Elf Wochen Galgenfrist für Solarworld

Bis zum 30. September muss ein Investor für die Freiberger Betriebsteile gefunden werden. Eine Hoffnung gibt es noch.

Für die noch etwa 300 Beschäftigten der Solarworld Industries GmbH in Freiberg beginnen elf bange Wochen. Die Gläubigerversammlung des insolventen Unternehmens hat am Donnerstag Insolvenzverwalter Christoph Niering eine Frist bis zum 30. September gesetzt, um einen Investor zu finden.

Der Insolvenzverwalter habe gegenüber den anwesenden Gläubigern, Arbeitnehmern und Betriebsrat insbesondere die aktuelle wirtschaftliche Situation erläutert, bestätigte ein Firmensprecher. Dabei sei er auch auf die fehlende Perspektive eingegangen, die Solarworld Industries GmbH in ihrer bisherigen unternehmerischen Ausrichtung zu erhalten.

"Die Gläubigerversammlung bestätigte insbesondere den Entschluss des Insolvenzverwalters Dr. Christoph Niering und des vorläufigen Gläubigerausschusses, den stark defizitären Geschäftsbetrieb spätestens zum 30.09.2018 einzustellen, sofern sich nicht bis dahin noch ein Investor finden sollte, der den Geschäftsbetrieb übernimmt", teilte Milan Nitzschke am Nachmittag wörtlich mit.

In Vorbereitung auf eine mögliche Schließung habe der Insolvenzverwalter bereits einen Interessensausgleich und Sozialplan mit dem Gesamtbetriebsrat und den Betriebsräten in Freiberg und Arnstadt ausgehandelt; an dem Standort in Thüringen sind aktuell noch knapp 200Solarwerker beschäftigt. In Absprache mit der Bundesagentur für Arbeit seien zwei Transfergesellschaften initiiert worden, so Nitzschke weiter, in die die von Jobverlust betroffenen Mitarbeiter zum 1.August 2018 wechseln könnten.

Sie würden dort weiter qualifiziert und innerhalb der nächsten sechs Monate eine finanzielle Unterstützung erhalten, die "deutlich oberhalb der Bezüge des Arbeitslosengeldes" liege. Der Insolvenzverwalter werde die insgesamt mehr als 500 Beschäftigten in Freiberg, Arnstadt und in der Firmenzentrale in Bonn in der nächsten Woche persönlich auf Mitarbeiterversammlungen über das weitere Vorgehen informieren.

Der Freiberger Solarworld-Betriebsrat kämpfe darum, möglichst viele Arbeitsplätze zu retten, erklärte Jens Uder am Donnerstag. Er hatte als Vorsitzender der Arbeitnehmervertretung mit einem Rechtsbeistand an der Gläubigerversammlung teilgenommen. Dass ein Investor die Produktion von Photovoltaik-Modulen im bisherigen Umfang übernimmt und vielleicht sogar ausbaut, hält Uder aber für unwahrscheinlich.

Die Chancen für Freiberg stuft Kirsten Joachim Breuer als gut ein. "Es gibt auf dem Weltmarkt viele Interessenten, die sich das Label 'Made in Germany' sichern und Schutzzölle umgehen wollen", urteilt der 2.Geschäftsführer der Industriegewerkschaft Metall in Erfurt. Dazu passe, dass der Insolvenzverwalter die Montage von Solarmodulen aus zugekauften Solarzellen in Freiberg am Laufen gehalten habe.

Der Gewerkschafter ist für die Solarwerker in Arnstadt zuständig - der Standort gehörte früher zu Bosch und damit zur IG Metall. Solarworld in Freiberg dagegen sei "von Anfang an bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie". Bei der IG BCE in Dresden war am Donnerstag niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. Breuer betonte aber, "dass sich beide Schwestergewerkschaften eng abstimmen."

In Arnstadt seien die Aussichten trüber. Die Produktion von Solarzellen sei bereits eingestellt, so Breuer, am Mittwoch werde der Insolvenzverwalter den Mitarbeitern die Transfergesellschaft vorstellen. Die Arbeitslosigkeit in der Region sei mit rund 5 Prozent zwar niedrig, so der Gewerkschafter, "aber so gute Löhne wie bisher werden die Kollegen nur schwer wieder erreichen."

Der Insolvenzverwalter kritisierte in einer Pressemitteilung die Politik. "Die Bundesregierung hat allem Anschein nach die Forschung, Entwicklung und Produktion von Solarzellen in Deutschland aufgegeben. Anders kann ich mir die fehlende politische Reaktion auf die Insolvenz der Solarworld als letzten großen deutschen Entwickler und Hersteller von Solarzellen nicht erklären", wird Niering zitiert. Mit einer "Forschungsfabrik Photovoltaik" hätten viele Arbeitsplätze gesichert sowie das Forschungs-Know-how und die hieraus hervorgegangenen Patente in Deutschland gehalten werden können, so der Jurist.

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