Nick Klessing: "Eine Riesenehre für mich"

Turn-WM: Für den Rodewischer ist die Qualifikation für das Ringefinale sein bislang wertvollster Erfolg

Stuttgart.

Bei der Turn-WM in Stuttgart sorgte der Rodewischer Nick Klessing für die bislang größte Überraschung. Der 21-Jährige, der beim SV Halle von Trainer Hubert Brylok betreut wird, erkämpfte sich einen Platz im Finale am Barren. Nach dem für das deutsche Team nach bangen Stunden die Olympiaqualifikation feststand, sprach Katja Sturm mit ihm.

Freie Presse: Wie haben Sie Ihren Auftritt in der Qualifikation bei dieser Heim-WM erlebt?

Nick Klessing: Am meisten Spaß hat das Publikum gemacht. Das hat uns so angefeuert und gepusht von Gerät zu Gerät, das war richtig, richtig geil. Ich selbst war ja am Anfang noch in der Einturnhalle geblieben, da ich erst im dritten Durchgang am Boden dran war, und habe die Barren- und Reckübungen der anderen auf dem Videowürfel dort verfolgt. Ich habe dann einen guten Einstieg erwischt. An den Ringen dachte ich mir, du kannst dein Zeug. Und dann kam die beste Übung in den letzten Wochen dabei heraus. Am Sprung war die Euphorie ein bisschen zu hoch, alles besonders gut machen zu wollen. Das war ärgerlich, dass ich den Roche nicht gestanden habe. Der war eigentlich sehr sicher im Training.

Wie ging es Ihnen am Montag, als Sie gemeinsam mit Ihren Teamkollegen zusehen mussten, ob die Konkurrenz Ihnen noch das Olympiaticket abnimmt?

Das war ein sehr langer Tag. Es kamen noch vier Durchgänge, und immer mehr Nationen haben sich vor uns platziert. Wir mussten fast bis zum Schluss warten, bis wir das Ticket für Tokio sicher hatten. Schade, dass es nicht eher geklappt hat. Aber am Ende ist uns eine Riesenlast von den Schultern gefallen.

Wann genau war das? Sie standen vor dem letzten Durchgang auf dem elften Platz, und nur zwölf Nationen dürfen in Japan turnen.

Wir wussten, dass die Schweiz, die im letzten Durchgang dran war, besser ist als wir. Deshalb haben wir mit dem zwölften Platz gerechnet. Rumänien hatten wir schon im Länderkampf geschlagen. Die Holländer hätten einen perfekten Durchgang erwischen müssen. Als die am Sprung vergeigt haben, wussten wir, dass es reicht, und waren schon etwas entspannter.

Sie selbst haben außerdem das Finale an den Ringen erreicht.

Damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Ich war nach dem ersten Tag Siebenter - und nach dem zweiten immer noch. Das war eine sehr große Überraschung. Es ist eine Riesenehre, dass ich noch mal vor heimischem Publikum turnen darf.

Inwiefern ist es bei Ihnen schon angekommen, was Sie da erreicht haben?

Ich hatte gehofft, dass es vielleicht klappen kann. Aber ich wusste, dass nach mir noch die Chinesen kommen, der Ukrainer Igor Radivilov, die Armenier. Dass sie alle hinter mir bleiben, damit konnte ich nicht rechnen. Jetzt bin ich gespannt, was passiert. Bis Samstag ist es noch lange hin. Ich muss mich nicht verrückt machen und will mir auch keinen großen Druck aufbauen.

Mit welcher Strategie gehen Sie in das Ringefinale?

Das müssen wir noch mal besprechen. Aber man sollte nicht mit zu vielen Erwartungen reingehen. Ich bin der Einzige, der nur eine 6,0 in der Schwierigkeit hat. Die D-Noten der anderen liegen alle zwischen 6,1 und 6,3. Ich kann nur gewinnen und deshalb viel riskieren. Eine Prognose ist schwer. Ich will es aber auf jeden Fall genießen und die Atmosphäre in der Halle noch mal mitnehmen. Das Finale an sich ist schon ein großer Erfolg für mich.

Im Team müssen Sie im nächsten Jahr wieder um Ihren Platz kämpfen. Bei einem Scheitern der Mannschaft hätten Sie sich über einen guten Rang im Ringefinale ein persönliches Olympiaticket verdienen können. Wie sehr haben Sie sich mit diesem Gedanken beschäftigt?

Natürlich war unser größtes Ziel, es als Team zu schaffen. Trotzdem kommt einem so ein Gedanke mal. Aber im Finale stehen viele Spezialisten, die nicht nur sehr stark sind und alle schon Titel gewonnen haben. Es sind auch viele, die noch nicht mit ihrer Nation für Tokio qualifiziert sind. Deshalb wäre das eine sehr schwere Aufgabe gewesen.

Wer wird Ihnen bis Samstag am meisten helfen? Ihr Zimmerkollege und Kumpel Felix Remuta?

Schwer zu sagen. Die Situation ist ja noch neu für mich. Bei der Junioren-Europameisterschaft in Bern, bei der ich 2016 Gold gewonnen habe, habe ich viel mit Felix zusammen mein Zeug gemacht. Aber da war er auch im Sprungfinale. Wir sind und bleiben alle ein Team, gehen gemeinsam in die Halle und trainieren. Da ist jeder für jeden da.

Wissen Sie schon, wann Sie im Finale ans Gerät müssen?

Nein, das war am Montag nicht Priorität, das nachzuschauen. Im Endeffekt ist es auch egal.

Wie geht es nach der WM für Sie weiter? Gibt es für Sie als Polizeimeisteranwärter einen Sonderurlaub?

Die WM geht bis Sonntag. Ich fliege von hier aus direkt nach Kienbaum zu meiner Ausbildung bei der Bundespolizei. Ich habe jetzt eineinhalb Monate verpasst. Da habe ich einiges nachzuholen, und es werden anstrengende Wochen. Glücklicherweise unterstützen mich die anderen und auch die Lehrer. Aber man sieht, dass es sich gelohnt hat, dass ich ausgesetzt habe.

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