Neue Geldquellen für ein Sexspielzeug

Für junge Firmengründer ist es nicht einfach, das notwendige Kapital aufzutreiben. Eine Möglichkeit ist das Crowdfunding. Diese Finanzierungsart hat Vorteile - allerdings auch Tücken.

Dresden.

Ein unscheinbares Gründerzeithaus in Dresden Loschwitz. Von hier aus, unmittelbar vor der berühmten Brücke Blaues Wunder, wollen zwei junge Firmengründer den Markt für Sexspielzeuge revolutionieren. Ihre Firma Laviu ist gerade mal ein Jahr jung, ihre Entwicklung eine Weltneuheit. "Wir haben einen geräuschlosen Vibrator erfunden", sagte Julia Ryssel. Laut einer Studie bemängeln Kundinnen und Kunden an traditionellem Sexspielzeug das störende Geräusch. Einige Hersteller werben zwar damit, dass ihr Gerät leise arbeitet, doch offenbar ist auch das den meisten Kunden noch zu laut.

Ryssel ist gebürtige Freibergerin und hat an der TU der Bergstadt Keramik, Glas und Baustofftechnik studiert. Gemeinsam mit dem aus Salzwedel (Sachsen-Anhalt) stammenden Designer Martin Cirillo-Schmidt löst sie das Problem mit einer Technik, die bereits in der Luft- und Raumfahrt angewendet wird. Das Sexspielzeug besteht im Inneren aus sogenannten intelligenten Werkstoffen. Sie sind steuerbar und besitzen außergewöhnliche mechanische Eigenschaften. Beim Lovetoy funktioniert das so: Die Elektronik gibt einen Impuls an das Material ab, das zu schwingen beginnt. Das Design wiederum ist so gestaltet, dass die erogenen Zonen massiert werden. Die Idee hatten die beiden Gründer bei einem Studienprojekt des Fraunhofer-Instituts. "Wir waren von der Technologie fasziniert und haben nach Anwendungsmöglichkeiten gesucht", sagte Julia Ryssel. "Und als Ingenieurin wollte ich etwas für Frauen machen."

Nach der Idee und einem Businessplan begann die Suche nach Partnern und einer Finanzierung. "Die Finanzierung ist eine große Herausforderung für die Gründer", sagte Lutz Müller, Finanzierungsexperte der IHK Chemnitz. Viele seien sehr jung und verfügen nicht über entsprechendes Eigenkapital. Bislang sei es für sie schwierig gewesen, relativ unkompliziert an Geld zu kommen. Doch mittlerweile seien in Sachsen Finanzierungen einfacher zu haben. So seien Mikrodarlehen bereits ab 20.000 Euro und ohne Bankbürgschaft möglich. Theoretisch. Praktisch orientieren sich die Entscheider über mögliche Fördergelder an Vorgaben oder Vorstellungen. Laviu erhielt jedenfalls kein staatliches Geld. "Falsche Branche wurde uns gesagt. Für Lovetoys gibt es offenbar keine Fördermittel", sagte Cirillo-Schmidt. "Sie wurden uns in einer sehr wichtigen Phase versagt." Ryssel und Cirillo-Schmidt finanzierten deshalb zunächst ein Jahr lang aus eigenen Mitteln, dann sprang ein privater Investor ein. Mittlerweile gibt es mehrere Prototypen und der Langzeittest steht an. Im Frühjahr 2017 soll der Laviu One in den Handel kommen, zunächst nur online. Allmählich soll eine ganze Markenwelt aufgebaut werden. "In zehn Jahren sehen wir uns als große Firma", meinte Laviu-Marketingfrau Anne Friebel. Doch um nach der Entwicklung auch produzieren zu können, braucht es mehr Geld.

Deshalb hat Laviu eine Crowd-funding-Kampagne gestartet, auch Schwarmfinanzierung genannt. Sie wird häufig für Nischenprodukte gewählt. Die Unternehmer legen einen Geldbetrag fest, den sie einwerben wollen und bieten dafür Sachleistungen oder Rechte am Unternehmen. Wird das Geld in der festgelegten Zeit nicht eingeworben, geht es an die Anleger zurück. Laviu möchte 20.000 Euro auf diese Art sammeln. Auf der Internetplattform Indiegogo können Interessierte seit Dienstag insgesamt 44 Tage lang den Laviu One zu Sonderkonditionen vorbestellen. Ausgeliefert wird er im kommenden Frühjahr. Schon im Vorfeld der Aktion gab es viel Kontakt mit potenziellen Kunden in den sozialen Netzwerken.

Dieser relativ frühe direkte Kundenkontakt ist offenbar ein großer Vorteil im Vergleich mit staatlicher Förderung. "Durch das Teilen der Beiträge bei Facebook beispielsweise wird das Produkt bei Kunden sowie im Handel bekannt", sagte Ines Zimzinski, Vertriebsexpertin und Vorstand im Crowdsourcingverband. Gemeinsam mit den Kunden könne ein Produkt sogar weiter oder neu entwickelt werden.

Ähnliche Erfahrungen haben die beiden Designerinnen Monique Bellmann und Anke Ott aus Aue gemacht. Sie hatten im Mai 2015 eine solche Finanzkampagne gestartet. Ihre verspielte Damenmode sollte nicht mehr nur im eigenen Laden verkauft werden, sondern sachsenweit in Boutiquen. Für die Vorfinanzierung von Stoffen und Nähmaterial, Katalogen und Messeauftritten in dieser Größenordnung fehlte jedoch das Geld. 7000 Euro sollten den Unternehmerinnen damals den finanziellen Druck nehmen. Am letzten Tag der Aktion fehlte noch ein Drittel des Geldes, also fast aussichtslos. Wie durch Geisterhand war die Summe jedoch etwa eine Stunde vor Ende der Auktion voll - und die jungen Frauen erleichtert. "Es war eine gute Erfahrung, wir sind jetzt deutlich bekannter", sagt Baumann. Mittlerweile wird die Mode in Boutiquen in Aue, Potsdam, Freiberg, Dresden und Annaberg angeboten. "Allerdings blieb von dem eingeworbenen Geld unterm Strich nur etwa ein Drittel übrig." Was viele der jungen Unternehmer nämlich nicht einkalkulieren: Crowdfunding wird steuerrechtlich behandelt wie ein Verkauf. Es müssen Mehrwert-, Umsatz- und Einkommenssteuer entrichtet werden, sowie Gebühren an die Plattform, die die Aktion ausrichtet, bezahlt werden. Und es werden auch Notargebühren fällig.

Die beiden Dresdner Philipp Strobel und Mario Köhler kennen das Prozedere. Sie haben sozusagen den Tisch neu erfunden, eigentlich ein Tischchen. Strobels Freundin wollte im Bett den Laptop nutzen, konnte ihn aber nicht bequem abstellen. Eine Idee war geboren und Jungholz Design wurde gegründet. Für die Produktion sollte Crowdfunding dieses Jahr rund 100.000 Euro einspielen. Die Summe kam in der Aktion aber nicht zusammen. "Wir sind sehr froh darüber", sagt Köhler. Die Jungunternehmer hatten sich vorher nicht genügend informiert. "Die hohen Steuern hätte unser junges Unternehmen nicht verkraftet." Zudem entpuppten sich viele Bekanntschaften im Zusammenhang mit der Aktion vor allem als Verkäufer in eigener Sache. Gründern rät Köhler deshalb vom Growdfunding ab. Jungholz Design hat es trotzdem geschafft. Mit Unterstützung von Partnern wird der Tisch von einem Görlitzer Unternehmen produziert, der Vertrieb steht. Jungholz Design ist kein Einzelfall. Nach Schätzungen des Crowdsourcing-Verbandes wird nur bei etwa jeder vierten Aktion die gesetzte Summe eingeworben. In Sachsen ist diese Art der Geldbeschaffung ohnehin selten. Das Wirtschaftsministerium hat in den vergangenen Jahren eine einstellige Zahl von Vorhaben sächsischer Firmen beobachtet. Regionalstatistiken seien nicht bekannt.

Als Vorreiter bundesweit gilt Berlin. Hier gibt es die meisten Startups und auch die meisten Beschäftigten in der Kreativwirtschaft. Die zu vergebenden staatlichen Fördergelder nehmen jedoch nicht in entsprechendem Umfang zu. "Viele Kreative haben gar keine andere Wahl, um ihre Ideen zu verwirklichen", meint Zimzinski. "Wir brauchen in Deutschland viel mehr Risiko- kapital."

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