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Im Dienst der Eliten

Haben deutsche Journalisten in der Flüchtlingskrise ausgewogen berichtet? Der Medienwissenschaftler Michael Haller hat Tageszeitungen ausgewertet, auch regionale Blätter. Er sagt: Die Presse fungierte als Sprachrohr der etablierten Politik. Die Folge: Entfremdung vom Leser.

Von Oliver Hach
erschienen am 22.07.2017

Chemnitz. Agitation statt Aufklärung, Propaganda der Regierenden statt Alltag der Bevölkerung: Es ist ein hartes Urteil, das Michael Haller über die deutschen Tageszeitungen in der Flüchtlingskrise fällt. "Statt als neutraler Beobachter die Politik und deren Vollzugsorgane kritisch zu begleiten und nachzufragen, übernahm der Informationsjournalismus die Sicht, auch die Losungen der politischen Elite", sagt der Leiter einer Studie der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung, die gestern veröffentlicht wurde.

Die rund 180 Seiten starke Publikation enthält nach Aussagen ihrer Macher die bislang umfassendste und methodisch aufwendigste Untersuchung der medialen Berichterstattung zum Flüchtlingsthema in der Zeit zwischen Frühjahr 2015 und 2016, als die Ereignisse kulminierten. Erfasst wurden dazu ab 2005 rund 35.000 Texte mit bestimmten Schlüsselwörtern in drei Bereichen: Nachrichtenportale im Internet (tagesschau.de, spiegel.de, welt.de und focus.de), überregionale Tageszeitungen ("Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Die Welt") sowie 85 deutsche Regionalzeitungen, darunter auch die "Freie Presse". Die Newsportale und die überregionalen Tageszeitungen wirkten dabei nach Darstellung Hallers als Leitmedien, die als Meinungsführer die Agenda setzten, die regionalen Tageszeitungen als Folgemedien und Verstärker.
Der 72-jährige frühere Journalist (unter anderem bei "Spiegel" und "Zeit") und Journalistikprofessor leitet heute das Europäische Institut für Journalismus- und Kommunikationsforschung in Leipzig. Laut seiner Studie wurde von den Medien in der Flüchtlingskrise vorbehaltlos Angela Merkels "Willkommenskultur" unterstützt, erst nach der Silvesternacht von Köln zum Jahreswechsel 2015/2016 sei ein differenzierterer Umgang mit dem Thema erfolgt. Doch da sei es womöglich bereits zu spät gewesen: Frustrierte Andersdenkende hätten sich abgewendet und auf fragwürdigen Plattformen im Internet "Echokammern" gefunden, die ihr Weltbild bestätigen.

Michael Haller - Medienwissenschaftler

Foto: Arno Burgi/dpa/Archiv

Die Onlinemedien, so Haller, "überschwemmten" ihre User mit unüberschaubar vielen Meldungen zum Flüchtlingsthema. Der Studienleiter sieht hier eine "sehr schwache Selektionsleistung", die bei vielen Lesern zu "Themenverdrossenheit" führte. Aus der Analyse der überregionalen Tageszeitungen ergab sich, dass zwei von drei relevanten Akteuren und Sprechern in den Artikeln aus der institutionellen Politik stammten. Externe Fachleute "kommen praktisch nicht vor". Der journalistische Qualitätsgrundsatz, aus neutraler Sicht sachlich zu berichten, werde in rund der Hälfte der Berichterstattungen nicht durchgehalten. "Die Alltagswelt mit ihren Akteuren kam praktisch nicht zur Sprache."

Aus den 85 Regionalzeitungen wurden 17.000 Artikel mit dem Begriff "Willkommenskultur" einer Inhaltsanalyse unterzogen. Diese ergab, "dass die lokale Tagespresse die Nähe der Leitmedien zur politischen Elite mitmachte". 83 Prozent aller Zeitungsberichte vermittelten das Leitbild Willkommenskultur in einem positiven oder eher positiven Sinne; in vielen Texten tauchte nur ein Akteur, oft ein Politiker, auf.

"Dem Hang der Überregionalen, selbst konkrete Vorgänge von oben herab zu bearbeiten und Politikthemen abstrakt zu lassen, folgen auch die Regionalzeitungen", sagte Haller der "Freien Presse". Den Regionalzeitungen falle es erstaunlich schwer, große Themen herunterzubrechen und aus der Perspektive ihrer Leser zu recherchieren. "Die Lokalteile haben Schwierigkeiten, abweichende Auffassungen und Positionen aufzugreifen und diskursiv zu behandeln. Sie blenden diese lieber aus und übernehmen den Mainstream."

Andererseits bescheinigt er in der Studie aber auch: "Über politische Konflikte im Zusammenhang mit der Willkommenskultur berichteten vor allem Lokalausgaben aus den Städten und Dörfern der neuen Bundesländer." Und: Spätestens seit der Kölner Silvesternacht werde die AfD als Wortführer der Willkommenskultur-Kritiker entdeckt und "in der Presse häufiger genannt als jede der Regierungsparteien".

Den fehlenden Perspektivwechsel, also Bevölkerung statt Eliten zu Wort kommen zu lassen, hält Michael Haller für ein generelles Problem des deutschen Journalismus, auch abseits des Flüchtlingsthemas. "Studien zu anderen Ereignisthemen bestätigen diese Tendenz", sagt der Medienwissenschaftler. Im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte habe sich der Informationsjournalismus insgesamt mehr und mehr auf die Institutionen, auf die Machtelite aus Politik und Wirtschaft, eingestellt. "Entsprechend arbeiten auch die Informationsroutinen - und entsprechend lässt sich der Journalismus quasi freiwillig für Kampagnen des politischen Systems einspannen." Dass er oft genug umgekehrt - aus der Sicht der Bevölkerung - die Entscheider kritisch zu befragen hätte, würden viele vergessen.

Haller verweist auf das Bundesverfassungsgericht, das in den Sechzigerjahren feststellte, Aufgabe des Journalismus sei es, gegenüber der Politik "Kritik und Kontrolle" zu üben. "Diese Funktionszuweisung sollten die tagesaktuell arbeitenden Journalisten ernst nehmen - statt mit Copy-and-paste die Webseiten zu füllen."

Die komplette Studie lesen Sie unter www.freiepresse.de/hallerstudie

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 26.07.2017
    14:44 Uhr

    Nixnuzz: @cn3boj00: Volle Zustimmung. Aber vielleicht auch ein Eingeständnis der Machtlosigkeit der Mediennutzer? Was kann das Ergebnis eines Faktenberichtes denn sein? Es bleibt ein ungelöstes Problem in der Luft stehen. Je nach persönlichem Eindruck hat man "nur einen dicken Hals" weil keine Lösung oder Zuständigkeiten in Sicht. Und Michael Kohlhaas wird daraus wohl keiner werden? Momentanes Beispiel: Seit ca. 9 Uhr pendel ich zwischen n-tv und N24 mit Live-Berichten zum Hochwasser hin und her. Harz und Berlin etc. saufen ab. Die ÖrTV's berichten pünktlich zu den vollen Stundenzeiten. MDR, NDR , RBB, ARD, ZDF, ZDF-Info, Tagesschau24 und sonstiges: Neben Spielfilm mal ein Journalist vor Ort.. Keine Info, wo unsere politischen Großkopfeten sind. Wo sind Kanzlerin, Innenminister, Verteidigungsminister oder der Gerechtigkeitskandidat? Oder muss man erst Hr.G.Schröder aus dem Unruhestand rankarren??

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  • 25.07.2017
    22:54 Uhr

    cn3boj00: Wieso kommen die guten Dokus erst spät am Abend? Mir fallen spontan Fakt, Brisant, Plusminus, Monitor und die Sendungen der Rubrik "Reportage & Dokumentation" ein, die allein auf der ARD in der PrimeTime kommen... Und die oft unseren Alltg, auch den politischen, kritisch beleuchten. Machen wir uns doch nichts vor: es sind doch die Leute selber, die das zur PrimeTime gar nicht sehen wollen! Die schalten dann lieber zu den privaten mit Comedy, Quizshow und seichter Abendunterhaltung mit Volksmusik und irgendwelchen Chartshows, Kochshows, Superstars und Talents und Models und Container usw. Und die gleichen leute behaupten dochh dann, die öffentlich-rechtlichen seien zu teuer, überflüssig, langweilig - und stimmen gern in den Tenor ein, dass die doch nur Merkels Meinung unterstützen. So ist der Durchschnittsdeutsche doch.

    3 2
     
  • 24.07.2017
    15:57 Uhr

    Felto84: @Hankmann Zitat: "Zu ihrem dritten Punkt. Ja, es ist leider Standard, dass die guten, spannenden Dokumentationen in der ARD erst spät am Abend kommen. Das trifft beileibe nicht nur auf die von Ihnen erwähnte zu. Allerdings kann sich jedermann den Film, falls er ihn verpasst hat, in der Mediathek anschauen."

    Der Unterschied ist aber, dass man bei einer Ausstrahlung "nur" den Fernseher anmachen muss und man dann ohne weiteres Zutun informiert wird. (Zu gesitteten Sendezeiten meist mainstreamig und wenig kontrovers.) Man bleibt evtl. hängen und nimmt etwas mit.

    Wenn ich den Film in der Mediathek ansehen will, muss ich erstens wissen, dass er lief, zweitens ihn sehen wollen und drittens den Film suchen. Das ist deutlich mehr Aufwand, als niederschwelliges Einschalten. In einer Gesamtschau berichten die ÖR durchaus ausgewogen, allerdings kommt die eine Seite auf dem Präsentierteller zur Primetime und das kritischere kann man sich mühsam zusammen suchen, bzw. wird in der Nische versendet (MDR info, ARD alpha, arte, ... usw.). Meist kommt dann ein Quotenargument - das guckt doch 20.15 keiner! -, aber um genau diesem nicht unterworfen zu sein, bezahlen wir das ganze mit der GEZ (ich weiß, die heißt jetzt anders).

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  • 24.07.2017
    15:48 Uhr

    Felto84: Das hat mit Dünnhäutigkeit nichts zu tun, wenn Sie von mir Belege einfordern, die so nicht zu erbringen sind, und ich Ihnen das mitteile. Sie sind auch nicht in der Position hier von mir zu verlangen, dass ich hier etwas erläutern müsste. Muss ich nicht! Ich schreibe hier Kommentare und keine quellengestützte Ausarbeitungen zur Medienlandschaft. Wo man diese findet, habe ich im vorherigen Post geschrieben.

    Ein Kommentar muss übrigens auch nicht ausgewogen sein. Der kann zum Zwecke der Zuspitzung sogar sehr pauschalisierend sein.

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  • 24.07.2017
    08:36 Uhr

    Nixnuzz: "..Allerdings kann sich jedermann den Film, falls er ihn verpasst hat, in der Mediathek anschauen. ".. Wirklich? Der geneigte Interessierte muss sich dafür die Zeit nehmen können. Wieviele von den hier aktiven Kommentatoren kann dies? Bei engagierten Berufstätigen dürfte dies wohl nicht so einfach funktionieren. Also sind die meisten Empfänger auf die Kurzfassungen oder einzelne Reizworte ausgerichtet. Und wieviel bewertete Informationen zum gleichen Thema stürzen auf den geneigten Leser dann ein? Wie verändert ist dann die ehemals sachliche Basis? Reicht ein eigenes Vorwissen zu dem Thema aus, um Mist von Wahrheit zu trennen? Klar sollen Journalisten eine Meinung haben und publizieren - dann deutlich erkennbarer als Kommentar. Dann aber bitte auch durchaus zeitintensiver Hintergrundsarbeit.

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