Abenteuer Elternzeit

Immer mehr Paare zieht es in der Kinderauszeit in die Welt. Eine Familie aus Sachsen über gute und schlechte Erfahrungen.

Elternzeit heißt in vielen Familien auch Reisezeit. Immer mehr nutzen die meist einjährige Auszeit vom Job für eine oft mehrwöchige Tour in fremde Länder. Die Idee ist umstritten. Ihre Gegner meinen, dass kleine Babys Stabilität, Routine und Ruhe brauchen, um sich optimal entwickeln zu können. Sie argumentieren mit der zum Teil schlechteren ärztlichen Versorgung und mangelhaften hygienischen Standards im Ausland. Familie Pacher aus Dresden hat sich davon nicht abhalten lassen. Fünf Monate war ihr Baby Arttu alt, als Hagen und Susi die Heimat für ein halbes Jahr hinter sich ließen, um durch Europa zu fahren. Hagen Pacher erzählt, wie es ihm und seiner kleinen Familie ergangen ist.

Die Vorbereitung: Ich nahm für die Reise Elternzeit. Susi fand nach dem Studium keinen Job und hatte frei. Das monatliche Elterngeld - 65Prozent meines Gehalts -, reichte exakt für alle laufenden Kosten wie Versicherungen, jährliche Ausgaben oder Essen. Wir waren genügsam und hatten im Vorfeld gespart. Fliegen war aus Kostengründen passé. In Eigenregie erweiterten wir unseren VW T4 um Liegefläche, Kocher, Gepäcknetze, Schränke, Kühlbox und abnehmbare Solarzelle. Übernachtungskosten? Gespart! Unsere Kinderärztin befürwortete die Pläne. Die Meeresluft würde der Neurodermitis von Arttu guttun. In die Dokumententasche packten wir zu den üblichen Papieren wie Personalausweis, Führerscheine, grüne Versicherungskarte noch den Fahrzeugschein und einen Kinderreisepass.

Das Gepäck: Unverzichtbar mit Baby sind Notrufnummern der Reiseländer, eine aufs Kind abgestimmte Reiseapotheke, Krabbeldecke, Bilderbuch, Tragetuch oder -rucksack. Eine Faltschüssel zum Baden spart Platz. Eine Solardusche ist unnötig. Waschen mit einer 1,5-Liter-PET-Flasche erwies sich als praktischer. Platzfresser Nummer eins war aber die Menge an Babykleidung..

Die Route: Das Camperleben mit Bulli konnten wir schon im Vorjahr als Kurztrip in Norwegen ausprobieren. Meine Frau wollte aber auch Wärme und Antike. So stand die Reiseroute fest: zweimal durch Europa, von Griechenland nach Norwegen mit Start, Zwischenstopp und Ziel in Deutschland - auch tagespolitisch eine spannende Sache. Wir waren von Mai bis Oktober unterwegs und fuhren insgesamt 15.260 Kilometer.

Die Erlebnisse: Wir trauten uns, die Route nicht bis ins Detail zu planen. Sonst hätten wir die spannenden Erlebnisse, die nicht im Reiseführer stehen, nicht gehabt. So trafen wir an einem einsamen Kiesstrand der Ägäishalbinsel Chalkidiki ein offenherziges Rentnerpaar mit Wohnwagen. Wir verbrachten spontan einige Tage mit ihnen. Unsere Angst, als Deutsche für die auferlegte Sparpolitik Griechenlands angefeindet zu werden, war unbegründet. "Ich kann nichts für die Politik meines und du nichts für die deines Landes", sagte unser Gastgeber. Wir durchstreiften die einsamsten Ecken des griechischen Festlandes und die überlaufenen Sightseeing-Hotspots von Delphi, Olympia oder Korinth. Richtig hitzig wurde es eines Nachts, als uns nahe der mazedonisch-serbischen Grenze Männer mit Kalaschnikows weckten. Wir sollten die Gegend verlassen, weil es nicht sicher sei. In der Ferne hörten wir Schüsse, Sirenen, quietschende Reifen. Die Wiedereinreise in die EU lief reibungslos. Dass an allen sieben Ländergrenzen vom Mittelmeer zum Europäischen Nordmeer wieder Grenzkontrollen erfolgten, hat uns bedrückt.

Weiter ging es quer durch Deutschland, wo wir Freunde besuchten und mit Arttu zur Kindervorsorgeuntersuchung U5 gingen. In Norwegen reizte uns die Wildnis. Zelten in der Natur erlaubt hier das Jedermannsrecht. Mit Baumzelt, Videodrohne, Essen und Schlafsäcken stapften wir in die Wälder des Hemsetals, um den 140 Meter hohen Hydnefossen-Wasserfall zu sehen. Der Ausblick war gigantisch, aber nach zwei Tagen Wandern mussten wir uns eingestehen, dass 43,5 Kilo Gepäck plus Baby zu viel sind. Wir verlegten uns auf Tagestouren mit Schlaf im Auto. Moschusochsen und Rentiere sahen wir trotzdem.

Das Kind: Je kleiner das Kind, umso weiter kann die tägliche Fahrtstrecke sein. Wir legten zwischen 150 und 850 Kilometer zurück und pausierten alle zwei bis drei Stunden. Generell sollte das Kind so wenig Zeit wie möglich in der Babyschale verbringen, um später nicht an Haltungsschäden zu leiden. Als Arttu anfing zu krabbeln, wuchs sein Bewegungsdrang. Wir schonten unsere Nerven und legten an den Autofahrttagen nur 150 Kilometer zurück. Weite Strecken waren zwar in seinem Rhythmus weiterhin möglich, aber zeitaufwendiger. Getreu dem Motto "Wer langsamer reist, sieht mehr" widmeten wir die Zeit lieber dem Wandern und Angeln statt der Kilometerschinderei.

Als wir in Norwegen einen Arzt brauchten und Google Maps versagte, half die Touristinformation weiter. Die Kinderbehandlung ist dort kostenfrei. In anderen Ländern genügen meist ein kurzer Anruf der Hotline der Auslandskrankenversicherung im Vorfeld und die Einreichung der Behandlungsquittung im Nachhinein. Teilweise klären die Ärzte die Behandlung direkt mit der Versicherung, ohne dass Patienten in Vorleistung gehen müssen. Die alltäglichen Notwendigkeiten wie Tourplanung, Wäschewaschen, Einkauf oder Bürokram verschlangen mehr Zeit, als wir erwartet hatten. Unser durchschnittlicher Reisetag begann um 7 Uhr und endete 19.30Uhr, danach hatten wir Eltern drei Stunden Freizeit. Nur etwa ein Drittel der Gesamtreisezeit blieb für Urlaubserlebnisse.

Die Pannen: Alles ist gut gegangen, mit Ausnahme eines Beinahe-Crashs auf einer tschechischen Autobahn ohne Einfädelspur, eines im Schlagloch zerstörten Reifens in Griechenland, einer defekten Hecktür, der kälteempfindlichen Schiebetür, schwerer Babyneurodermitis, einer Motorpanne, dem zerstörten Campingkocher, fast 40 Grad Fieber bei Arttu, einer auseinandergefallenen Angel, einem zerbrochenen Wanderstock und zwei Zecken.

Die Kosten: Am Ende der Reise hatten wir rund 2000 Euro für Diesel, Maut, Eintritte und die wenigen Übernachtungen auf Campingplätzen mit Waschmaschinen ausgegeben. Lebensmittel kosteten ungefähr genauso viel wie in Deutschland - abgesehen von Norwegen. Mit einem Großeinkauf in Budapest hatten wir dafür aber vorgesorgt.

Das Fazit: Jederzeit wieder! Fürs Campen mit Bulli hat sich meist ein Fleckchen gefunden und Deutsch oder Englisch genügte zur Kommunikation. Besonderer Genuss war es, alles zum Leben Notwendige im eigenen Auto zu haben - eine Besinnung aufs Wesentliche. Mit Baby auf Tour zu sein, war der perfekte Türöffner zu den Herzen der Menschen. Außerdem ist im Verlauf der Reise die Babyneurodermitis fast vollständig verschwunden. Zu Hause wären unsere Nächte mit Baby nicht länger und der Stress kaum kleiner gewesen als unterwegs. Wieso also nicht Langzeitverreisen?

Das Reisetagebuch der Familie Pacher finden Sie unter www.nebendemweg.de

Ist Reisen mit Babys aus medizinischer Sicht vertretbar?

Die Leipziger Kinderärztin Dr. Barbara Teichmann findet den Impfschutz wichtig. Stephanie Wesely fragte sie, was außerdem zu beachten ist.

Frau Dr. Teichmann, viele Familien treten lange Reisen mit ihren Kindern an. Gibt es aus ärztlicher Sicht Gegenargumente?

Grundsätzlich gilt, wie überall, dass die Sicherheit und Geborgenheit des Kindes die Prämisse aller Planungen sein muss. Generell würde ich als Kinderarzt nicht von "Nomadenreisen" abraten. Reiseziele, Länge und Etappen der Reise sollten aber dringend unter Berücksichtigung des Alters und der Bedürfnisse der Kinder geplant und durchgeführt werden. Jeder Egoismus der Erwachsenen, viel zu sehen und schnell vorwärtszukommen, ist fehl am Platze. Eltern mit kleinen Kindern sollten auf Reisen, die in große Höhen über einen längeren Zeitraum erfolgen, verzichten.

Ab welchem Alter kann man mit einem Kind verreisen?

Eine Altersgrenze kann man nicht generell festlegen. Je jünger das Kind, umso wichtiger ist auch der Tagesrhythmus. Wird ein Kind gestillt und Mutter und Kind sind gesund, sind die beiden eine Einheit, die auch im Kleinbus bei gewohnten Außen - und Innentemperaturen zurechtkommen. Minimalanforderungen an die Hygiene sollten gewährleistet sein.

Wie steht es mit dem Impfschutz?

Das ist eine wichtige Frage. Ich rate dringend von Reisen mit ungeimpften Kindern ab, besonders dann, wenn die Ziele in Regionen liegen, die einen speziellen Impfschutz erfordern. Viele Impfungen, die für tropische, asiatische und südamerikanische Länder erforderlich sind, unterliegen einer Altersgrenze. Sie können und dürfen bei Säuglingen und Kleinkindern nicht verabreicht werden. Ein Impfschutz ist in diesen Fällen nicht möglich.

Welche Medikamente gehören in die Reiseapotheke?

Schmerz- und Fiebermittel sollten immer vorhanden sein, sowie Medikamente gegen Erbrechen und Durchfall. Je nach Reiseziel und -zeit ist an Sonnenschutz und Mittel gegen Insektenstiche zu denken. Immer dabei sein sollten außerdem Mittel zur Versorgung von kleinen Wunden.

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