Yale-Student bezwingt Eislauf-Samurai

Im Herrenwettbewerb der Eiskunstlauf-WM standen drei Läufer mit asiatischen Wurzeln auf dem Treppchen. Doch alle trainieren in Nordamerika.

Saitama.

Nathan Chen ist etwas gelungen, was kein US-Amerikaner seit 1984 geschafft hat. Er ist der erste Einzelläufer seit Scott Hamilton, der als Eiskunstlauf-Weltmeister seinen Titel erfolgreich verteidigen konnte. Der 19-Jährige, der im vergangenen Jahr in Mailand in Abwesenheit des zweimaligen Olympiasiegers Yuzuru Hanyu Gold gewonnen hatte, triumphierte am Samstagabend in der mit 18.000 Zuschauern ausverkauften Saitama Super Arena. "Ich möchte diesen Moment umarmen, denn ich bin so glücklich", strahlte Nathan Chen.

Der Schützling von Trainer Rafael Arutunian zauberte ein mitreißendes Programm zu "Land of All" von Woodkid aufs Eis, mit drei Vierfachen, einer Vierfach-Dreifach-Kombination und fünf Dreifachsprüngen. Chen, als Kind chinesischer Einwanderer 1999 in Salt Lake City geboren, verbuchte mit 216,02 Punkten eine neue Höchstpunktzahl in der Kür und kam auf 323,42 Punkte. Damit übertraf er den Weltrekord, den Yuzuru Hanyu nur wenige Minuten zuvor aufgestellt hatte (300,97).

Der US-Amerikaner hatte etwas Probleme beim Einlaufen, weil das Eis mit Plüschbären übersät war, die Hanyu-Fans ihrem Idol traditionsgemäß zuwerfen. "Es ist eine große Ehre, mich mit Yuzuru in Japan zu messen. Ich hatte erwartet, dass er die Halle rockt, alle von den Stühlen reißt und für diese irre Atmosphäre sorgt", erklärte Chen. "Das zeigt, wie leidenschaftlich die Zuschauer in Japan sind. Zum Glück waren die Winnie Poohs auf einer Seite der Eisbahn, also konnte ich irgendwie in der Mitte skaten." Die Gastgeber erwiesen sich als wohltuend faires Publikum und unterstützten den Titelverteidiger auf ähnliche Weise, feierten ihn mit einem wogenden Meer aus US-Fahnen.

Yuzuru Hanyu schaffte es immerhin als einziger der sechs japanischen Einzelstarter aufs Treppchen. "Natürlich bin ich enttäuscht, nur Silber gewonnen zu haben", gestand der 24-Jährige, der seit 2012 bei Brian Orser in Kanada trainiert. Trotzdem arbeitet er weiter daran, als Erster einen vierfachen Axel zu landen.

Ebenfalls chinesische Wurzeln wie Chen hat Vincent Zhou, der sensationell Bronze holte. "Es ist immer noch schwer zu glauben, dass es tatsächlich passiert ist, dass ich das Podium mit Nathan Chen und Yuzuru Hanyu teile. Ich bewundere diese Jungs so sehr", konnte es der 18-Jährige gar nicht fassen. "Eine Saison so zu beenden, ist wirklich unglaublich." Das erste Mal seit 1996 (damals Todd Eldredge und Rudy Galindo) standen zwei US-Amerikaner auf dem Siegertreppchen.

Nathan Chen studiert seit 2018 an der Yale University in New Haven. Es ist eine enorme Herausforderung für ihn, das Studium und seinen Sport unter einen Hut zu bringen. Um sich aufs Lernen zu konzentrieren, ließ er sogar die Vier-Kontinente-Meisterschaften aus. In jener Zeit standen Zwischenprüfungen an. Auf dem Uni-Campus hat man ihn bis jetzt in Ruhe gelassen. "Ich bin umgeben von Oscar-Gewinnern, von anderen wunderbaren Athleten und Menschen, die erstaunliche Dinge außerhalb des Sports tun. Da bist du am Ende nur einer von vielen", meint er bescheiden.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...