"Beste Werbung für unseren Sport"

Der Chemnitzer Hannes Herrmann gehört zu den erfolgreichsten Fahrradtrialern in Deutschland. Er brennt für seine Disziplin, auch wenn er die Prioritäten verändert hat.

Chemnitz.

Eigentlich wollte er sich aus dem Wettkampfgeschehen weitestgehend zurückziehen. Doch so einfach loslassen - das kann er irgendwie (noch) nicht. Und als feststand, dass im Rahmen der Berliner Finals sein geliebter Trialsport zum Programm gehört, musste Hannes Herrmann unbedingt dabeisein. "Rund 15 Jahre kämpfte ich mit darum, dass unsere Disziplin mehr in der Öffentlichkeit publik wird. Vor allem in meinen Hochzeiten habe ich mir immer gewünscht, dass wir mal deutschlandweit so eine Riesenplattform bekommen", meint der Chemnitzer.

Und der 30-Jährige gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn er an die beiden Veranstaltungstage in der Hauptstadt denkt. Erstmals Präsenz einer Meisterschaft im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit Liveübertragungen und -Interviews, riesige Begeisterung und Anerkennung von den Zuschauern auf der proppenvollen Tribüne, die gar nicht alle Interessenten fasste, äußerst fachkundige Begleitung der Wettkämpfe - da machte das Herz Freudensprünge. "Das gab es bei uns noch nie, eine tolle Werbung für uns. Ich bin gespannt, wie die Medien das Potenzial unserer Sportart erkannt haben und wie die Entwicklung weitergeht", hofft der einstige Weltklasseathlet, dass diese Darstellung keine Eintagsfliege war. Dabei wusste er nicht genau, warum gerade Trial als Randsportart in das Programm der Finals aufgenommen wurde. Er vermutet, dass die Austragung des ersten Weltcups vergangenen Oktober im ehemaligen Flughafen Tempelhof bei der Auswahl mit ausschlaggebend war. Das Spektakel, das er mit organisierte, fand eine Riesenresonanz. Sehr angetan zeigte sich dabei auch der Berliner Senat.

Selbst haderte Hannes Herrmann zwar mit seinen eigenen Läufen, weil er nicht alle Hindernisse perfekt meisterte und als Zweiter der Qualifikation nur Fünfter wurde. "Wenn ich antrete, dann ist auch wieder der Ehrgeiz da. Deshalb habe ich mich schon geärgert, denn eine Medaille wäre drin gewesen. Aber es war ein enges Rennen. Und ich bin mit dem Event super zufrieden", wertet der Routinier, dessen Kontrahenten zudem neun und mehr Jahre jünger waren. Das Resultat blieb für ihn letztlich dann doch Nebensache. Zuvor errang er bereits sechs nationale Meistertitel sowie drei Podestplätze. Bei WM-Einsätzen gewann er Gold mit der Mannschaft und mehrfach Edelmetall mit der Staffel, schrammte im Einzel als Vierter und Fünfter knapp am Podium vorbei. Silberdekoriert kehrte er von einer EM zurück, mehrfach gelangen Spitzenränge bei Weltcups.

Doch mit dem Einstieg ins Berufsleben hat Hannes Herrmann, der einst als einziger Trialer das Sportgymnasium besuchte und am Olympiastützpunkt in Chemnitz trainierte, seine Prioritäten verändert. Seit Ende seines Studiums (Wirtschaftsingenieurwesen) an der Hochschule Mittweida, wo er mit großer Unterstützung der Einrichtung seine Doppelbelastung bravourös bewältigte beendet hatte, arbeitet er bei der Sander Fördertechnik GmbH. Inzwischen trägt er als Leiter Marketing Verantwortung - und ist natürlich wie als Radartist um Bestleistungen bemüht. "Ich habe einen sehr verständnisvollen und sportbegeisterten Arbeitgeber, sodass ich flexibel agieren darf", zeigt er sich froh und dankbar, dass sein Übungspensum von sechs Einheiten pro Woche weiterhin möglich ist.

Da geht es eben um 7 Uhr in den Kraftraum, in den Abendstunden meist ins Gelände. "Ich brauche meinen Sport, diese stetigen Herausforderungen im Training, bei denen man so gut abschalten kann. Und die Motivation, ein Hindernis zu bezwingen oder eine neue Höhe zu überwinden, ist ungebrochen. Wenn ich es geschafft habe, sind die Glücksgefühle extrem", beschreibt Hannes Herrmann die Faszination für seine Leidenschaft, für die er seit dem 13. Lebensjahr brennt. Am Anfang war es auch Marco Hösel, dessen Auftritte ihn begeisterten und animierten. Der Thalheimer ist als sechsfacher Weltmeister noch immer der erfolgreichste Spezialist in Deutschland. Der heute 38-Jährige war der erste, der international für Furore sorgte und auf die Disziplin aufmerksam machte. Nachdem er 2006 seine Karriere beendet hatte, unterstützt er den Chemnitzer seither als Trainer und Berater. Inzwischen gestalten beide gemeinsam Shows oder Fahrradtechnikkurse. "Wir sind enge Freunde, Geschäfts- und Trainingspartner, tauschen uns über alle möglichen Dinge aus", berichtet Hannes Herrmann, der ebenso dem MSC Thalheim angehört.

Dass er sportlich nicht derart in der Weltspitze mitmischen konnte, hängt mit der rasanten Entwicklung international zusammen. In vielen anderen Ländern sind die Trialer längst Profis, konzentrieren sich ausschließlich auf ihren Sport. In Deutschland hingegen gibt es keinerlei Förderung, sondern sind Idealismus und Eigeninitiative gefragt. "Obwohl du Deutschland bei einer WM vertrittst, musst du Anreise, Übernachtung und Verpflegung selbst bezahlen. Um Wettkämpfe wie WM, EM oder Weltcups zu bestreiten, brauchst du pro Saison rund 15.000 Euro", vergleicht Hannes Herrmann, der selbst auf Sponsorensuche geht und durch Shows die Finanzierung hinbekommt.

Auch aus diesen Gründen würden sich die beiden Enthusiasten aus Sachsen, die schon mehrfach in Fernsehsendungen ihren außergewöhnliche Radbeherrschung präsentierten, enorm freuen, wenn Fahrradtrial ins olympische Programm Aufnahme findet. Dann würden sich die Bedingungen hierzulande für ihre Nachfolger positiv verändern. Ein Antrag des Rad-Weltverbandes UCI liegt dem IOC schon seit einigen Jahren vor.

Für Hannes Herrmann bleibt Olympia so ein unerfüllter Traum. Doch bereits nächste Woche folgt ein weiteres Kräftemessen. Im tschechischen Kramolin startet er bei der WM des Verbandes International Bike Trial Union (BIU), vergleichsweise in der zweiten internationalen Liga. Im Vorjahr gewann er den Titel bei den Senioren, dieses Mal will er in der Eliteklasse angreifen. So ganz ohne Ziele und ohne Nervenkitzel geht es eben nicht ....

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