Skisprung-Bundestrainer: Die großen Fußstapfen sind kein Thema

Skisprung-Bundestrainer Stefan Horngacher tritt nach der Ära von Werner Schuster kein leichtes Erbe an. Klingenthal ist ein Zwischenziel.

Klingenthal.

Der neue Bundestrainer im Skispringen, Stefan Horngacher, stammt wie Vorgänger Werner Schuster aus Österreich. Vor dem Finale der Sommer-Grand-Prix-Serie in Klingenthal hat Thomas Prenzel mit dem ehemaligen Weltklasse-Skiadler, der am 20. September seinen 50. Geburtstag feierte, das folgende Interview geführt.

Freie Presse: Werner Schuster hatte den Posten des höchstrangigen Skisprungtrainers des Landes mit dem als Coach beim FC Bayern verglichen. Was bedeutet Ihnen der Job?

Stefan Horngacher: Im Fußball kenne ich mich weniger aus. Aber für mich ist es eine Ehre und große Wertschätzung, zum Bundestrainer berufen worden zu sein. Es gibt definitiv einen sehr gut organisierten Skiverband hier im Vergleich auch zu anderen Nationen. Das ist schon nochmal deutlich eine Nummer größer.

Vom Werdegang her passt der Schritt ins höchste Skisprungtraineramt zu Ihrer Laufbahn.

Ich habe in den vergangenen zehn Jahren alle Trainerpositionen besetzt und dabei viel lernen können. Meine ersten Trainerversuche durfte ich in Österreichs A-Mannschaft an der Seite von Chefcoach Hannu Lepistö machen. Danach war ich für den Nachwuchs in Polen verantwortlich, bis mich dann Rudi Tusch, der damalige Sportliche Leiter im Skiverband, nach Deutschland geholt hat. Dort habe ich zunächst den Nachwuchs am Skiinternat in Furtwangen trainiert und als leitender Trainer am Stützpunkt Hinterzarten gearbeitet, bis mich mein Weg Step by Step über das Junioren-Nationalteam und die Leitung des B-Kaders zu Werner Schuster ins A-Team geführt hat.

Viel Lob hört man über die Ausbildung in Ihrem Heimatland in Stams. Hat Sie die geprägt?

In Österreich habe ich die Grundlagen für den Trainerberuf erlernt. In der Zeit in Deutschland habe ich sozusagen meine Endausbildung genossen. Das war viel wert.

Wie groß empfinden Sie die Fußstapfen, die Werner Schuster hinterlässt?

Für mich ist das kein Thema. Letztendlich wird man daran gemessen, was man selbst produziert, egal, was der Vorgänger erreicht hat. Ich versuche, einen etwas anderen Ansatz zu finden, damit die Athleten neue Reize bekommen für die Zukunft.

Was steckt hinter dem neuen Ansatz?

Zum einen haben wir bis auf einen Coach einen komplett neuen Trainerstab, womit wir automatisch viele neue Impulse für die Athleten setzen. Auch in der Herangehensweise Lehrgänge und Heimtraining haben wir Veränderungen eingeführt, inhaltlich dadurch auch wieder neue Schwerpunkte gewichtet. Das sind unterm Strich genug Reize in der ersten Saison. Ich hoffe, dass die gut ausgebildeten Athleten noch einen Schritt vorankommen.

Apropos: Haben Sie vor Ihrem Amtsantritt darüber nachgedacht, dass Athleten wie Markus Eisenbichler und Karl Geiger oder auch Olympiasieger Andreas Wellinger oder Stephan Leyhe ihren Leistungszenit bereits erreicht haben könnten?

Nein. Als ich vor drei Jahren in Polen als Nationaltrainer angefangen habe, hatte Kamil Stoch auch schon viel gewonnen, u. a. war er Olympiasieger. Ich denke, dass er dann auch noch einmal besser gewordenist bzw. stabiler Ski gesprungen ist. Uns ist es auch gelungen, andere gute Springer zusammen in der Mannschaft auf ein höheres Niveau zu bringen. Ich glaube, es gibt keinen Stillstand. Auch Athleten, die schon einiges gewonnen haben, können sich immer noch verbessern.

Aus regionaler Sicht hoffen die Fans, dass Richard Freitag zu alter Stärke zurückfindet. Wie sehen Sie seine Entwicklung?

Ja, der "Richi" ist definitiv einer der besten Skispringer der Welt, das hat er schon bewiesen. Im letzten Winter hat er sicher ein paar Schwierigkeiten gehabt, gerade was die Flugsymmetrie angeht. Daraus resultierte eine Unsicherheit. Aber nun befindet er sich auf einem guten Weg. Ich bin mit seiner Entwicklung sehr zufrieden. Es geht zwar langsam, aber es geht vorwärts. Und ich hoffe, das auch nachhaltig. Ich bin guter Dinge, wenn nichts dazwischenkommt wie Verletzungen oder Stürze, dass er den Anschluss nach ganz vorn wieder schaffen wird.

Was erwarten Sie von Ihren Athleten in Klingenthal?

Ich schaue gar nicht so auf die Ergebnisse. Klingenthal ist traditionell auch etwas vom Wind abhängig. Ob du das nötige Glück hast, ganz vorn zu sein, kann man nicht prognostizieren. Klingenthal wird ein Zwischenziel sein. Wir werden sehen, ob die Sportler ihre Technik, die sie sich im Training angeeignet haben, auch im Wettkampf zeigen können.

Eine Frage zu Ihrer aktiven Zeit als Springer: Können Sie gut schlafen, auch wenn Sie keine Einzelmedaille bei einem Großereignis gewonnen haben?

Ja. Natürlich kämpfst du als Athlet immer um die Medaille. Aber ich hatte eine recht erfolgreiche Karriere. Man soll mit dem zufrieden sein, was man erreicht hat. Ich war Vierter und Fünfter bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften - also ganz nah dran an den Medaillen. Ich hab's halt immer ganz knapp nicht aufs Podest geschafft. Aber ich weine dem nicht nach. Für mich war immer das Credo: Ich will als Trainer besser sein, als ich es als Skispringer war. Da möchte ich mich weiterentwickeln und immer besser werden, da hat man auch ein bisschen mehr Zeit dazu.

Sie sind in Österreich geboren, leben seit vielen Jahren mit einer deutschen Frau im Schwarzwald. Als was fühlen Sie sich selbst: Österreicher, Deutscher?

Als Europäer, ich habe ja auch schon in einigen Nationen gearbeitet. Aber die Wurzeln als Österreicher, die legt man nicht ab. Wo die Familie herkommt, wo man aufgewachsen ist - das bleibt immer. Das geht aber - glaube ich - jedem so.

Stefan Horngacher

Am 20. September 1969 in Wörgl in Tirol geboren, begann er beim hiesigen SC mit Alpinskifahren, wechselte mit zehn Jahren zu den Springern.

Seine größten Erfolge feierte Horngacher mit Österreich in Teamwettbewerben: Bei Olympia 1994 und 1998 gab es jeweils Bronze, hinzu kommen zwei WM-Titel (1991, 2001) sowie dreimal Bronze (1993, 1999, 2001). Im Einzel kam er auf zwei Weltcupsiege: 1991 beim Fliegen am Kulm und 1999 auf der Großschanze in Zakopane.

Seine Trainerlaufbahn in Deutschland begann 2006 als Trainer in Hinterzarten, bis ihn Werner Schuster 2011 als seinen Assistenten ins Nationalteam holte. Seit 2016 führte Horngacher Polens Springer um Kamil Stoch zu großen Erfolgen. U. a. wurde Stoch 2018 Olympiasieger und gewann alle vier Springen der Tournee 2017/18. David Kubacki holte 2019 WM-Gold auf der Normalschanze.

Der gebürtige Österreicher wohnt in Titisee-Neustadt im Schwarzwald, ist mit Nicole Hoffmeyer, der ehemaligen Physiotherapeutin von Sven Hannawald und Martin Schmitt, verheiratet. Sie haben zwei Kinder. (tp)

Neue Gesichter im Trainerstab

Nach dem vorletzten Grand Prix am Sonntag in Hinzenbach reist der Japaner Yukiya Sato als Gesamtführender in Klingenthal an. Der 24-Jährige besitzt allerdings nur zehn Punkte Vorsprung auf Dawid Kubacki aus Polen. Pro Sieg gibt es wie im Weltcup auch 100 Zähler.

Bester Deutscher in diesem Sommer ist Karl Geiger auf Position sieben. Der Allgäuer gehört zu den sieben Springern, die beim Finale in der Vogtland-Arena noch theoretische Chancen auf den Gesamtsieg haben.

Der Sachse Richard Freitag startete bei fünf Grand-Prix-Wettbewerben und erreichte als Dritter in Hinterzarten sein bestes Einzelergebnis.

Fehlen werden in Klingenthal Severin Freund und Andi Wellinger. Für den lange verletzten Ex-Weltmeister Freund, der auf die Schanze zurückgekehrt ist, kommen Wettkämpfe auf dem großen Bakken zu früh. Olympiasieger Wellinger schindet sich nach seinem Kreuzbandriss in der Reha.

Im deutschen Trainerstab hat es nicht nur auf der Bundestrainerposition eine Veränderung gegeben. Christian Heim und Bernhard Metzler sind neu dazugekommen, Jens Deimel war bereits als Assistent von Werner Schuster im Nationalteam tätig. Neu im Betreuerteam ist noch Andreas Wank, der im Sommer seine Laufbahn beendet hatte und gleichzeitig eine Trainerausbildung absolvieren wird.

Zeitplan: 4. Oktober (Freitag), 15.30 Uhr: Training, 18.00 Uhr: Qualifikation. 5. Oktober (Samstag), 14.45 Uhr: Probe, 16 Uhr: 1. Wertungsdurchgang, 17.15 Uhr: Finalsprung.

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