Montanregion Erzgebirge wird Unesco-Welterbe

20 Jahre wurde darum gerungen. Nun stimmte das Welterbe-Komitee zu, den Bergbau in der Region diesseits und jenseits der Grenze als einzigartige Kulturlandschaft auszuweisen. In der Region erhofft man sich mehr als nur touristische Impulse.

Das Erzgebirge darf endlich jubeln: Das Welterbe-Komitee der Unesco hat am Samstag bei seiner 43. Sitzung in Baku die Aufnahme der "Montanregion Erzgebirge/Krusnohory" auf die Liste des Welterbes beschlossen. Begleitet vom Jubel der sächsischen Delegation um Ministerpräsident Michael Kretschmer und dem Applaus der Sitzungsteilnehmer, bestätigte die Sitzungsleitung 16.39 Uhr Ortszeit (14.39 Uhr deutscher Zeit) die Entscheidung des Komitees. Damit ist ein 20 Jahre langes Ringen der Region um den Titel von Erfolg gekrönt.

Die Entscheidung galt als Formsache, nachdem die Gutachter des Weltdenkmalrats Icomos den außergewöhnlichen universellen Wert des Bergbauerbes im sächsischen und böhmischen Erzgebirge bestätigt und die Einschreibung auf die Liste empfohlen hatten. Trotzdem war die Erleichterung unter den Vertretern der Welterbe-Region riesig und der Jubel entsprechend groß.

"Heute ist ein großartiger Tag für das gesamte Erzgebirge und Sachsen", kommentierte Kretschmer in einer ersten Stellungnahme die Entscheidung. "Ich gratuliere allen, die zur erfolgreichen Aufnahme der Montanregion in die Welterbeliste mitgewirkt haben, ganz besonders dem Verein Welterbe Montanregion Erzgebirge e.V. und allen weiteren Mitstreitern in Sachsen und Tschechien. Das langjährige Engagement und der unermüdliche Einsatz von vielen hat sich ausgezahlt. Über die Jahrhunderte ist durch den Bergbau im Erzgebirge eine einzigartige Kulturlandschaft entstanden, das hat nun auch die Unesco anerkannt. Jetzt gilt es, mit dem Welterbetitel die Attraktivität des Erzgebirges weiter auszubauen, für seine Bewohner und Gäste. Die Montanregion kann dabei fest auf die Unterstützung der Staatsregierung zählen." Sachsens Wirtschaftsminister und Vizeregierungschef Martin Dulig (SPD) erklärte: "Der Ruf Sachsens als Kulturreiseziel Nummer 1 in Deutschland wird dadurch eindrucksvoll untermauert."

Volker Uhlig, langjähriger Landrat des Kreises Mittelsachsen und Vorsitzender des Welterbe-Vereins, sagte: "Dieser Tag ist ein ganz besonderer für uns und natürlich alle, die in den letzten Jahren das Welterbeprojekt begleiteten. Es ist nicht nur die Würdigung eines 20jährigen Weges der Antragsstellung, sondern ist Ausdruck des unglaublichen Wertes des großen Schatzes aus über 800-jähriger Bergbauhistorie. Über Jahrhunderte formte sich eine einzigartige montane Kulturlandschaft, die nun für die nachfolgenden Generationen einen besonderen Status erlangt."

Die Montanregion Erzgebirge besteht aus 22 Bestandteilen wie Bergbau- und Montanlandschaften, dazu gehören etwa Objekte in den historischen Altstädten Freiberg, Schneeberg, Annaberg-Buchholz auf sächsischer sowie Bergbauzeugnisse in Jachymov auf böhmischer Seite. Allein im sächsischen Erzgebirge stehen damit nun um die 400 Denkmale mit Bezug auf die 800-jährige Bergbau-Geschichte der Region unter dem Schutz der Unesco. Die Region verspricht sich davon eine deutliche Imageaufwertung nach innen und außen, verbunden mit einem stärkeren Selbstbewusstsein der Menschen sowie einem Schub für den Tourismus. An dem Prozess waren mehrere tausend Menschen, viele davon ehrenamtlich in Bergbau- und anderen Vereinen aktiv, beteiligt. Die offizielle Ernennungsurkunde soll vom Auswärtigen Amt im Rahmen eines feierlichen Akts am 14. September in Freiberg übergeben werden.

Stimmen zur Entscheidung der Unesco

Steffen Kindt ist Beiratsvorsitzender des Kulturraums Erzgebirge-Mittelsachsen und Leiter des Erzgebirgsensembles und zeigte sich von der Verleihung des Welterbetitels nicht überrascht: "Es ist der folgerichtige Abschluss eines Weges, den wir vor 20 Jahren eingeschlagen haben. Das Erzgebirge ist nun mal die geschlossenste Volkskunstlandschaft Europas. Jetzt müssen wir das Welterbe gemeinsam leben, stolz auf unsere Werte sein und das auch nach außen tragen. Wir sind nicht nur das Weihnachtsland. Der Titel bringt unserer Region einen enormen Zuwachs an Außenwirkung. Er ist eine Riesen-Image-Chance."
 
Rainer Eckel ist einer der beiden Nachtwächter in Annaberg-Buchholz. Für sie ist der Titel eine besondere Aufwertung dessen, was sie auf ihren Rundgängen Gästen und Einheimischen präsentieren. "Viele Gebäude, Einrichtungen und Landschaften rücken mehr ins nationale und internationale Interesse. Die Faszination der Bergbaulandschaften, beginnend im 14./15. Jahrhundert, dazu noch grenzüberschreitend und mit prägendem Einfluss auf die Entwicklung unserer Region, wird weltweit öffentlich gemacht." Gleichzeitig entstehe daraus aber auch eine Verpflichtung der Werterhaltung und Präsentation.
 
Hermann Meinel, Leiter des Museums Uranbergbau in Bad Schlema, sieht in der Verleihung des Welterbetitels auch eine Anerkennung der Dimension des Uranbergbaus. "Im Gegensatz zum Altbergbau wirkt er auch heute noch in den Menschen nach", sagt Meinel. "Noch immer sterben Menschen an den Folgen des Uranbergbaus, noch immer gibt es Familien, deren Wohlstand auf die Arbeit ihrer Väter und Großväter bei der Wismut zurückgeht. Das vermitteln wir in unserem Museum. Wir hatten schon immer ein internationales Publikum, das nun, mit dem Titel, bestimmt noch etwas breiter wird."
 
Constance Brosell betreibt in Ehrenfriedersdorf auf dem Sauberg die "Sauberg-Klause" und in der Stadt das Hotel am Markt. Den Welterbetitel findet sie "super und verdient". Schließlich gründe sich im Erzgebirge vieles auf die harte Arbeit der einstigen Bergmänner und das über Jahrhunderte. "Der Titel ist eine Bereicherung für alle, nicht nur für den Tourismus." Er sei Anerkennung und ein deutliches Zeichen dafür, dass die Menschen hier nicht nur Männelmacher sind. Sie war sich sicher, dass die Entscheidung positiv für die Region ausfällt. Erfahren hat Constance Brosell davon im Urlaub an der Ostsee.
 

Marc Schwan leitet das Besucherbergwerk Markus-Röhling-Stolln in Frohnau - zu ihrer Zeit eine der bedeutendsten Gruben im Revier. Für ihn hat das Erzgebirge schon in der Bewerbungsphase zum Welterbetitel profitiert: "Die Region ist zusammengerutscht - und das grenzübergreifend", sagt er. Auch, weil die Bewerbung "von unten" angeschoben worden sei und nicht von oben verordnet. "Das Zusammengehörigkeitsgefühl hat sich verändert - unabhängig von politischen Ausrichtungen", ist er überzeugt. Und auch davon, dass der Titel dem Erzgebirge langfristig deutlich mehr Gäste bescheren wird.
 
Dirk Weißbach, Leiter der Touristinformation in Schwarzenberg, ist froh, dass mit dieser Entscheidung die großen Anstrengungen der zurückliegenden Jahre von Touristikern und Wirtschaftsförderern nun Früchte tragen. Er zollt allen an diesem Prozess Beteiligten höchsten Respekt, denn es sei ein Kraftakt gewesen, die Bewerbung dorthin zu bringen und dabei in der Begeisterung für die Sache nie nachgelassen zu haben. Er erhofft sich durch die Zuerkennung des Titels neue Impulse für die touristische Entwicklung in der Region. Das Erzgebirge werde stärker ins Bewusstsein der Menschen rücken und neue Zielgruppen anlocken.
 
Siegbert Ullmann, Vorsitzender der Waldkirchener Hüttenknappschaft Blaufarbenwerk, sagt: "Für das Erzgebirge ist der Titel Welterbe eine große Chance. Er ruft in Erinnerung, welche großartigen Leistungen die Menschen bis ins 18. Jahrhundert hinein in der Region vollbrachten. Der Titel bringt aber zugleich große Herausforderungen mit sich. Die touristische Infrastruktur muss ausgebaut werden - zum Beispiel das Radwegenetz. Die Bestandteile wie die Saigerhütte in Olbernhau sollten sich per Rad gut erreichen lassen. So gibt es etwa beim Flöhatalradweg nach wie vor Probleme, die es anzupacken gilt."
 
André Heinrich, parteiloser Oberbürgermeister von Marienberg, hebt hervor, wie viel Kraft alle Beteiligten in den vergangenen Jahren in das Projekt investiert haben. "Nun versprechen wir uns eine wesentliche touristische Aufwertung des Erzgebirges, wenn man betrachtet, wie Welterbestätten bereist werden." Der Titel würdigt aber auch die einstige Arbeit der Bergleute. "Ich habe großen Respekt davor, was sie unter den damaligen Bedingungen geleistet haben." Mit dem Welterbetitel sei es nun jedoch nicht getan. "Wir werden unsere Touristiker mit Sprachkursen und weiteren Schulungen fit machen."
 
Jan Färber ist Direktor des Bergbaumuseums in Oelsnitz, das als assoziierter Partner die Bewerbung unterstützte. "Für die Region ist der Titel ein riesengroßer Gewinn, über den ich mich freue. Er ist wichtig für die Traditionspflege. Die gesamte Region wird davon profitieren, auch wir als Bergbaumuseum. Für mich kommt die Rolle des Steinkohlenbergbaus zu kurz. Er ist wichtiges Bindeglied zwischen dem Erzbergbau und der Wismut. Letztlich ist der Steinkohlenbergbau auch der Retter der Bergakademie in Freiberg gewesen. Es wird nun darauf ankommen, diesen Titel auch mit Inhalten zu füllen."
 
Enrico Huth, amtierender Schulleiter des Gymnasiums Marienberg, freut sich, dass es mit dem Welterbetitel geklappt hat: "Das kann der Region einen Push geben - vor allem im Bereich Tourismus." Seine Schüler haben mit Projekten zur Montanregion die Bewerbung unterstützt. 2015 entstand im Rahmen des Kulturversuchs ein Foto, auf dem sich Menschen zu einem Schriftzug "Wir sind Welterbe" formierten. Am Sonntag wird die Aktion wiederholt. Der Bergbau soll weiter im projektorientierten Unterricht eine Rolle spielen. "Wir wollen die Bedeutung des Bergbaus an die junge Generation weitergeben."

Professor Bernhard Cramer, Präsident des Oberbergamtes: "Der Welterbetitel ist eine angemessene Würdigung der historischen Leistungen unserer "alten" Bergleute. Ich beglückwünsche die Aktiven zum Erfolg. Für den Bergbau bedeutet der Titel eine noch stärkere Einbindung moderner Rohstoffgewinnung in die Wurzeln des Bergbaus. Historische Bergbauanlagen können auf heute werthaltigen Lagerstätten stehen. Für mögliche Konflikte daraus hat das Oberbergamt mit dem Welterbeverein ein Konfliktmanagement entwickelt. So werbe ich für eine dynamische Entwicklung des aktiven Bergbaus im Welterbe der Montanregion."
 
Anja Fiedler leitet das Amt für Kultur - Stadt - Marketing in Freiberg. Sie sagt: "Ein großer Schritt ist gelungen. Ich freue mich sehr, dass unser einzigartiges Kultur- und Naturgebiet jetzt in der UNESCO-Welterbeliste steht. Damit wird das Engagement vieler fleißiger Akteure belohnt. Aber nicht nur die entstandenen Netzwerke haben einen positiven Effekt. Mit dem Prädikat ‚Welterbe‘ wird die Bekanntheit der Region und insbesondere der Silberstadt Freiberg weiter gesteigert und ein Mehrwert im Tourismus erzielt. Nun gilt es, den begonnenen Weg weiterhin gemeinsam mit Tradition, nachhaltiger Entwicklung und Vision zu gehen."
 
Sven Krüger ist OB in Freiberg. Er sagt: "Wir sind Welterbe. Die Montanregion - und mittendrin die Silberstadt Freiberg - hat den Titel errungen. Ich bin stolz - stolz auf unsere silberne Geschichte, auf unser sächsisches Entdeckertum, auf unsere gelebten bergmännischen Traditionen. Der Titel krönt die fast 1000-jährige Montangeschichte! Diese Krone soll strahlen in alle Welt, der wir unsere Region, unsere Geschichte und Gegenwart zeigen wollen. Erst Sachsen, jetzt die ganze Welt: Das Freiberger Silber brachte einst Ruhm und Glanz für Sachsen, jetzt trägt die Silberstadt mit weiteren 21 Stätten der Region den Welterbetitel!" Feiberg feiert die Verleihung des Welterbetitels am 14. September. Dann findet ein großer Bergmännischen Zapfenstreich auf dem Obermarkt statt.
 
Andrea Riedel
, Direktorin des Stadt- und Bergbaumuseums Freiberg, sagt: "Mit dem Welterbetitel hat die Montanregion Erzgebirge/Krusnohori nun auch den Stellenwert, den andere Bergbaugebiete wie Harz, Ruhrgebiet und Saarland bereits haben. Das dezentrale, grenzübergreifende, vom Bergbau geprägte Welterbe "Montanregion" hat seinen Platz im Reigen der Titelträger gefunden. Darüber freue ich mich sehr. Die Verleihung bedeutet Bewahrung der (Kultur)Landschaft, als auch kulturelle und touristische Nutzung. Die Arbeit für alle Beteiligten beginnt jetzt erst richtig, denn der Titel sollte nunmehr gelebt werden."
 
Hans-Christian Winkelmann ist Geschäftsführer der Saxonia Edelmetalle GmbH Halsbrücke. Er erklärt: "Wir freuen uns als ein Nachfolgeunternehmen des historischen Hüttenkomplexes Halsbrücke. Seit über 400 Jahren werden bei uns und unseren Gruppengesellschaften Silber und weitere Metalle in reinster Form (zurück)gewonnen und verarbeitet. Unsere Produktionsprozesse stehen in der Freiberger Tradition der Nachhaltigkeit. Der ‚Ritterschlag‘ der Unesco würdigt die Leistungen unserer Altvorderen und bestärkt uns im Streben, unsere Prozesse im Sinne der Ressourcenschonung technologisch weiterzuentwickeln."

Imagevideo zur Welterbe-Bewerbung

 

10Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    0
    Zeitungss
    08.07.2019

    Erzgebirge meinen Glückwunsch - macht was daraus !!!

  • 0
    1
    994374
    07.07.2019

    @Malleo: Danke, hab was vergessen: "Ironie off"!

  • 8
    3
    Malleo
    07.07.2019

    uwe..
    Das ist bei einigen Prinzip!
    Noch etwas Positives zum Titel.
    Die Initiatoren haben auch berücksichtigt, dass im Erzgebirge in bestimmten höffigen Regionen wieder Bergbau betrieben werden kann, ohne den Titel zu gefährden!(Pöhla, Altenberg usw.)
    (Kleiner Hinweis, in Pöhla liegen erkundet noch ca. 1500 to Uran, sollten Wind und Sonne nicht reichen!)
    Es sein denn, die Grünen verbieten in D ganz den Bergbau und lassen das Lithium lieber in Südamerika und China fördern nach dem Motto, was kümmern mich Kollateralschäden außerhalb D, Hauptsache wir haben saubere Luft.

  • 2
    2
    Malleo
    07.07.2019

    9943...
    Falsch, was Sie da von Dresden sagen!

  • 10
    5
    uwe1963
    07.07.2019

    Was mich rätseln lässt, wofür gibts bei den Kommentaren hier den Daumen nach unten ? Was haben die Kommentatoren falsches geschrieben ? Wäre nett eine Begründung dafür zu lesen.

  • 12
    1
    ChWtr
    07.07.2019

    Es ist eine wirklich gute Nachricht und wird der Region im Erzgebirge und Böhmen ganz sicher weiteren Aufschub bringen.

    Betrachte jedoch die Vergabe "Weltkulturerbe" seit Jahren als inflationär.

    Aber offenbar braucht es solche Begrifflichkeiten, um mehr mediale und politische Aufmerksamkeit zu erhalten.

  • 4
    19
    994374
    06.07.2019

    Mal sehen, wie es bald mit der Region aufwärts geht.

    Seit der Aberkennung des Welterbetitels für das Elbtal bei Dresden, geht dort ja jetzt alles den Bach runter!

  • 22
    3
    Malleo
    06.07.2019

    Eine verdammt gute Nachricht,
    denn alles kommt vom Bergwerk her!!
    " Mente et Malleo"
    Glückwunsch und Dank an alle die, die sich dafür engagiert haben.
    Gruß an unsere tschechischen Freunde!

  • 25
    3
    Maresch
    06.07.2019

    Wahnsinn! Und vielen Dank an alle in Sachsen und Böhmen, die sich dafür über Jahre hinweg engagiert haben!

  • 13
    4
    fnor
    06.07.2019

    Der Schriftzug des Gymnasiums lautete damals "Wir wollen Welterbe". Am Sonntag wird der Schriftzug "Wir sind Welterbe" gestellt.



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