Wie geht es weiter mit der Braunkohle?

Ein Verkauf der Lausitzer Sparte des schwedischen Konzerns Vattenfall erscheint unrealistisch - 8000 Arbeitsplätze betroffen

Chemnitz/Stockholm.

Die neue schwedische Regierung will das Braunkohlegeschäft Vattenfalls perspektivisch einstellen. Noch hat sie diese Pläne nicht konkretisiert, aber ein schneller Ausstieg scheint unwahrscheinlich. "Freie Presse" beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie wahrscheinlich ist ein Verkauf der Braunkohle-Sparte?

Theoretisch könnte Vattenfall den gesamten Unternehmensteil veräußern. Ökonom Christian von Hirschhausen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bewertet die Risiken aber wegen des Verfalls der Großhandelsstrompreise als zu groß, als dass ein anderes Unternehmen einsteigen würde. Auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte kürzlich, dass er Verkaufsbemühungen für aussichtslos hält. Zu Jahresbeginn hatte Vattenfall zum Beispiel die Pläne, das Kraftwerk Lippendorf bei Leipzig abzustoßen, wieder aufgegeben - dem Vernehmen nach hätte dieses Geschäft nur Verlust gebracht. Offiziell will auch die brandenburgische Landesregierung keine Standorte des Energiekonzerns übernehmen. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hatte das noch zu Jahresbeginn aber nicht ausgeschlossen. Auch die brandenburgische CDU wäre dazu bereit. Die Linken als Regierungspartei lehnen neue Tagebaue indes ab. Darüber wollen sie mit der SPD aber erst in etwa einem Jahr neu verhandeln, wenn bis dahin klar ist, ob Vattenfall aus der Braunkohle aussteigt oder nicht. Der Konzern selbst will an der Kohle festhalten, weil er damit schwarze Zahlen schreibe.

Welche Ziele werden in Stockholm verfolgt?

Ein Verkauf der Braunkohle-Sparte wäre in Schweden innenpolitisch mit viel Ärger verbunden. Die Grünen als Partner in der Minderheitsregierung lehnen ihn ab, weil bei einer Veräußerung die Luftverschmutzung von einem anderen Unternehmen nur fortgesetzt würde. Zudem herrscht bei allen acht im neuen Parlament vertretenen Parteien Einigkeit, dass Vattenfalls Braunkohle-Tochter ihren Kohlendioxid-ausstoß zurückfahren muss. Derzeit sind es noch 82 Millionen Tonnen, das interne Ziel liegt bei 65 Millionen Tonnen. Das ist nur mit der Einschränkung der deutschen Braunkohlekraftwerke zu erreichen, weil die Kraftwerke in Dänemark und den Niederlanden nicht das Potenzial dazu haben. Wahrscheinlich ist daher, dass Vattenfall in Deutschland versucht, andere Geschäftsfelder auszubauen, etwa die Erzeugung erneuerbarer Energien. Denn nirgendwo auf der Welt gibt es so eine sichere Rendite wie für erneuerbare Energien in Deutschland.

Könnte die Braunkohleförderung in der Lausitz überhaupt von heute auf morgen eingestellt werden?

Nein, zunächst müssten bergrechtliche Abschlussbetriebspläne erstellt und genehmigt werden. Die legen fest, in welchem Zustand der Betreiber den Tagebau hinterlässt. Diese Verfahren können Jahre dauern. Die Landesregierungen in Sachsen und Brandenburg haben dadurch ein Druckmittel.

Wie geht's jetzt weiter?

In der sächsischen und brandenburgischen Lausitz hängen an der Braunkohle nach Angaben Vattenfalls 8000 Arbeitsplätze. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sieht auch energiepolitisch keine Alternative. Nur mit der Braunkohle als "Brückentechnologie" sei eine grundlastfähige Stromerzeugung abzusichern, "notfalls durch ein anderes Unternehmen", so Tillich. Laut Sächsischer Staatskanzlei wollen Tillich und sein Kollege Woidke nun den schwedischen Ministerpräsidenten in einem gemeinsamen Brief darauf hinweisen, dass der ostdeutsche Braunkohlekraftwerkspark weltweit zu den effizientesten gehöre. Parallel werde eine Zusammenarbeit beim Ausbau der erneuerbaren Energien angeboten, heißt es. (juerg/mit dpa)

Die Lausitzer Gruben und ihre Laufzeiten

Welzow-Süd (Brandenburg): Dieses Feld wird Mitte der 2020er-Jahre ausgekohlt sein. Gefördert werden jährlich 21 Millionen Tonnen Braunkohle, auf dem neuen Feld Welzow-Süd II sollen ab Mitte der 2020er-Jahre insgesamt rund 200 Millionen Tonnen abgebaut werden. Teile der Stadt Welzow müssten abgebaggert werden, etwa 800 Einwohner träfe das.

Jänschwalde (Brandenburg): Dieses Feld wird Mitte der 2020er Jahre erschöpft sein. Fördermenge: jährlich elf Millionen Tonnen Braunkohle. Das neue Feld Jänschwalde-Nord soll ab Mitte der 2020er-Jahre weitere rund 250 Millionen Tonnen Braunkohle bringen. Die Orte Grabko, Atterwasch und Kerkwitz müssten abgebaggert werden. Von einer Umsiedlung wären rund 900 Einwohner betroffen.

Nochten (Sachsen): Dieses Feld wird auch Mitte der 2020er-Jahre ausgekohlt sein. Fördermenge: jährlich 17 Millionen Tonnen Braunkohle. Das neue Feld Nochten II soll ab Mitte der 2020er-Jahre rund 300 Millionen Tonnen Braunkohle bringen. Rund 1700 Einwohner in den Gemeinden Schleife und Trebendorf wären von einer Umsiedlung betroffen.

Reichwalde (Sachsen): Das Feld Reichwalde wird voraussichtlich 2045 ausgekohlt sein. Fördermenge: jährlich neun Millionen Tonnen Braunkohle. Es gibt keine Erweiterungspläne.

Cottbus-Nord (Brandenburg): Cottbus-Nord wird 2015 erschöpft sein. Fördermenge: jährlich 5,5 Millionen Tonnen Braunkohle. In der Grube soll ein riesiger See entstehen. (dpa)

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