Siemens-Chef Joe Kaeser - der Verantwortliche

Digitaler Wandel, Krise im Kraftwerksgeschäft, Konzernumbau - der Vorstandsvorsitzende hat keine leichte Aufgabe. Wenn es sein muss, mischt er sich auch in die Politik ein.

München.

Das Wort Konzernumbau mag der Siemens-Chef nicht. Joe Kaeser, Chef von fast 380.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, spricht lieber von Weiterentwicklung. Er hat sich der großen Aufgabe verschrieben, den riesigen Mischkonzern mit einem Umsatz von 83 Milliarden Euro im Jahr in die digitale Zukunft zu führen.

"Allein groß zu sein, hilft nicht weiter", davon ist der 61-jährige Manager überzeugt. Viel wichtiger sei Anpassungsfähigkeit, weil die Welt sich immer schneller ändert. Und er liefert seine Definition gleich mit: "Anpassungsfähigkeit ist die Fähigkeit einer Organisation, in einem dynamischen und komplexen Umfeld schnell zu lernen und sich auf die Veränderungen einzustellen." Joe Kaeser sieht Veränderung als Chance und nicht als Bedrohung.

Das sehen viele Mitarbeiter anders. Als der Siemens-Chef im November 2017 den Abbau von 6900 Stellen, die Hälfte davon in Deutschland, ankündigt, geht ein Aufschrei durchs Land. Kaeser reagierte damit vor allem auf das schwierige Geschäft in der Kraftwerksparte mit weltweit rund 46.000 Beschäftigten. Der Absatz von großen Gasturbinen ist regelrecht eingebrochen. 2017 verkaufte Siemens nur noch 104 Gasturbinen. Zehn Jahre zuvor waren es zweieinhalb Mal so viele. Deshalb wollte der Siemens-Vorstand die Turbinenwerke in Görlitz und Leipzig schließen und das Werk in Erfurt verkaufen.

Doch es kam anders. Eine massive Protestwelle entlud sich vor allem in Görlitz. Die Menschen zeigten ihren Zorn darüber, dass ausgerechnet in einer so strukturschwachen Region einer der wichtigsten Arbeitgeber keine Verantwortung zeigt. Allein in Görlitz wären rund 700 Arbeitsplätze weggefallen.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), der selbst aus Görlitz stammt, besuchte den Konzernchef in München und appellierte an seine staatspolitische Verantwortung. Offenbar mit Erfolg. Unter dem Eindruck des öffentlichen und politischen Drucks erwies sich Joe Kaeser selbst als anpassungsfähig. Die Werksschließungen wurden abgesagt. Der Standort Görlitz wurde sogar zur Zentrale für das internationale Geschäft mit Industrieturbinen gemacht. Trotzdem bleibt die Kraftwerkssparte erst einmal das Sorgenkind des Siemens-Konzerns. Am Ende des Tages wird die Nachfrage entscheiden.

Der Fall Görlitz hatte für Kaeser besondere Brisanz, weil er sich selbst durchaus als einen politischen Menschen sieht. Wie selten ein deutscher Manager hat sich der Siemens-Chef in politischen Fragen positioniert. So hat Joe Kaeser bereits 2016 vor den Konsequenzen des digitalen Wandels gewarnt und eine bessere soziale Absicherung für die Menschen gefordert. Es sei absehbar, dass "einige auf der Strecke bleiben, weil sie mit der Geschwindigkeit auf der Welt einfach nicht mehr mitkommen", sagte er auf einem Wirtschaftsgipfel der "Süddeutschen Zeitung" in München. Koe Kaeser plädiert deshalb für "eine Art Grundeinkommen".

Auch bei der Vorstellung des Siemens-Projekts Innovationscampus Ende Oktober in Berlin zeigte der Manager sich besorgt über eine Spaltung der Gesellschaft im Zuge der Digitalisierung. "Wie schaffen wir es, eine immer stärker geteilte Gesellschaft zu integrieren?", fragte er ins Publikum. Als Beispiel nannte er München, wo es für Menschen, "die einen ganz normalen Job haben", schwer sei, eine vernünftige Wohnung zu finden. Das dürfe nicht der neue sozioökonomische Standard werden, "aber wir sind auf dem besten Wege dahin."

Nach Ansicht Kaesers zeigt das oft als Vorbild genannte US-Technologiezentrum Silicon Valley solche Fehlentwicklungen. Die Gegend zwischen San Francisco und San José sei die Region mit der größten Obdachlosigkeit in den USA. "Da gibt es dann eben Multimilliardäre, die wir alle glorifizieren, und viele Menschen, die eigentlich arbeiten können, aber keine Bleibe haben", sagte der Siemens-Chef.

Zugleich ruft Kaeser allerdings dazu auf, mit der Digitalisierung in Deutschland mutig voranzugehen. Es störe ihn schon seit längerer Zeit, dass Leute nach San Francisco flögen, wenn sie glaubten, Innovationen sehen zu müssen. Kaeser: "Hier in Deutschland, gerade in Berlin, gab es Gründungen schon, da gab es in Silicon Valley noch gar keine Garagen." Der Forschungscampus von Siemens in Berlin soll auch dazu dienen auszuprobieren, wie in Zeiten des schnellen digitalen Wandels Forschung, Arbeit und Freizeit in Einklang gebracht werden können. Dazu gehört auch, dass Siemens auf dem Areal bezahlbare Wohnungen bauen wird.

Kaesers Vision ist, den Strukturwandel nicht nur in seinem Konzern, sondern auch in Deutschland mitzugestalten. "Es gibt kein Land in der Welt, das so stark von der vierten industriellen Revolution betroffen sein wird. Diese Betroffenheit wollen wir als Chance begreifen und nicht als Bedrohung", erklärte der Siemens-Vorstandschef.

Es ist keine leichte Aufgabe, einen Traditionskonzern wie Siemens, dessen Geschichte bis in das Jahr 1847 zurückreicht, auf den digitalen Wandel vorzubereiten. Kaeser kennt die Tragweite der von ihm verordneten "Weiterentwicklung". "Wir berühren die DNA des Unternehmens. Davor haben wir alle Respekt", sagte er bei der Bilanzpressekonferenz im Dezember. Zur Siemens-DNA gehören sehr viele als typisch deutsch angesehene Werte wie Zuverlässigkeit, Gespür für Qualität, etwas langsam, aber verlässlich, immer an einer Lösung orientiert. Ende März dieses Jahres soll die Umsetzung der Neuorganisation des Siemens-Konzerns, genannt "Vision 2020+", abgeschlossen sein.

Der Siemens-Chef möchte die Struktur des weitverzweigten Mischkonzerns schlanker gestalten. Die einzelnen Geschäftsbereiche sollen mehr Eigenverantwortung und größere unternehmerische Freiräume bekommen. Drei operative Geschäftseinheiten bleiben im Konzern erhalten. Die Kraftwerkssparte, das Geschäft mit digitalen Industrieprozessen, zu dem auch das Chemnitzer Siemens-Werk für Kombinationstechnik gehört, und das Geschäft mit Lösungen für eine künftige smarte Infrastruktur.

Zwei Geschäftsbereiche, die Medizintechnik und das Windkraftgeschäft, sind bereits an die Börse gebracht worden. Demnächst soll die Bahntechnik mit dem französischen Wettbewerber Alstom fusioniert und dann ebenfalls an der Börse notiert werden. Allerdings haben die Kartellwächter in Brüssel noch große Bedenken. Aber Kaeser bleibt gelassen: "Für den Fall, dass das nicht gelingt, haben wir das beste Mobilitätsunternehmen der Welt." Mit der neuen Struktur soll eine Kultur der Eigeninitiative in dem oft als "Behördenladen" verspotteten Konzern einziehen. "Die Aufbruchsstimmung ist da" - so machte sich Joe Kaeser selbst Mut.

Zur ständigen Weiterentwicklung des Siemens-Konzerns gehört es auch, ständig neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzustellen. Allein im vergangenen Geschäftsjahr hat das Unternehmen weltweit fast 41.000 Menschen neu an Bord geholt. In Deutschland wurden 4700 neu eingestellt. Die neuen Mitarbeiter kommen aus zahlreichen Ländern.

Deshalb reagiert Kaeser empfindlich auf so manche Äußerung von Rechtspopulisten. Nachdem Alice Weidel (AfD) in einer Bundestagsdebatte von "Messermännern" und "Kopftuchmädchen" gesprochen hatte, twitterte der Siemens-Chef im Mai 2018: "Lieber 'Kopftuch-Mädel' als 'Bund Deutscher Mädel'. Frau Weidel schadet mit ihrem Nationalismus dem Ansehen unseres Landes in der Welt. Da, wo die Haupt-quelle des deutschen Wohlstands liegt." Einige Monate später darauf noch einmal angesprochen, sagte Kaeser: "Ich habe mich nicht gegen die AfD ausgesprochen, sondern gegen Rassenhass, Ausgrenzung und respektlose Beschreibung von Mitmenschen." Diese Form von Spaltung habe in der Geschichte den Menschen immer geschadet.

"Ich bin für die Menschen verantwortlich", sagte der Siemens-Chef, der auch in Sachsen rund 4200 Frauen und Männer zu seinen Mitarbeitern zählt.

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