Die zwei Gesichter des Matti Nykänen

In der Nacht zum Montag ist Matti Nykänen im Alter von nur 55 Jahren gestorben. Er war eines der größten Skisprungidole aller Zeiten, auch Talente aus Sachsen eiferten ihm nach. Mit dem Oberwiesenthaler Jens Weißflog hat sich der Finne große Duelle geliefert.

Chemnitz/Lahti.

Es war im Februar 1988. Calgary, olympisches Dorf, in der riesigen Mensa zum Frühstück. Ein schmaler Finne versuchte, in Ruhe ein paar Cornflakes in sich reinzulöffeln. Doch Matti Nykänen wurde immer wieder unterbrochen. Fast jeder, ob Athlet, Trainer oder Küchenpersonal, wollte ein Foto mit dem Star. Schon damals erlebte er die Schattenseite seiner riesigen Popularität, die auch nach der Karriere trotz Eskapaden, Gefängnis und Alkoholproblemen nie erloschen ist. Nun ist Nykänen nicht mehr unter uns. Die Sportabteilung des finnischen Ministeriums für Bildung und Kultur bestätigte den Todesfall am Montag. Der Internationale Skiverband drückte via Twitter seine Trauer aus. "Ruhe in Frieden, Matti", stand über einem Schwarz-Weiß-Bild des Mannes aus Jyväskylä.

Seine Rekordmarke von 46 Weltcupsiegen wurde erst 2013 durch Gregor Schlierenzauer (53 Erfolge) übertroffen - und dies, obwohl es heutzutage wohl doppelt so viele Weltcups in einer Saison gibt wie zu Nykänens Zeiten. Einer, der sich große Duelle mit dem Finnen lieferte, gab gestern viele Interviews: Jens Weißflog, der Oberwiesenthaler, erlebte bei besagten Winterspielen in Calgary als 9. (Normalschanze) und 31. einen Tiefpunkt seiner großen Karriere, während seinem Widersacher die Herzen nur so zuflogen. Es war der Höhepunkt von Nykänens Laufbahn, die 1991 endete.

"Er gehört zu den fünf Athleten, die die wichtigsten vier Wettbewerbe im Skispringen gewonnen haben. Er gehört ganz oben hin", erklärte Jens Weißflog, der selbst mit zum erlauchten Kreis der Ski-Adler zählt, die bei Olympischen Spielen, einer Weltmeisterschaft, der Vierschanzentournee und im Gesamtweltcup ganz oben auf dem Treppchen standen. Oft jubelten Weißflog und Nykänen gemeinsam auf dem Podest. Nach Karriereende wurden die Begegnungen seltener. Das letzte Mal trafen sich beide vor rund zwei Jahren im finnischen Kuhmo, auf Einladung eines Holzhaus-Herstellers. Der wollte die Skisprungidole an einem Tisch sitzen haben. Auch damals mussten alle Gäste auf den finnischen Star, der mit dem Flugzeug anreiste, warten. "Die ganze Crew und das Flughafenpersonal wollten Fotos und Autogramme. Deshalb hatte sich seine Ankunft verzögert", erinnert sich Weißflog: "Und er war auch nicht so vorbereitet. Nach einer Viertelstunde wurde es schwierig mit dem Wortschatz. Ich hatte den Eindruck, er wusste gar nicht so recht, was er auf dieser Veranstaltung sollte."

Schon während seiner aktiven Zeit hatte Matti Nykänen zwei Gesichter, lebte in verschiedenen Welten. Da waren seine unfassbaren Fähigkeiten auf der Schanze. Seine Hebel (lange Beine im Verhältnis zum Oberkörper) waren geschaffen für den optimalen Absprung, an den sich der damalige Weißflog-Trainer Joachim Winterlich noch gut erinnert. "Er ist sehr gut über die Knie in die Vorlage gesprungen. Zudem hat er wie andere Springer - ob nun bewusst oder unbewusst - die Ski seitlich zum Körper gestellt und so die Tragfläche vergrößert. Heute macht das ja in Form des V-Stils jeder", erläuterte Winterlich. Der pensionierte Coach hat damals aus Körpergröße und Gewicht des schmächtigen Finnen eine Leitformel für körperliche Voraussetzungen im Skispringen entwickelt. Auf diese hat er dann Nachwuchsspringer und auch den etwas kleineren Jens Weißflog orientiert. Winterlich, die Trainerlegende aus dem Erzgebirge, nennt Nykänen einen "ganz Großen des Skisprungsports, der damals ein Einzelgänger war." Der einst erfolgreiche Skispringer Kari Ylianttila erzählte Jens Weißflog mal, wie gut Nykänen phasenweise als Athlet zu führen war, und wie sich das über Nacht ändern konnte. Einmal wurde Matti Nykänen bei der Vierschanzentournee aus disziplinarischen Gründen heimgeschickt.

Nach dem Karriereende fiel der Superstar immer wieder in tiefe Löcher. Er begann zu trinken. Mit Bierbauch und aufgedunsenem Gesicht versuchte er sich als Stripper und Popsänger, Firmen wollten mit ihm Geld verdienen. "Ich hätte niemals so viel trinken sollen. Wenn du trinkst, lebst du wie in einer Blase, siehst keinen Sinn", beschrieb er diese Zeit. Auch ins Gefängnis musste er vorübergehend - nach einer Messerattacke auf einen Freund. Nach seiner Entlassung im September 2015 griff er seine Ex-Frau tätlich an. Fünfmal war er verheiratet, drei Kinder hinterlässt Nykänen.

Bei vielen Fans überwiegen die Erinnerungen, wie er durch die Lüfte segelte, so wie 1988 in Calgary. Neunmal wurden wegen des Sandsturmes nahe der Rocky Mountains die Skisprungwettbewerbe verschoben. Letztlich holte der Finne dreimal Gold, im Einzel jeweils mit über 15 Zählern Vorsprung - und dies trotz des unruhigen Frühstücks ... Warum das so war, ist im Olympiabuch nachzulesen. Nach dem ersten Durchgang auf der Normalschanze soll sein Trainer Matti Pulli gesagt haben: "Ein trainierter Engel müsste kommen, um ihn zu schlagen."


Matti Nykänen 

Der Finne wurde am 17. Juli 1963 in Jyväskylä geboren. Bereits mit 17 Jahren gab er als Skispringer sein Weltcupdebüt, mit 18 feierte er in Oslo mit WM-Gold von der Großschanze seinen ersten internationalen Triumph.

Der Ausnahmespringer wurde viermal Olympiasieger: 1984 in Sarajevo von der Großschanze (dazu Silber Normalschanze) sowie dreimal 1988 in Calgary (beide Schanzen, Team). Zudem errang er zwischen 1982 und 1989 bei WM (einschließlich Skifliegen) sieben Titel (davon 1985 einmal Skifliegen) und weitere neun Medaillen. Zweimal (1983, 1988) gewann er die Vierschanzentournee.

Im Weltcup hielt Matti Nykänen bis 2013 den Rekord von 46 Einzelerfolgen. Nur Gregor Schlierenzauer (Österreich) hat ihn mit 53 Siegen bislang überholt. Viermal sicherte er sich den Gesamtsieg, Er stellte mehrere Welt- und Schanzenrekorde auf. fp

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