Neuer Tourismusführer der Stadt empfiehlt geschlossene Lokale

Mit einem Reisemagazin will die städtische Wirtschaftsförderung Touristen Chemnitz schmackhaft machen. Über die Vorschläge, wo die Besucher essen könnten, wundern sich selbst Gastronomen.

Seit gestern liegt das neue Reisemagazin der Stadt kostenlos in der Touristinformation, in Museen und Hotels. "Visit Chemnitz" heißt es. Herausgeber ist die Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft CWE, die es gemeinsam mit zwei Chemnitzer Werbeagenturen entwickelt hat. Das fast 60-seitige Heft will die Stadt überraschend und vielseitig zeigen sowie Touristen Lust auf einen Besuch machen, heißt es in einer Pressemitteilung.

Im Kapitel "On Tour" wird dem Gast scheinbar mundgerecht ein Programm für ein Wochenende in Chemnitz vorgeschlagen, von Freitag 18 Uhr bis Sonntag 18 Uhr. Doch ob sich die Tipps auch tatsächlich zu den angegebenen Zeiten realisieren lassen, scheint niemand überprüft zu haben. So werden die Touristen für Sonntag ab 10 Uhr zum Frühstücken unter anderen in das Restaurant Janssen an der Schloßstraße geschickt. Doch auf Nachfrage bestätigt man dort, dass es gar kein Frühstücksangebot mehr gibt. Samstagmittag sollen die Gäste zum Kaßberg kommen. Zum Mittagessen bestünde die Wahl "zwischen Onkel Franz' gutbürgerlicher Küche, des Carusos mediterraner Leichtigkeit, französischer Cuisine im Ami oder vegan in der Grünen Helene", heißt es da. Von den vier Lokalen hat aber nur eines zu dieser Zeit geöffnet. Bei Onkel Franz an der Franz-Mehring-Straße werden Gäste ab 11 Uhr bedient. Anders sieht das in der Grünen Helene an der Henriettenstraße aus. Das Café und Restaurant ist montags bis freitags von 11 bis 16 Uhr geöffnet - am Wochenende ist geschlossen, "weil sich das für uns nicht lohnt", sagt Mitinhaber Frank Bulinski. Zu den Öffnungszeiten habe ihn niemand befragt, ergänzt er.

Kopfschütteln erntet die Lektüre des Hefts auch im Restaurant Ami an der Enzmannstraße. "So ein Quatsch", sagt Chef Wolfgang Fröde bei einem Blick in das Magazin. Er habe es ausprobiert, samstagmittags zu öffnen, "aber da war nix los". Er bewirtet seine Gäste montags bis samstags von 17 bis 23 Uhr. Dass nun Touristen zu seiner verschlossenen Tür geleitet werden könnten, sei eine Katastrophe, sagt er. Sein Kollege Giampaulo Villari vom Restaurant Caruso an der Franz-Mehring-Straße ist ebenfalls verwundert, besonders über die Bezeichnung mediterran. "Das könnte ja auch griechisch meinen. Wir sind aber ein italienisches Restaurant", sagt er. Geöffnet ist bei ihm dienstags bis sonntags, 17.30 bis 23 Uhr - mittags jedenfalls nicht.

Für Samstag 15 Uhr empfiehlt das Magazin, noch etwas über den Kaßberg zu bummeln, dessen Takt an diesem Tag "von den vielen kleinen Cafés und Kneipen" bestimmt werde. Ein Café, das samstags tatsächlich ab 14 Uhr geöffnet hat - "Emmas Onkel" an der Weststraße - wird nicht erwähnt. Allerdings wird es in einem größeren Beitrag weiter hinten im Heft gezeigt. Inhaber Mathias Weiß findet die Beschreibung des Kaßbergs als samstags von Cafés und Kneipen geprägt legitim. Wenn man Bäckereien mitzähle, habe der Stadtteil mehr zu bieten als andere. Da das Heft ein Jahr lang gültig sei, könne sich noch einiges ändern. Vielleicht, so Weiß, nehmen andere die Beschreibungen als Ansporn.

Der neue Geschäftsführer der CWE, Sören Uhle, antwortete auf die Frage, warum die Restaurantbesitzer offenbar nicht zu den Öffnungszeiten befragt wurden: "Da wir uns aus der ersten Auflage eine hohe Besucherresonanz erhoffen, ergibt sich für die genannten Restaurants die Chance, ihre Öffnungszeiten der Besuchernachfrage anzupassen." Was die Produktion des Magazins gekostet hat, dazu äußerte sich Uhle nicht. Das Heft sei von Mitteln aus dem Budget der CWE, Fördermitteln des Freistaats und durch private Anzeigen finanziert worden.


Kommentar: Zu schön, um wahr zu sein

Das neue Reisemagazin ist Werbung für die Stadt und kein unabhängiger Führer. Insofern ist nachvollziehbar, dass da ein besonders schönes Bild von Chemnitz gezeichnet wird. Den Schloßteich als "Schwanensee im Citydschungel" oder den Kaßberg als das größte Gründerzeitviertel Europas (mehrere Städte behaupten, dieses zu haben) zu bezeichnen, ist legitim. Aber wenn konkrete Tipps gegeben werden, müssen sie auch dem Abgleich mit der Realität standhalten. Sonst fühlen sich die Besucher veräppelt.

Schön wäre es, wenn die Darstellung des Kaßbergs wahr wäre. Tatsächlich ist die Auswahl an Lokalen an einem Samstagmittag sehr gering. Das sieht abends ganz anders aus, dann müsste man Gäste dorthin schicken. Auf dem Kaßberg ist viel in Bewegung. Aber ein Viertel voller Leben am Wochenende, wie im Heft beschrieben, ist er nicht. Noch nicht.

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8Kommentare
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  • 0
    0
    lmah
    16.01.2016

    Danke, Städter. Du sprichst mir aus dem Herzen. Im Sinne dieser Region ... fällt manchen Redakteuren/Reportern dieser "Regionalzeitung" wirklich schwer. Sehr schade.

  • 1
    1
    Städter
    15.01.2016

    Es ist schon traurig was in Chemnitz passiert...

    (1) Eine Regionalzeitung, bei der ich schon lange die Hoffnung verloren habe, dass diese im Sinne 'der Region' berichtet... Jede Aktivität wird nur auf Unzulänglichkeiten hin 'untersucht' und natürlich tiefgreifend recherchiert, gute Aspekte bleiben leider nahezu unerwähnt. Vielleicht sollte mal eine andere Zeitung oder wer auch immer jede Ausgabe bis zum letzten Buchstaben auseinandernehmen und mit großen Überschriften berichten, was da mal wieder für ein schlimmer Fauxpas passiert ist...

    (2) Konkret zum bemängelten Magazin: es umfasst 60!!! Seiten aus meiner Sicht sehr gut aufbereiteter Inhalte - scheinbar völlig uninteressant... - schade... Wieso geht das unter, wenn uns doch alles so so viel am Image der Stadt liegt?! Ganz ehrlich - man könnte die Stadt komplett vergolden und es wäre immer noch nicht genug - ich bin mir sicher jemand wird bemängeln, dass es nicht das reinste Gold ist :-/

    (3) Unsere Chemnitzer Gastronomen - es ist mal wieder ein Traum... Da traut sich doch jemand in einem Magazin mit repräsentativer Auflage über ein Restaurant zu berichten und dieses zu empfehlen!, welches man im Zuge einer vorgeschlagen Route besuchen kann - eine in direkter Weise kostenlose Werbung! Das Thema der falschen Öffnungszeiten ist ärgerlich - zugegeben. Nun finde ich es schon frech, dass nicht gleich noch Führungen aus dem Zentrum der Stadt zum gemeinten Restaurant durchgeführt werden, ggf. die Gäste vielleicht auch gleich noch gefüttert werden, so dass der Gastronom nur noch abkassieren muss... Sollte es nicht im Interesse des Gastronoms sein, wenn sich jemand zu ihm 'verirrt'. Ja, es ist tatsächlich so - um Geld zu verdienen muss man sich seinen Kunden anpassen - in diesem Fall die Tür zu der Zeit aufschließen, zu der jemand etwas möchte...

    Ganz ehrlich - Hut ab vor allen Leuten, die sich noch für die Stadt engagieren - ich hoffe es bleiben ausreichend viele!

  • 3
    7
    PeKa
    15.01.2016

    Den Einheimischen ist das egal. Die sitzen ja eh bloß zu Hause. Für Touristen und vor allem für die Geschäftsleute, die zahlreich zu den Chemnitzer Unternehmen in unsere Stadt anreisen, dürfte das allerdings ärgerlich sein, wenn sie vor einem Lokal mit beschnittenen Öffnungszeiten stehen.

    Andererseits kann man der Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft keinen Vorwurf machen, denn bei dem ständigen Rin in die Kartoffewln - Raus aus den Kartoffeln auf dem Chemnitzer Kneipensektor kann keine Sau mehr durchblicken.

  • 8
    4
    Interessierte
    15.01.2016

    Man schlägt die Zeitung auf und regt sich jeden Tag neu auf ...

    Und das ist ja direkt schon frech :
    "Da wir uns aus der ersten Auflage eine hohe Besucherresonanz erhoffen, ergibt sich für die genannten Restaurants die Chance, ihre Öffnungszeiten der Besuchernachfrage anzupassen."

  • 5
    1
    anteater
    15.01.2016

    Vielleicht sollte man Chemnitz mal wieder umbenennen, in Schilda.

  • 11
    2
    Clive77
    15.01.2016

    Mein Gott-mal wieder ein Reinfall mit der städtische Wirtschaftsförderung Touristen Chemnitz. Man sollte da einige feuern für diesen Unsinn der da vorbereitet wird.
    Wie immer-erst große reden und dann nichts dahinter.

  • 11
    2
    torschro
    15.01.2016

    verwundert diese Farce in Chemnitz denn wirklich noch jemand?

  • 12
    1
    tom
    15.01.2016

    Die Idee ist gut. Umsetzung mangelhaft.

    "Da wir uns aus der ersten Auflage eine hohe Besucherresonanz erhoffen, ergibt sich für die genannten Restaurants die Chance, ihre Öffnungszeiten der Besuchernachfrage anzupassen."

    Ernsthaft? Mit dieser Aussage hat sich CWE-Geschäftsführer gleich mal disqualifiziert. Ich hätte ja gehofft, er schiebt den Unsinn auf seinen Vorgänger...

    Sollen sich jetzt die Unternehmer dem anpassen, was sich irgendein ein Redakteur ausgedacht hat? Eigentlich soll die CWE die Unternehmen unterstützen und nicht vor neue Probleme stellen.

    Schlimm auch, dass die Unternehmer hierbei überhaupt nicht einbezogen wurden. Man kann doch nicht allen Ernstes glauben, dass man über die Köpfe der Unternehmer hinweg die Wirtschaft unterstützen kann.



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