Düngemittel aus dem Klärwerk

Wohin mit den Rückständen aus dem Abwasser? In Niederfrohna wurde eine Alternative zur teuren Verbrennung in Kohlekraftwerken entwickelt. Das Projekt hat Vorbildcharakter für ganz Europa.

Niederfrohna.

"Sie kennen doch diese modernen Backöfen, die sich selber reinigen." Steffen Heinrich steht vor einem Becken seiner Kläranlage, daneben ein Bagger auf der Wiese. So wie in diesen Pyrolyse-Backöfen, wo Essensreste unter großer Hitze zersetzt werden, werde es hier künftig mit dem Schlamm aus dem Abwasser laufen, erklärt er.

"Erst wird der Schlamm getrocknet, dann in eine Kiste gepackt und unter Luftabschluss auf 600 Grad erhitzt." Heraus kommen schwarze Krümel, die zu Pellets verpresst werden. Inhalt: 25 Prozent Kohlenstoff und 12 bis 13 Prozent Phosphat, keine Rückstände von Arzneimitteln oder Kunststoff - ein hervorragender Dünger für die Landwirtschaft.

Der Zweckverband Frohnbach, wo Steffen Heinrich als Geschäftsleiter arbeitet, ist einer der kleinsten Abwasserzweckverbände in Sachsen. Ganze 10.000 Haushalte in Limbach-Oberfrohna und Niederfrohna sind angeschlossen. Doch jetzt schickt sich dieser Winzling an, ein europaweit einmaliges Projekt auf die Beine zu stellen. Gestern wurde auf dem Betriebsgelände in Niederfrohna der symbolische erste Spatenstich für eine neuartige Anlage zur Klärschlammverwertung gesetzt, die in einem Jahr in Betrieb gehen soll. Die gesamten Rückstände aus dem dortigen Abwasser werden dann vor Ort recycelt.

Für Sachsens Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) ist das Pilotprojekt ein Aushängeschild des Freistaats. "Dieses sächsische Knowhow", warb Schmidt in Niederfrohna, "sollten wir nach außen bringen und weltweit vermarkten." 3,2 Millionen Euro kostet die Pilotanlage, gefördert zu 80 Prozent von der Europäischen Union. Die Investition dürfte sich schon bald rechnen, glaubt man beim Zweckverband; wer die Anlage nachbaue, komme mit der Hälfte der Kosten aus.

Niederfrohna ist der erste Abwasserzweckverband in Sachsen, der die neue Klärschlammverordnung umsetzt, die bundesweit seit Oktober 2017 in Kraft ist. Danach dürfen Klärschlämme künftig nicht mehr landwirtschaftlich ausgebracht werden, da so Schwermetalle, aber auch Rückstände aus Arzneimitteln und Kunststoffpartikel in den Boden gelangen. Zwischen 12 und 15 Jahren haben die Anlagenbetreiber Zeit für die Umstellung. "Die Großen warten ab", berichtet Heinrich.

Sein Zweckverband bringt den getrockneten Klärschlamm bisher zur Verbrennung ins Braunkohlekraftwerk Lippendorf. So verfahren in Sachsen viele Abwasserentsorger. Doch das treibt die Kosten, denn die Kraftwerke lassen sich die Verbrennung gut bezahlen. "Pro Jahr steigen für uns die Entsorgungskosten um zehn bis zwölf Prozent", sagt der Chef in Niederfrohna. Andere Zweckverbände warnten bereits vor steigenden Abwassergebühren.

Hinzu kommt: In den Kraftwerken wird der Klärschlamm zwar verheizt, aber der enthaltene Phosphor geht verloren. Auch das soll die neue Klärschlammverordnung künftig verhindern. Phosphor ist ein knapper Pflanzennährstoff, die Europäische Union ist nahezu vollständig auf Importe angewiesen. Bislang gibt es bundesweit nur wenige Klärschlammverbrennungsanlagen. "Die nächste, die unseren Schlamm abnehmen würde, steht in Straubing", berichtet Heinrich. Und was da hinten rauskomme, hielten Bauern noch nicht mal für besonders guten Dünger. So sei der in der Asche enthaltene Phosphor viel schwerer wasserlöslich.

Der Zweckverband Frohnbach hatte jahrelang an einer Technologie zur Klärschlammverwertung getüftelt. Kernstück des Neubaus ist eine Trocknungs- und eine Pyrolyseeinheit. Das dabei entstehende energiereiche Gas wird verbrannt und zur Warmwassererzeugung genutzt.

"Für unseren Gebührenzahler ist das alles von Vorteil", sagt Steffen Heinrich. Und auch für die Umwelt - "wenn wir nicht mehr 1400 Tonnen Klärschlamm im Jahr mit Diesel-Lkw durch die Gegend fahren und regionale Stoffkreisläufe schließen". Den Dünger, etwa 210 Tonnen jährlich, will der Zweckverband kostenlos an Bauern abgeben. "Wir kriegen den Grundstoff ja auch kostenlos von den Bürgern."

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