Handball-WM In Deutschland und Dänemark: Gelingt der große Wurf?

Am Donnerstag starten die deutschen Handballer in die Heim-WM. Der nationale Verband erhofft sich einen Schub für die Sportart. Spieler und Trainer halten sich zurück. Denn zu den Favoriten gehören andere Mannschaften.

Berlin.

Den Status als Sportart Nummer zwei in Deutschland sichern, eine Begeisterung wie beim Triumph bei der Heim-WM 2007 entfachen und den EM-Titel von 2016 bestätigen - die Erwartungen an die deutschen Handballer vor der WM im eigenen Land und in Dänemark sind hoch. Doch nur die wenigsten trauen der Mannschaft von Bundestrainer Christian Prokop den ganz großen Wurf zu. Gerade einmal drei Prozent der Deutschen glauben laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov an den WM-Sieg der DHB-Auswahl.

"Die Begeisterung kommt nicht von alleine. Wir müssen erst liefern, dann schwappt diese Welle hoffentlich über. Wir können so viel für die Entwicklung des Handballs in Deutschland machen", meint Torhüter Andreas Wolff vor dem Eröffnungsspiel am Donnerstagabend (18.1.5 Uhr) in Berlin gegen das Vereinte Team Korea. Der Verband hofft "auf eine ähnlich erfolgreiche Geschichte wie 2007", erklärt DHB-Präsident Andreas Michelmann. Vor elf Jahren stürmte die Nationalmannschaft von Bundestrainer Heiner Brand zum ersten WM-Erfolg seit 1978. Mehr als 16 Millionen Zuschauer verfolgten damals vor dem Fernseher den Finalsieg gegen Polen. Als die Heiner-Brand-Gedächtnis-Schnauzer nach den Feierlichkeiten in Köln wieder in den Schubladen verschwanden, verpasste es der DHB, die Chance zu nutzen: Ein Handball-Boom blieb aus. "Im Unterschied zu damals haben wir die Instrumente, die handballbegeisterten Kinder abzuholen", ist sich Michelmann sicher.

Die Frage bleibt: Hat die Mannschaft die Qualität, um den Erfolg der vergangenen Heim-WM zu wiederholen? Denn die Voraussetzungen sind andere. Brand war 2007 bereits zehn Jahre im Amt, unumstritten, hatte ein festes Gerüst an Leistungsträgern, die zuvor häufig nur knapp scheiterten. Der Titel bei der Heim-WM war die Krönung.

Prokop hingegen übernahm das Amt vor zwei Jahren, erlebte bei seinem ersten großen Turnier vergangenes Jahr mit EM-Platz neun gleich eine Enttäuschung. Schlagzeilen, nach denen der junge Taktikfuchs nie das Vertrauen seiner Spieler erworben hätte, dominierten. Prokop hinterfragte sich nach dem Turnier. Seine Schlussfolgerung: mehr Kommunikation, weniger Taktiktafel.

Dass der Coach, der sich als Aufstiegstrainer des SC DHfK Leipzig einen Namen machte, so heftig in die Kritik geriet, lag auch an den Erfolgen seines Vorgängers. Dagur Sigurdsson küsste den deutschen Handball wieder wach. Auf die erfolgreiche Ära Heiner Brands folgte die wohl größte Krise der Nationalmannschaft. Bevor Sigurdsson übernahm, hatte sich das DHB-Team nicht für Olympia 2012 qualifiziert, 2014 war man erstmals bei einer EM nur Zuschauer. Dass der Isländer 2016 den EM-Titel holte, überraschte Experten und Fans. Die Bad Boys machten die fehlende spielerische Klasse mit Härte, defensiver Disziplin und Teamgeist wett. Das Image passte zur größtenteils unerfahrenen Truppe. Bewusst forsch und selbstbewusst traten die bösen Jungs auf dem Feld und abseits davon auf. Die Spieler waren unverbraucht, nicht für die Misere zuvor verantwortlich. Ein halbes Jahr später sicherten sie sich Olympiabronze.

Doch Platz neun bei der WM vor zwei Jahren und die EM 2018 hinterließen Spuren. "Wenn man große Sprüche klopft, muss man auch liefern. Und nach den letzten beiden Turnieren sollten wir etwas demütiger sein", sagt EM-Held Wolff in einem Interview des "Mannheimer Morgens". "Ich habe daraus meine Lehren gezogen, bin vorsichtiger geworden." Wie ein Rentner, der sich in seine alte Lederjacke zwängt und sich wundert, dass er im Szeneviertel nicht mehr ernstgenommen wird, so passt inzwischen das Image der Bad Boys nicht mehr zur Nationalmannschaft. Das Team und der Verband wollen den Spitznamen nicht mehr aktiv nutzen.

Die Europameister stellen aber immer noch den Großteil des Teams. Im 16-köpfigen Kader ist mit Franz Semper von der DHfK Leipzig nur ein Spieler jünger als 23 Jahre. Das Sorgenkind bleibt der Rückraum. Mit Julius Kühn von der MT Melsungen fehlt der beste Distanzschütze verletzt. Um überhaupt auf einen klassischen Spielmacher zurückgreifen zu können, nominierte der Bundestrainer Martin Strobel von Zweitligist HBW Balingen-Weilstetten. "Wir haben einen sehr guten Mix aus jungen und erfahrnen Spielern", zeigt sich Prokop dennoch zuversichtlich.

"Das Halbfinale muss bei einer Heim-WM das Ziel sein. Und dieses Ziel ist auch realistisch, weil wir die Qualität dafür mitbringen", sagt Wolff. Prokop benannte den Torwart vom THW Kiel als klare Nummer eins vor Silvio Heinevetter von den Füchsen Berlin.

Um die Vorschlussrunde in Hamburg zu erreichen, müssen Wolff und Co. nach der Vorrunde in Berlin und der Hauptrunde in Köln mindestens zwei der Spitzenteams aus Frankreich, Spanien und Kroatien hinter sich lassen. Zieht die DHB-Auswahl ins Halbfinale ein, ist alles möglich - wie bei der WM 2007 und dem EM-Erfolg 2016. Denn eines haben Brands Schnauzbartträger und die Bad Boys von Sigurdsson mit der Prokop-Mannschaft gemein: Das individuell am besten besetzte Team des Turniers waren sie sicherlich nicht, die Euphorie beim Erfolg aber umso größer.mit dpa

Das deutsche Aufgebot

Tor: Silvio Heinevetter (34 Jahre alt/Füchse Berlin), Andreas Wolff (27/THW Kiel).

Kreis: Patrick Wiencek (29/THW Kiel), Hendrik Pekeler (27/THW Kiel), Jannik Kohlbacher (23/Rhein-Neckar Löwen).

Linksaußen: Uwe Gensheimer (32/Paris St.-Germain), Matthias Musche (26/SC Magdeburg).

Rechtsaußen: Patrick Groetzki (29/Rhein-Neckar Löwen).

Rückraum links: Fabian Böhm (29/Hannover-Burgdorf), Steffen Fäth (28/Rhein-Neckar Löwen), Finn Lemke (26/MT Melsungen).

Rückraum Mitte: Martin Strobel (32/HBW Balingen-Weilstetten), Fabian Wiede (24/Füchse Berlin), Paul Drux (23/Füchse Berlin).

Rückraum rechts: Steffen Weinhold (32/THW Kiel), Franz Semper (21/DHfK Leipzig).

Cheftrainer: Christian Prokop (40).

Gegen wen spielt Deutschland? Wer gehört zu den Favoriten?

Korea: Erstmals tritt eine gesamtkoreanische Mannschaft an. Das Gros des deutschen Gegners im Eröffnungsspiel stellen die Südkoreaner. Das Land war lange die dominante Handballnation in Asien. 1988 gelang mit Olympiasilber der größte internationale Erfolg. Doch seit dem Rücktritt von Bundesliga-Rekordtorschütze Kyung Shin Yoon (Foto) tut man sich schwer. 2015 und 2017 verpasste man die Qualifikation. Yoon ist inzwischen im Trainerstab und soll dabei helfen, ein neues Team aufzubauen.

Brasilien: Bei den Olympischen Spielen 2016 machte die DHB-Auswahl zuletzt eine ungute Erfahrung mit den kampfstarken Südamerikanern. Beim 30:33 in der Vorrunde gab es die bisher einzige Niederlage gegen Brasilien. Dank der Aufbauhilfe des spanischen Erfolgstrainers Jordi Ribera (Foto) gelang in Rio mit dem Einzug ins Viertelfinale ein Achtungserfolg, der bei der WM 2017 mit dem Erreichen des Achtelfinales bestätigt wurde. Einige Spieler schafften mittlerweile den Sprung zu Europas Topclubs.

Russland: Die Glanzzeiten des dreimaligen Weltmeisters liegen schon ein paar Jahre zurück. Die letzte WM-Medaille gab es 1999 mit Silber. 2011 wurde erstmals eine WM-Endrunde verpasst. Seitdem kämpft man darum, wieder den Anschluss an die Weltspitze zu finden - mit überschaubarem Erfolg. Die Mannschaft um den erfahrenen Rechtsaußen Timur Dibirow (Foto) von Vardar Skopje will nun unter die Top 8 kommen, um die Chance auf eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen 2020 zu wahren.

Frankreich: Der Rekordweltmeister vollzog nach dem Triumph 2017 einen kleineren Umbruch. Torhüterikone Thierry Omeyer und Rückraumhüne Daniel Narcisse beendeten ihre Karrieren im Nationalteam. Superstar Nikola Karabatic fehlt verletzungsbedingt. Dennoch ist das Team von Trainer Didier Dinart (Foto) der Topfavorit. Bei der WM 2007 in Deutschland stand der gefürchtete Abwehrrecke auf dem Parkett und erlebte die knappe und umstrittene Halbfinalniederlage gegen den Gastgeber hautnah mit.

Serbien: Jugoslawien zählte jahrzehntelang zur Weltspitze. 1972 und 1984 wurde der Olympiasieg, 1984 der WM-Titel gefeiert. Seit dem Zerfall spielen die Kroaten die weitaus größere Rolle im Handball. 2012 gelang den Serben mit Platz zwei bei der EM ein Überraschungserfolg. Die beste Platzierung bei einer WM war Rang acht vor zehn Jahren. Das Ziel bei dieser Weltmeisterschaft für das Team um den früheren Berliner Bundesligaprofi Petar Nenadic (Foto) ist das Erreichen der Hauptrunde.

Favoriten: Auf dem Papier stellt Frankreich die am besten besetzte Mannschaft. Doch der Titelverteidiger ist nicht mehr ganz so dominant wie zuletzt. Der Kreis der weiteren Titelanwärter ist groß: Europameister Spanien, Gastgeber Dänemark, Schweden und Kroatien gehören dazu - genauso wie die Norweger. Der Vizeweltmeister hat den Status des Geheimfavoriten längst abgelegt. Spielmacher Sander Yagosen (Foto) vom Pariser Starensemble gilt als kommender Superstar des Handballs.sesi/dpa

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