"Wer Fachkräfte will, muss sie auch wie Fachkräfte bezahlen"

Arbeitsmarktexperte Klaus-Peter Hansen über den wachsenden Wettbewerb auf dem sächsischen Arbeitsmarkt

Chemnitz.

Der Ausbildungsstart und die gute Konjunktur haben die Arbeitslosigkeit in Sachsen im September auf ein Rekordtief sinken lassen. Die derzeit größte Herausforderung auf dem Arbeitsmarkt im Freistaat wird zunehmend die Fachkräftesicherung. Christoph Ulrich sprach darüber mit dem Chef der Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit, Klaus-Peter Hansen.

Freie Presse: Viele Unternehmen und Handwerksbetriebe klagen, dass sie nicht mehr genug Auszubildende finden. Wie ist aus Ihrer Sicht die Lage auf dem Ausbildungsmarkt?

Klaus-Peter Hansen: Rein quantitativ sind auf dem Ausbildungsmarkt in Sachsen Angebot und Nachfrage ausgeglichen. Für jeden Jugendlichen, der sich für eine duale Ausbildung entscheidet, gibt es auch einen Platz. Das wird sich in den nächsten Jahren für die Jugendlichen nicht verschlechtern, im Gegenteil - sie werden noch mehr Auswahl bekommen, weil immer mehr Betriebe Nachwuchskräfte suchen. Die jungen Leute haben die Qual der Wahl.

Vor allem kleinere Unternehmen haben bei der Suche nach Lehrlingen das Nachsehen. Kann man was dagegen tun?

Die Elternhäuser vermitteln an die Jugendlichen ihre eigene Lebenserfahrung: Geh zu einem großen Unternehmen, das ist sicherer. Über diese generative Beratung sind wir auch nicht immer glücklich. Deshalb orientieren sich unsere Berufsberater bei der Beratung an den Talenten eines jeden Einzelnen.

Wie kann man die Berufsberatung verbessern?

Wir favorisieren einen an den Stärken der jungen Leute orientierten Ansatz. Wir müssen fragen, bei was vergeht Euch die Zeit im Flug? Was geht Dir leicht von der Hand? Danach müssen wir die Berufsorientierung ausrichten. Es gibt derzeit eine Fernsehwerbung von Fielmann. Dort wird die Entwicklung eines jungen Mannes gezeigt, der neugierig auf Melonen klopft, den Ruby-Würfel beherrscht - am Ende wird er Optiker. Diese Werbung ist perfekt auch für unsere Botschaft.

Dazu muss man allerdings erst einmal an die künftigen Berufsstarter herankommen. Oder kommen sie freiwillig zum Arbeitsamt?

Nicht alle jungen Menschen nehmen die Berufsberatung in Anspruch - etwa 70 Prozent. Deshalb verändern wir unsere Beratungsstruktur für Kinder und Jugendliche. Wir werden schon in der 9. Klasse in die Gymnasien gehen, in die Berufsschulen und auch unsere Kooperationen mit Hochschulen vertiefen, um Angebote für potenzielle Studienabbrecher zu machen. Unser Ziel: die duale Ausbildung mit dem Studium auf gleiche Augenhöhe bringen.

Wird das auch gegen die hohen Abbrecherquoten in der dualen Ausbildung helfen?

Ja, das ist ein Problem. Im Handwerk brechen über 30 Prozent ihre Ausbildung ab. Das ist viel zu hoch. Hauptgrund, den die jungen Leute nennen, sind Konflikte im Betrieb. Sie kennen den Spruch "Lehrjahre sind keine Herrenjahre". Wer das in seinem Betrieb noch auslebt, läuft Gefahr, den Nachwuchs zu verlieren. Die jungen Leute sind durch die Berufsschule bestens informiert, wie es in anderen Betrieben zugeht und was nach der Ausbildungsverordnung ihnen eigentlich vermittelt werden müsste.

Nachwuchsgewinnung ist ein Mittel gegen den Fachkräftemangel. Aber was müssen die Unternehmen noch tun?

Die Unternehmen müssen permanent in die Menschen investieren, die sie haben. Sie dürfen nicht nur an die denken, die sie noch nicht haben oder nicht mehr haben. Wir wollen mit unseren Programmen für Weiterbildung da gerne mithelfen. Das werden wir in Zukunft deutlich ausdehnen. Vor allem um Geringqualifizierten zu einem Berufsabschluss zu verhelfen.

Wird der Wettbewerb um Fachkräfte auch Auswirkungen auf die Lohnentwicklung haben?

Wer Fachkräfte will, muss sie auch wie Fachkräfte bezahlen. Bei den Arbeitslosenquoten sind wir in der Mitte Deutschlands angekommen. Bei den Löhnen stehen wir in Sachsen auf dem drittletzten Platz, vor Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen. Der Lohn ist nicht das einzige Argument für einen Job, aber für die Menschen ein wesentliches. Dabei ist klar, dass ein Handwerker im Erzgebirge nicht mit großen Automobilkonzernen konkurrieren kann.

Insbesondere junge Leute schauen nicht nur auf den Lohn. Ihre Ansprüche steigen auch bei Urlaub, Erziehungszeiten und Arbeitsbedingungen. Haben sich die Unternehmen in Sachsen darauf genügend eingestellt?

Das ist wie mit jedem Veränderungsprozess. Es geht zwei Schritte vor und auch wieder einen zurück. Aber das wird die Karawane nicht aufhalten. Die Unternehmen, die sich diesen Mechanismen stellen und Antworten darauf finden, werden im Wettbewerb um Fachkräfte die Nase vorn haben.

Viele Unternehmen hoffen auch auf Rückkehrer aus dem Westen. Mit Recht?

Ich denke, wir haben gerade ein Zeitfenster, in dem das möglich ist. Wir haben im Osten eine erste Erbengeneration, die sich die Frage stellen muss, ob sie das elterliche Grundstück oder auch einen Betrieb übernehmen will. Für diese Generation lohnt es sich in den nächsten fünf bis sieben Jahren gute Jobangebote zu machen. Danach wird sich das Zeitfenster wieder schließen. Zusätzlich lässt sich mit guter Arbeit auch der eine oder andere der 138.000 Auspendler zurückgewinnen, der zurzeit in andere Bundesländer fährt, um dort zu arbeiten.

Haben Sie Hoffnung für eine erfolgreiche Fachkräftestrategie für Sachsen?

Sachsen hat eine große industrielle Tradition und Innovationskraft. Wir müssen uns auf diese Stärken besinnen. Wir können es uns heute wieder erlauben, im Westen für Sachsen zu werben, weil es hier lebenswert ist. Quellen für Fachkräfte sehe ich im Nachwuchs, bei den Beschäftigten, den Arbeitsuchenden und in der Zuwanderung, sprich: den Rückkehrwilligen, den Auspendlern und in der von ausländischen Fachkräften. Jeder hat ein Talent, dieses müssen wir finden und für Sachsen gewinnen. Mit Blick auf die Ereignisse in Chemnitz müssen wir allerdings aufpassen, dass wir nicht an dem Ast sägen, auf dem wir alle sitzen.

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 2 Bewertungen
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...