Warum Kristin Gierisch sich über Schmerzen freut

Die Vizeeuropameisterin im Dreisprung steht wieder im Training. Und die Chemnitzerin ist nach der verletzungsbedingten und bitteren WM-Absage hoch motiviert.

Chemnitz.

Kristin Gierisch liebt Räuchermännchen. Deshalb freute sich die Chemnitzer Dreispringerin diebisch, als sie kürzlich bei einer Veranstaltung des Sächsischen Leichtathletik-Verbandes ein weiteres Mannl als kleines Dankeschön für die gezeigten Leistungen im Jahr 2019 geschenkt bekam. Allerdings sind die urigen Holzfiguren bei ihr alles anderes als Dekoration. Bei Kristin Gierisch stehen sie in der Weihnachtszeit richtig unter Dampf.

Das trifft im übertragenen Sinn auch auf sie selbst zu. Seit gut vier Wochen befindet sich die 29-Jährige, die die WM in Doha verletzungsbedingt absagen musste, wieder im Training. "Ich bin aus dem Urlaub zurückgekommen und hatte richtig Bock", erinnert sich die LAC-Athletin. Hochmotiviert legte sie los - und bezahlte mit Muskelschmerzen. Schmerzen, die sie liebend gern in Kauf nahm. "Treppensteigen und auf Toilette gehen waren ganz schlimm. Zu merken, dass der Körper noch reagiert, war dennoch ein geiles Gefühl", erzählt sie lachend. Auch das Springen steht wieder auf dem Programm, beim Aufbau allerdings noch nicht im Vordergrund. "Es tut weh, macht aber Laune", bewertet sie die bisherigen Einheiten.

Völlig gegenteilig stellte sich ihre Gefühlswelt vor wenigen Wochen dar. Als Ende September in Katar die WM-Entscheidung im Dreisprung anstand, saß Kristin Gierisch traurig vor dem Fernseher. "Zuzuschauen tat weh", sagt die deutsche Rekordhalterin. Die 14,61 Meter war sie gleich zu Saisonbeginn in Garbsen gesprungen. Im Wüstenstaat ging WM-Bronze mit 14,73 Metern an Catherine Ibargüen (Kolumbien) - ein Platz auf dem Podest lag für die Sächsin womöglich im Bereich des Machbaren. "Wenn man mit 14,61 Metern in die Saison einsteigt, sich stabilisiert und dann beim Höhepunkt alles aus sich herausholt ...", sinniert die Vizeeuropameisterin und fügt an: "Man weiß es nicht. Ich sehe es insofern positiv, dass es dieses Jahr noch nicht sein sollte."

Dabei standen 2019, wie sie selbst sagt, "die Zeichen auf Grün". Dem deutschen Hallenrekord vom Februar (14,59 m) ließ sie beim Einstieg in die Freiluftsaison die bereits erwähnte nächste nationale Bestmarke folgen. Doch schon unmittelbar nach dem Rekordsprung traten Schmerzen im linken Fuß auf. Die WM-Fünfte von 2017 fuhr zu ihrem Vertrauensarzt Volker Steger nach Leipzig. Es blieb aber nicht der einzige Besuch bei einem Mediziner. "Ich glaube, das Hauptproblem war, dass ich auf zu viele Menschen gehört habe. Fünf Ärzte haben auf meinen Fuß geschaut und es gab zwölf Meinungen", sagt Kristin Gierisch.

Verschiedene Behandlungsmethoden brachten nicht den erhofften Erfolg. Mehrere MRT keine sichere Diagnose. Vielmehr stieg die Verunsicherung. "Mein Trainer Harry Marusch und ich wussten irgendwann nicht mehr weiter", blickt die Dreispringerin auf eine sehr schwierige Zeit zurück. Um den Kopf freizubekommen, klinkte sich die Chemnitzerin mitten in der Saison sogar für je zwei Wochen völlig aus. Nach Tiefschlägen gab es zwar immer wieder Hoffnungsschimmer. So holte sie sich bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin den Sieg. Letztendlich zwangen sie die Achillessehnenprobleme jedoch zur WM-Absage. Ein bitterer Schluss eines Jahres, in dem Kristin Gierisch zwei deutsche Rekorde aufgestellt, zwei Deutsche Meisterschaften gewonnen und Platz zwei bei der Team-EM belegt hat. "Das klingt alles schön, aber ich bin trotzdem unglücklich, weil die internationalen Erfahrungen und Teilnahmen fehlen", resümiert sie.

Vorbei. Der Blick geht nach vorn, Richtung Tokio 2020, auch wenn die Ursache der Schmerzen immer noch nicht richtig gefunden ist. Letztendlich sollte Volker Steger Recht behalten, der dem Fuß Ruhe verordnet hatte. "Das half im Endeffekt. Ich hätte ihm einfach vertrauen sollen. Da gebe ich ganz ehrlich zu, dass ich einen Fehler gemacht habe", sagt Kristin Gierisch, die allerdings nicht dafür bekannt ist, gern still zu sitzen. "Das war eine wirklich große Herausforderung. Deshalb bin ich meinem Freund sehr dankbar, dass er versucht hat, mich mit allen Mitteln, Tricks und Methoden irgendwie dazu zu bewegen, die Füße hochzulegen", erzählt die Bundespolizistin. Mit ihrem Freund Sebastian Kneifel, der als Hochsprungtrainer in München arbeitet, führt Kristin Gierisch momentan eine Fernbeziehung. "Das tut mir sehr gut. Am Wochenende genieße ich die Zweisamkeit und unter der Woche kann ich mich auf das Wesentliche konzentrieren", sagt die gebürtige Zwickauerin, die sich für ihre Ziele noch professioneller aufgestellt hat. Auf eigene Kosten arbeitet sie mit einen Personal Trainer zusammen, ernährt sich sehr bewusst, trinkt keinen Alkohol mehr, gönnt sich ausreichend Schlaf und geht noch sensibler mit dem eigenen Körper um. "Ich denke, das sind so die letzten Prozente. Entweder man schraubt an ihnen oder man wird es nie schaffen", sagt Kristin Gierisch, die drei Starts in der Hallensaison plant. Am 7. Februar in Chemnitz, am 22./23. Februar bei der DM in Leipzig und Mitte März bei der Hallen-WM im chinesischen Nanjing. Und bis zum Start bei ihrem Heimspiel möchte sie im Training vor allem eines: ohne Schmerzen Dampf machen.

Hallensaison auf der Kippe

Dreispringer Max Heß, der die Leichtathletik-WM in Doha wegen eines Bandscheibenvorfalls absagen musste, kann noch nicht wieder angreifen wie erhofft. "Es gibt momentan ein paar Schwierigkeiten im Heilungsverlauf. Ich bin noch nicht zu alter Stärke zurückgekehrt und kann auch noch nicht machen, was ich zu diesem Zeitpunkt gern machen würde", sagt der 23-Jährige vom LAC. Probleme bereitet nach den Worten des Chemnitzers der Rücken, der ihn in der Bewegung einschränkt. Die Ursachenforschung läuft.

Bei optimalem Heilungsverlauf wäre der Dritte der Hallen-EM von 2017 und 2019 im Oktober wieder ins regelmäßige Belastungstraining eingestiegen. Diesem Plan hinkt er zwei Monate hinterher. "Die Halle steht damit ein bisschen auf der Kippe", meint Max Heß (Foto). Die WM unter dem Dach findet im März 2020 in Nanjing (China) statt. "Ich würde sehr gern dort starten. Aber wenn wir erst Ende Januar anfangen können zu trainieren, dann macht es wenig Sinn. 2020 steht Tokio ganz groß drüber, dann muss man kleinere Ziele wie die Hallen-WM zurückstellen."

Die Situation ist auch mental eine enorme Herausforderung. "Der Kopf arbeitet viel. Ich versuche, so gut es geht, positive Gedanken zu fassen", sagt der Europameister von 2016. Seine letzten und einzigen Sprünge in der Freiluftsaison hatte er im August bei seinem DM-Sieg in Berlin absolviert. "Wenn es nach so langer Zeit immer noch nicht besser wird, dann fängt man an zu grübeln. Noch habe ich aber die Lust nicht verloren, weiterzukämpfen bzw. alles zu geben. Ich hoffe, dass alles funktionieren wird", sagt Max Heß. Die Vorbereitung auf Olympia in Tokio beginnt im März.

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...