eine anspruchsvolle Lösung auch für künftige Generationen handelt, erläutert Unland.

Herausgekommen ist ein schwebender Laufsteg: 20 Meter lang, zwischen drei und 3,5 Meter breit, 70 Tonnen schwer. Nur 61 Prozent dieser Plattform liegen auf Sandsteinfelsen auf, und zwar auf dem hinteren, noch stabilen Fels. 39 Prozent der Stegmasse schweben. Während die Plattform dort, wo sie beginnt, 60 Zentimeter stark ist, wird sie in Richtung Elbe immer "dünner": erst 30 und ganz vorn an der Spitze noch 15 Zentimeter.

Auf eine Million Euro werden die Kosten für die Stegkonstruktion geschätzt. Ob diese Rechnung aufgeht, bleibt abzuwarten. Um eine schlanke Konstruktion, die optisch wenig auffällt und in der Farbe gut zum Sandstein passt, soll es letztlich gehen, sagt der Minister. Er spricht von einer "naturnahen Lösung". Das schließt sogar das Geländer ein. Träume von einem gläsernen Skywalk wie über den Grand Canyon in der USA oder sogar mit splitterndem Glas, wie jüngst in China eröffnet, sind damit endgültig vom Tisch.

Das ganz Entscheidende auf der Bastei ist dennoch das Material, das zum Einsatz kommt: Textilbeton - eine Erfindung der TU Dresden. Textilbeton sei um ein Vielfaches leichter als Stahlbeton, denn statt der üblichen Stahlarmierung werden Textilfasern "eingearbeitet". Die Verschalung des Laufstegs soll komplett aus Textilbeton bestehen. Diese Schalung wird aus einzelnen Segmenten zwischen einem und 1,5 Meter Länge bestehen, sodass jedes Teil mit einem Gabelstapler bis an die Baustelle gefahren werden kann. Die Schalung soll dann mit Beton verfüllt werden, der über eine Strecke von 140 Metern bis an die Baustelle gepumpt wird.

Textilbeton habe sich schon in vielen Bereichen bewährt. Im Zwickauer Finanzamt sei er zum Beispiel zum Einsatz gekommen, als es darum ging, ein Gewölbe zu stabilisieren. Die Textilfasern hätten fast die gleiche Zugfestigkeit wie Stahl - bei deutlich geringerem Gewicht, erläutert Dieter Janosch, Technischer Geschäftsführer beim Staatsbaubetrieb SIB. Außerdem ermögliche Textilbeton "filigranere und individuelle Konstruktionen". Im Felsen verankert werden müsste auch der aufliegende Teil der Plattform nicht, "höchstens leicht fixiert", sagt Janosch. Die Eingriffe in die Natur wären also minimal. "Einen Steg aus Textilbeton gibt es noch nirgendwo. Das könnte ein Exportschlager aus Sachsen werden", sagt der SIB-Chef. Minister Unland spricht von einer "geotechnisch vernünftigen Lösung". Die Gewichtsverteilung in dem schwebenden Steg sei so ausgelegt, "dass der vordere Teil viel leichter ist als der hintere" - auch wenn sich viele Besucher vorn drängen.

Noch nicht festlegen wollte man sich am Montag über Zeitabläufe. Fest steht bisher nur, dass die Sicherungsarbeiten an dem bröckligen Felsen im Dezember, also in der Ruhephase der Vegetation, beginnen und bis zum Frühling abgeschlossen sein sollen. Steinschlagschutzzäune sollen das genau unter der Bastei liegende Café, eine Gasstation am Elberadweg und den Radweg selbst schützen. Die Vorbereitungen dafür haben bereits begonnen. Die Arbeiten erfolgen in der Kernzone des Nationalparks - in ausgesprochen steilem bewaldeten Gelände. Die Genehmigung dafür liegt laut Finanzminister vor, ebenso für den nächsten Schritt.

Bei dem geht es um die Sicherung des Basteifelsenplateaus. Dabei werden Belag und Geländer im vorderen Teil der Aussicht sowie die Brücke über die Felsenkluft zurückgebaut. Anschließend soll die Felsoberfläche nachmodelliert und gegen eindringendes Wasser abgedichtet werden.

Für den Bau der neuen schwebenden Plattform gibt es noch keine Genehmigung. Das Verfahren läuft. Naturparkverwaltung und Landesdirektion prüfen das Projekt. Von der Genehmigung hängen die detaillierte Ausführungsplanung und der technologische Ablauf ab. Im günstigsten Fall könnte der Laufsteg in zwei Jahren fertig sein, hieß es am Montag. Es könnte aber auch länger dauern. Ungeklärt ist bislang die Finanzierung. Infrage kommen der Freistaat als Eigentümer der Bastei, aber auch der Pächter des Berghotels samt Bastei, mit dem der Freistaat einen Erbpachtvertrag unterhält.

Der Vorsitzendes des Tourismusverbandes Sächsische Schweiz, Klaus Brähmig, sieht vor allem den Freistaat in der Pflicht: "Eigentum verpflichtet, der Freistaat sollte deshalb eine Lösung finden." Für Brähmig sind zwei Jahre Planungs- und Bauzeit "das höchste der Gefühle". "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg", merkte der Touristiker an. Hier habe vor 220 Jahren das Fremdenverkehrswesen der Region seinen Anfang genommen. "Die Bastei ist deshalb auch von großer symbolischer Bedeutung."

Minister Unland versprach, dass das Projekt nicht an der Finanzierung scheitern werde. Zugleich sicherte er zu: "Der Steg wird kostenfrei zugänglich für alle sein." Rathens Bürgermeister Thomas Richter hofft, dass der nächste Finanzminister das auch so sieht, weil ja längst nicht klar sei, ob Unland bis zum Abschluss des Vorhabens noch im Amt sei.

Tourismuschef Brähmig regte zugleich an, im Zuge der Baumaßnahmen auch den Sanierungsbedarf der benachbarten Felsenburg Neura-then zu prüfen. Mittelfristig müssten zudem die Verkehrskonzeption überarbeitet und das Umfeld der Bastei aufgewertet werden. So fehlten noch ein Parkplatz direkt an der Bastei sowie Sanitäranlagen.

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