Keine Killer gegen Keime?

Zahlreiche internationale Pharmahersteller steigen aus der Entwicklung neuer Antibiotika aus. Gründe sind hohe Kosten und zu niedrige Gewinnmargen. Einige Experten rufen jetzt nach dem Staat. Doch kann der Abhilfe schaffen?

Berlin/Hamburg.

Eine wachsende Zahl von Arzneimittelherstellern zieht sich der Erforschung neuer Antibiotika zurück. Obwohl die zunehmende Ausbreitung resistenter Keime als eine der größten Gefahren weltweit angesehen wird, beenden etliche Konzerne ihre Forschung an neuen Antibiotika, wie der Norddeutsche Rundfunk (NDR) in seinem Magazin "Panorama" berichtete. Fast die Hälfte der etwa 100 Firmen, die 2016 eine gemeinsame Erklärung über mehr Anstrengungen im Kampf gegen Resistenzen vereinbart hatten, sei in dem Bereich nicht mehr aktiv. Dies gilt laut NDR auch für die Branchenriesen Johnson & Johnson, Novartis, Sanofi und Astra-Zeneca.

Gründe für den Rückzug sind die geringeren Verdienstmöglichkeiten im Vergleich zu Medikamenten gegen Krebs und chronische Erkrankungen. Während letztere Arzneimittel über längere Zeiträume verabreicht werden und entsprechend höhere Gewinnmargen für die Konzerne abwerfen, werden Antibiotika nur über wenige Tage eingenommen. Das verringert den Absatz dieser Wirkstoffe. Ihre Entwicklung ist jedoch zugleich sehr teuer und dauert meist viele Jahre. Überdies sollen neue Mittel nur im Notfall eingesetzt werden, wenn alle herkömmlichen Antibiotika aufgrund der Resistenz der Erreger nicht mehr anschlagen. Demnach ist auch die verabreichte Menge dieser Präparate geringer als bei anderen Arzneien. Dennoch starben im Jahr 2015 in der Europäischen Union mehr als 33.000 Menschen aufgrund von Antibiotika-Resistenzen. In Deutschland waren es rund 2400.

Der deutsche Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) beklagt zu wenig Forschungsprojekte auf diesem Gebiet. Die Politik müsste auf internationaler Ebene die Entwicklung neuer Mittel stärker fördern. Das Bundesgesundheitsministerium nennt den Rückzug der Konzerne bedauerlich. Die Regierung bemühe sich zwar darum, den Firmen finanzielle Anreize für die Erforschung und Entwicklung neuer Antibiotika zu bieten, etwa, indem neue Präparate teurer abgerechnet werden können, sagte eine Ministeriumssprecherin auf Anfrage der "Freien Presse". Da es sich aber bei vielen Herstellern um multinationale Konzerne handle, könne eine nationale Regierung deren Forschungsaktivitäten nur in begrenztem Maße beeinflussen. Es seien Maßnahmen auf europäischer Ebene notwendig.

Der Generaldirektor des Internationalen Pharmaverbands, Thomas Cueni, erläuterte das Verhalten in der Branche. Er kenne keine Firma, die gegenüber ihren Eignern verantworten könne, in Bereiche zu investieren, in denen ein sehr hohes Risiko bestehe, dass die Forschung erfolglos bleibe. Und falls es doch Erfolge gebe, bekomme man kein Geld dafür, sagt Cueni dem NDR.

Der Bremer Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske fordert hingegen mehr Kooperationen zwischen den Unternehmen und dem Staat. "Es ist inzwischen ein öffentliches Problem geworden, also sollten auch öffentliche Mittel für die Forschung eingesetzt werden", erklärte der Pharmazie-Professor. Die Pharmakonzerne müssten ihre Labore für die Entwicklung neuer Antibiotika zur Verfügung stellen und die dann entwickelten Medikamente günstig anbieten. "Sie dürfen damit keine Profite machen", forderte der Gesundheitswissenschaftler. mit dpa/epd

2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    Nixnuzz
    14.09.2019

    Bekam dieser Tage ein Stück Gespräch in 3sat(?) mit, in dem als Quintessenz festgestellt wurde, das die jeweile entscheidenden Spitzen allein aus "biologischer Sicht" aus den elitären Schichten der Reichen und Schönen kommen. Eine Durchdringung mit menschlicher Sachkompetenz bzw. überhaupt deren Bildung für diese Schichten ist quasi garnicht vorgesehen. Weitervererbung von "Elitestrukturen" in einer Schicht bzw. Ebene ist bereits durch das Tagesgeschäft und deren Feierabendstruktur voreingestellt. Ebenso bleibt wiedermal für die untere Einkommensschicht auch nur deren Zuordnung der Nachkommen in deren Umfeld übrig. Schätze aus meiner Sicht - Sorry! - , das nach ca. der 3.Generation seit Kriegsende Kapitalisten und Proletarier wieder getrennt und etabliert sind. Ob unser "demokratisches" Politik- und damit Bildungssystem daran etwas ändern kann, wag ich zu bezweifeln. Ob damit unser Bundestag und die repräsentative Volksherrschaft gemäß Grundgesetz auch gelebt wird, ist nicht nur von mir hinterfragbar. Eine Lösung nur an einer Partei auszumachen, dürfte genausowenig funktionieren. Quergedanke: Ab welcher Todesrate bei der "unteren System- und Lebenserhaltungsschicht" mit z.B. Multiresistenten Keimen wegen unzureichender Forschung würde die staatliche soziale Marktwirtschaft wieder eingeschaltet werden? Falls überhaupt?.....

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    saxon1965
    14.09.2019

    Im letzten Absatz steht, was einer der Wege sein könnte.
    Die Themenfelder die beweisen, dass dieses System an seine Grenzen stößt, das System der (freien) Marktwirtschaft oder besser gesagt des Kapitalismus, sollte langsam allen Menschen klar werden. Wo es stets vordergründig um Profite geht, steht der einzelne Mensch im Hintergrund. Das s. g. Gemeinwohl geht nun mal nicht immer mit maximalem Gewinn einher. Dieses System, was mehr und mehr auf Privatisierung setzt, um dann doch wieder Steuergelder, sprich Allgemeinvermögen, an Konzerne/Aktionäre zu überweisen, dient hauptsächlich der Umverteilung von Vermögen. Und da Privatunternehmen eben andere Interessen verfolgen, muss der Staat im Auftrag des Souverän, Grundsicherung betreiben.
    Man stelle sich vor es wird in Zukunft noch weiter privatisiert, bei der Energie- und Wasserversorgung, Grundlagenforschungen, dem öffentlichen Verkehr, Gesundheitsversorgung, Bildung usw.
    Wo man wieviel Staat braucht mag auch ich nicht in Gänze beurteilen, aber an Hand der vielen negative Entwicklungen in diesen Bereichen, muss man dieses System in Frage stellen.



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