Die Krux mit den Kreuzbändern

Die Saison der Skispringer ist abrupt zu Ende gegangen. Für Stephan Leyhe noch eher als für den Rest. Die zunehmenden Stürze bei der Landung schreien nach Reglementierung im Material. Das hätte aber auch einen Nachteil.

Chemnitz.

Es war dieser erneute Schockmoment vergangene Woche Mittwoch, der einer ohnehin nötigen Diskussion im Skispringen noch einmal zusätzliche Dynamik verlieh: Stephan Leyhe landete aus großer Höhe auf der Schanze in Trondheim, bei 141,5 Metern klappte ihm das linke Knie sofort nach innen. Zwei Tage später war Gewissheit, was alle ahnten: das Kreuzband ist gerissen. Inzwischen lag Leyhe in München unterm Messer. Nach Aussagen des operierenden Arztes sei schon drei Stunden nach der OP die Schwellung im Knie zurückgegangen. "Das gibt Hoffnung, dass die Heilung gut verläuft und Stephan bald mit der Reha beginnen kann", sagt Teammanager Horst Hüttel.

Alle Träume des Willingers Leyhe auf den Sieg der Raw-Air-Tournee und 60.000 Euro Prämie endeten so abrupt wie einen Tag später die gesamte Saison aufgrund der Coronaviruskrise. Dass Deutschland überhaupt erst zum dritten Mal den Nationencup eines Winters gewann, ging völlig unter. Leyhes schwerer Sturz passte irgendwie in die Gemengelage der Pandemie, in der ein Kreuzbandriss - so schlimm es für den Betroffenen auch sein mag - noch zu verschmerzen ist. Doch das Image der faszinierenden Sportart leidet zunehmend unter der steigenden Zahl derartiger Verletzungen. Zehn deutsche Springer und Springerinnen aus den Nationalkadern, darunter prominente wie die Olympiasieger Andreas Wellinger und Carina Vogt oder Ex-Weltmeister Severin Freund, hat es in den vergangenen Jahren mit Kreuzbandrissen nach Landestürzen erwischt. Hüttel betont aber: "Es handelt sich nicht um ein deutsches Problem. Auch Slowenien, Norwegen oder Österreich sind stark betroffen." Einen Tag vor Leyhes Missgeschick stürzte in Lillehammer Jaqueline Seifriedsberger. Die 29-Jährige aus Ried zog sich wie auch eine Ungarin einen Kreuzbandriss zu. Dieselbe Verletzung erlitt Norwegens Thomas Aasen Markeng im Dezember in Klingenthal. Damit sind vier Kreuzbandrisse im letzten Weltcupwinter (Damen, Herren) aktenkundig. In unterklassigen Wettbewerben sowie mit Trainingsstürzen kommen sicher noch einige hinzu.

In Norwegen gab es vor der unplanmäßigen Heimreise der Teams noch eine Trainersitzung mit Rennchef Walter Hofer vom Weltskiverband FIS. In der wurden die Nationen aufgefordert, Vorschläge zur Lösung der Problematik bei der FIS einzureichen. Sandro Pertile, der Hofers Posten als Renndirektor künftig übernimmt, wurde bei besagter Konferenz in Trondheim per Video zugeschaltet. Der Italiener musste in Lillehammer vorsorglich 14 Tage in Quarantäne, ist aber seit Freitag vergangener Woche gesund und munter in der Heimat gelandet. "Bisher gab es noch keine Post von den nationalen Verbänden, aber es ist auch noch bis 15. April Zeit", sagt Pertile. Ende April könnten etwaige Vorschläge im FIS-Skisprungkomitee in Zürich beraten und letztlich Ende Mai mögliche Beschränkungen am Material auf dem FIS-Kongress in Pattaya beschlossen werden.

So zumindest lautet der Plan. Aber der kann sich in diesen Zeiten schnell ändern. Niemanden trifft die Thematik überraschend. Wie "Freie Presse" vor Saisonbeginn auf einer Themenseite berichtete, beruht die Krux der vielen Knie- und insbesondere Kreuzbandverletzungen auf der seit 2010 extremen Optimierung des Flugsystems. Dabei stellt nicht mal der gekrümmte Bindungsstab, der dafür sorgt, dass sich der Ski in der Luft besser plan stellt und somit mehr Tragfläche erzielt, das Hauptproblem dar. "Die Kernproblematik liegt wohl in den asymmetrischen Keilen, die rund um den Fuß im Schuh verwendet werden. Das System Schuh-Bindung-Ski ist viel steifer als früher und nur darauf ausgerichtet, das Planstellen der Ski in der Luftfahrt zu unterstützen", erörtert Hüttel. Er hat sich viele Meinungen eingeholt, auch von Ärzten. "Die haben mir bestätigt, dass beim Telemark durch das Verdrehen der Knie die vier- bis sechsfachen Kräfte im Vergleich zu früheren Zeiten auf das Gelenk wirken", warnt Horst Hüttel.

Skispringen hat sich also von der Dynamik mehr hin zur Aerodynamik gewandelt. Olympiasieger Simon Ammann und Noriaki Kasai gehören zu den Vorfliegern dieser Evolution. Inzwischen haben viele Nationen aufgeholt und die Altmeister abgehängt. Wer nicht am Material mittüftelt um das beste Flugsystem, hat keine Chance. Wer es aber übertreibt, läuft Gefahr, nach weiten Flügen bei der Landung zu stürzen - ein Teufelskreis.

Horst Hüttels Arbeitgeber ist der Deutsche Skiverband. Der finanziert sich zum Großteil durch den TV-Vertrag mit dem Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen. Für das sind erfolgreiche deutsche Ski-Adler ein Quotengarant. Doch wenn es so weitergeht, könnte der Nachschub von der Basis stocken. Hüttel hat Briefe erhalten von Eltern, die sich um die Gesundheit ihrer Sprösslinge sorgen. Deshalb wird der DSV auch auf eine Materialregulierung, die Sinn verheißt, drängen. Denn Skispringen ist, was den Flug angeht, mit der Entwicklung des Schuh-Bindungssystems auch sicherer geworden.

Wie also einen Ausweg finden? Nach "Freie-Presse"-Informationen wird der FIS-Materialchef Sepp Gratzer in Zürich eine Idee unterbreiten. Was zweckmäßig erscheint, denn der Österreicher muss ohnehin alle Änderungsvorschläge danach bewerten, ob sie eine zügige Kontrolle (Ski- und Fußlänge, Anzug, Schuh, Körpergewicht) im Wettkampf gewährleisten. Vorstellbar sind Reglementierungen der Schuhkeile, deren Carbonanbauten, Form und Material betreffen. Genauso möglich ist, dass es künftig zwei sogenannte Hillsize (Meterangabe für den beginnenden kritischen Bereich einer Schanze) geben wird - einen für Rücken- und einen für Aufwindbedingungen. Die Wahl der Anlauflänge ließe sich so entsprechend der Verhältnisse flexibler gestalten.

Was man in jedem Fall vermeiden will, sind alpine Verhältnisse. So ist Horst Hüttel zu Ohren gekommen, dass sich in der zurückliegenden Wintersaison 14 (!) Damen aus Österreich im Welt- und Europacup schwer am Knie verletzten. Auch bei den Alpinen werden mit extrem harten Schuh- und Bindungssystemen Mensch und Material immer mehr ausgereizt. Hüttel vergleicht es mit einem prall aufgepumpten Fahrradreifen, der auch besser um die Kurve fährt als ein halbleerer: "Aber das härtere System verzeiht auch weniger Fehler." Unter dem Aspekt ist es erstaunlich, wie der langjährige Slalomkönig Marcel Hirscher seine Karriere ohne größere Verletzung überstanden hat. "Wahrscheinlich war er koordinativ ein Phänomen", vermutet Hüttel. Aber die gibt es eben leider nur selten.

So sehen drei ehemalige Weltklasseskispringer und ein Schuhhersteller die Sturzproblematik 

Gerd Siegmund, ehemaliger Weltcupsieger, sieht wie einige andere Experten Handlungsbedarf seitens des Weltskiverbandes FIS: "Die Häufung der Kreuzbandrisse bereitet mir Sorge, gerade was die Nachwuchsgewinnung angeht. Es darf nicht sein, dass sich das Schuh-Bindungssystem im Spitzenbereich so verändert, dass es zwar sicher im Flug ist, aber Weiten im hohen Landebereich ein zu großes Risiko darstellen. Ich könnte mir vorstellen, dass schon mit beschränkenden Maßnahmen bei der Verwendung von den Rundumschuhkeilen eine Entspannung der Lage eintritt."

Jens Weißflog und Sven Hannawald, zwei lebende Schanzenlegenden, äußerten sich in der "Sport-Bild" ähnlich: "Die Verdrehung des Knies bei der Landung führt zu einer Über-Kreuz-Belastung", meint der Oberwiesenthaler Weißflog: "Der Weltverband muss eingreifen, zum Beispiel Keile und Einlagen verbieten."

Sven Hannawald sieht es so: "Da es keine Regeln gibt, reizen die Springer das Material aus, einige gehen hohes Risiko. Das geht auf Kosten der Gesundheit." Daher empfiehlt er, einen Mittelweg zwischen sicherem Flugsystem und riskanter Telemarklandung zu finden. "Das ist mit Regeln zu kontrollieren."

 

Tom Rass, Sprungschuhhersteller aus Schönheide, sieht noch einen Aspekt: "Die Gefährdung hat auch etwas mit der Trainingsmethodik und damit, wie ich die Muskulatur rund ums Kreuzband stärke, zu tun. Bei den Kombinierern gibt es weniger solch schwere Verletzungen, und die springen auch."


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