Südwestsachsen wird für Pendler immer attraktiver

Die Anzahl der Menschen, die zum Arbeiten in die Region Chemnitz kommen, wächst. Das gilt allerdings nicht für den gesamten Freistaat Sachsen.

Chemnitz.

Der Arbeitsmarkt in Südwestsachsen hat in den vergangenen Jahren an Anziehungskraft gewonnen. Das lässt sich an der Entwicklung der Pendlerzahlen ablesen. So ist nach den Daten des Statistischen Landesamtes in Kamenz die Anzahl der Einpendler seit 2008 von 34.343 auf 48.961 am Stichtag 30. Juni 2017 gewachsen. Das entspricht einem Anstieg von knapp 43 Prozent.

Während der Freistaat Sachsen insgesamt in den vergangenen Jahren mehr Auspendler auf heute rund 138.000 zu verzeichnen hatte, sinken die Auspendlerzahlen in der Region Chemnitz langsam, aber kontinuierlich von 67.795 vor zehn Jahren auf 65.810 im vergangenen Jahr. Dadurch halbierte sich der Auspendlerüberschuss in Südwestsachsen innerhalb der vergangenen zehn Jahre auf heute rund 17.000 Personen. Die Stadt Chemnitz hat bereits einen positiven Pendlersaldo von rund 24.600 Personen.

Für Hans-Joachim Wunderlich, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Chemnitz (IHK), ist diese Entwicklung der Hinweis auf eine Trendwende. "Angesichts des Bevölkerungsrückgangs in Verbindung mit zunehmenden Fachkräfteengpässen gehen wir davon aus, dass die Region in wenigen Jahren mehr Ein- als Auspendler verzeichnet", sagte Wunderlich. Die weiterhin hohe Anzahl an Auspendlern sieht er als "enormes Fachkräftepotenzial" für die Region. Allein die Bundesagentur für Arbeit weist für die Region Chemnitz knapp 16.000 offene Stellen aus. Nach Einschätzung der IHK ist die tatsächliche Arbeitskräftenachfrage aber doppelt so hoch, da nur etwa jede zweite offene Stelle der Arbeitsagentur gemeldet wird.

Auch Matthias Lißke, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Erzgebirge, ist optimistisch, dass die Anzahl der Auspendler weiter zurückgeht. "Die Rückkehrer an sächsische Arbeitsplätze sind ein absoluter Trend, es ist wie ein Sog", meinte Lißke. Den Grund dafür sieht er vor allem darin, dass sich das "Gesamtpaket inzwischen rechnet". Hohe Kosten für Wohnung und Lebenshaltung fressen nach seiner Einschätzung den Vorteil des höheren Einkommens im Westen schnell auf. Hinzu komme der emotionale Faktor, daheim bei Familie und Verwandten zu sein, sagte Lißke.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Danach holen viele ostdeutsche Regionen bei der Attraktivität des Arbeitsmarktes auf, während dagegen in Teilen Westdeutschlands überdurchschnittlich hohe Mieten Arbeitnehmer abschrecken. So biete Plauen beispielsweise gute Beschäftigungschancen und gleichzeitig günstige Mieten, heißt es in dem IW-Bericht.

Dass sich der Einkommensunterschied zwischen Ost und West durch Mieten und Lebenshaltungskosten etwas relativiert - Sachsen liegt beim mittleren Bruttoverdienst (Median) bei 77,25 Prozent des deutschlandweiten Wertes -, kann man mit Abstrichen auch an der einzelhandelsrelevanten Kaufkraft ablesen, bei der unter anderem die Wohnkosten herausgerechnet sind. Mit 6061 Euro pro Kopf für das Jahr 2018 erreicht der Indexwert in der Region Chemnitz 87,5, während Deutschland insgesamt bei 100 liegt.


Leitartikel: Pendler werden in Sachsen gebraucht

Die Nachfrage der sächsischen Wirtschaft nach gut ausgebildeten Fachkräften ist so hoch wie noch nie. Immer mehr Betriebe suchen händeringend nach Bewerbern. Selbst die Maschinen- und Anlagenbauer - eine Schlüsselbranche der sächsischen Industrie - finden nicht mehr genügend Auszubildende, geschweige denn bereits ausgebildete Fachkräfte. Bei den Arbeitsagenturen und Jobcentern sind derzeit rund 40.000 Jobangebote gemeldet, die Mehrzahl davon Vollzeit und unbefristet. Doch die Arbeitskräftenachfrage ist noch deutlich höher, da nach Einschätzung von Arbeitsmarktexperten nur knapp jede zweite Stelle auch tatsächlich an die Behörde gemeldet wird.

Diese in den vergangenen Jahren vollzogene Trendwende auf dem Arbeitsmarkt in Sachsen rückt so langsam auch in das Bewusstsein der Auspendler aus der Region, die sich aufgrund fehlender Beschäftigungsmöglichkeiten daheim auf dem Arbeitsmarkt in Westdeutschland umgeschaut haben. Noch kann man jeden Freitag die Pendlertrecks auf den Autobahnen beobachten, weil viele das Wochenende mit ihrer Familie in Sachsen verbringen wollen.

Doch Wirtschaftsförderer, die sich dem Thema Rückkehrer und Pendler angenommen haben, spüren ein wachsendes Interesse an einem attraktiven Arbeitsplatz in der Heimat. Die steigenden Wohnkosten in einigen Großstädten Westdeutschlands sowie die inzwischen größere Bereitschaft der Unternehmen in Sachsen, leistungsgerechte Löhne zu zahlen, bieten den Anlass, das Pendlerdasein neu zu bewerten. Denn die Lebenssituation als Pendler hat nicht nur finanzielle Aspekte. Auch die Trennung von der Familie und der Verwandtschaft wollen viele Arbeitnehmer nicht als Dauerlösung.

Diese Chance muss die sächsische Wirtschaft konsequent nutzen. Bei den Auspendlern handelt es sich um ein gut ausgebildetes Fachkräftepotenzial, das jetzt intensiv beworben und überzeugt werden muss, um die Zukunft auf dem Arbeitsmarkt in Sachsen zu suchen. Der Handlungsdruck in den Unternehmen und auch in der Politik ist groß. Der Fachkräftemangel gilt für Sachsen längst als das größte Wachstumshemmnis. Bereits seit sieben Jahren gibt es im Freistaat mehr Arbeitnehmer, die aus dem Berufsleben aussteigen, als nachkommende Berufseinsteiger. Jahr für Jahr nimmt die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter ab. Nach den Prognosen der Bundesagentur für Arbeit sind vor allem das Erzgebirge, das Vogtland und auch Zwickau am stärksten vom Rückgang der arbeitsfähigen Bevölkerung betroffen.

Um die Auspendler als Fachkräfte zu gewinnen, müssen Unternehmen, Wirtschaftsförderer, die Verbände der Wirtschaft und auch das Wirtschaftsministerium deshalb an einem Strang ziehen und eine entsprechende Strategie entwickeln. Jede Chance, Pendler und auch echte Rückkehrer mit Information und Werbung für den Standort Sachsen und seine Arbeitsplätze zu erreichen, muss genutzt werden.

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...