Europaspiele in Minsk: Zu Gast im Land mit Todesstrafe

Weißrussland und sein autokratischer Herrscher Lukaschenko schmücken sich mit den Europaspielen. Doch für Deutschland ist die Teilnahme «alternativlos», weil ein Boykott im Sport noch nie etwas gebracht habe und das Sportfest Chancen zur Olympia-Qualifikation biete.

Minsk (dpa) - Die bekannteste Tochter Weißrusslands machte Gutwetter für ein umstrittenes Sportfest. Ex-Biathletin Darja Domratschewa dankte den Deutschen erst artig für den «crazy support» während ihrer Karriere, um gleich danach die 2. Europaspiele zu preisen, für die sie als Botschafterin tourt.

«Eine energiegeladene Atmosphäre» erwartet die 32-Jährige von dem am 21. Juni in ihrer Heimatstadt Minsk beginnenden zehntägigen Spektakel, wie sie bei einer Pressekonferenz in Berlin sagte. Sie schwärmte vom «Geist der Spiele».

Doch es sind Problem-Spiele - vornehmlich wegen des Standorts. Nach Aserbaidschans Hauptstadt Baku 2015 ist in Weißrussland - oft auch als Belarus bezeichnet - eine autokratisch geführte ehemalige Sowjetrepublik Gastgeber. Das Land steht auf Platz 153 der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen. In wenigen Tagen feiert der Autokrat Alexander Lukaschenko (64) ein Vierteljahrhundert im Präsidentenamt – niemand sonst auf dem Gebiet der früheren UdSSR ist länger an der Macht.

Traditionell nutzt der als «letzter Diktator Europas» kritisierte Politiker Sportereignisse wie die Eishockey-WM 2014 oder die EM im Eiskunstlauf in diesem Jahr, um mit einer Propaganda-Show zu glänzen. Für das Image des Landes sei das echte PR, eine Investition in die Zukunft, die nicht nur Hunderte Millionen Euro Wert sei. «Schon eher Milliarden», meinte er über die Kraft des Sports.

Auf 100 Millionen Euro beziffert der weißrussische Botschafter in Berlin, Denis Sidorenko, die Kosten für das Spektakel mit 15 Sportarten von Klassikern wie Ringen und Boxen bis zu hippen Neulingen wie Drei-gegen-drei-Basketball und Strandfußball. Ursprünglich waren 35 Millionen Euro veranschlagt worden.

Gastgeber Lukaschenko steht international nicht nur wegen seiner harten Hand gegen Andersdenkende in der Kritik, sondern vor allem deshalb, weil er als letzter Staatschef in Europa noch die Todesstrafe vollstrecken lässt – per Genickschuss. Allein in diesem Jahr wurden bisher mindestens zwei verurteilte Schwerverbrecher hingerichtet, wie das Menschenrechtszentrum Wjasna in Minsk berichtet. Ein Fall sei erst eine Woche vor Beginn der Spiele bekannt geworden. Anders als bei den Europaspielen im öl- und gasreichen Aserbaidschan ist Weißrussland auch noch bitterarm. Wirtschaftlich hängt das Land am Tropf Russlands.

Die deutsche Delegationsleiterin Uschi Schmitz rechtfertigte die Teilnahme: «Wir sind für den Sport verantwortlich. Ein Boykott hat im Sport noch nie zu etwas geführt.» Im Angela-Merkel-Duktus erklärte die für den Leistungssport zuständige Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes die Teilnahme für «alternativlos». Schließlich sei Minsk 2019 für einen Teil des 149-köpfigen deutschen Teams ein Qualifikationswettkampf für Olympia im kommenden Jahr in Tokio, für andere der Saisonhöhepunkt.

Die Tischtennisspieler Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov als prominenteste Teammitglieder müssen die Europaspiele indes in ihren engen Terminkalender quetschen. Und der dreimalige Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel rügt, dass «etliche Athleten zu Hause bleiben müssen», weil die Europaspiele zwar als EM ausgetragen werden, doch mit weniger Bootsklassen als bei kontinentalen Titelkämpfen üblich.

Mehr Nutzen aus den Europaspielen ziehen Sportarten, die selten im Rampenlicht stehen. «Es freut uns, wenn wir ein wenig in den Fokus rücken», sagte Bogenschützin Lisa Unruh. Die Olympia-Zweite 2016 in Rio wird bei der Eröffnung am Freitag die deutsche Fahne tragen.

Die Vereinigung der europäischen Nationalen Olympischen Komitees rief die Veranstaltung als Pendant zu Kontinental-Events wie den Asien-Spielen oder den Panamerikanischen Spielen ins Leben, ohne bislang den Erdteil zu begeistern. Für 2019 sprangen die Niederlande aus wirtschaftlichen Gründen ab. Minsk füllte die Lücke.

Der Sponsorenpool besteht mehrheitlich aus weißrussischen Staatsunternehmen. Auch Regierungschef Sergej Rumas musste einräumen, dass das erhoffte Engagement internationaler Geldgeber ausgeblieben ist. «Wir können heute mit den Ergebnissen dieser Arbeit nicht zufrieden sein», sagte er. Offizielle Zahlen dazu, wie viele der verfügbaren 350.000 Tickets verkauft sind, gibt es nicht. Für 2023 fand sich im polnischen Krakau mit Mühe lediglich ein Bewerber.

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