Der Engel fliegt zu Gold

Malaika Mihambo war die große Favoritin - und die Deutsche wurde dieser Rolle gerecht. Mit starken 7,30 Metern gewann sie in Doha WM-Gold im Weitsprung und zeigte dabei keine Nerven. Das hat sie in Indien gelernt.

Doha.

Als Kind probierte Malaika Mihambo einiges, versuchte sich im Turnen, im Judo und im Ballett. Das Weitspringen spielte erst später eine Rolle. Aber vielleicht ist es ein Mix ihrer sportlichen Talente, mit der sie sich so elegant und doch kraftvoll in die Sandgrube katapultiert. Am Sonntag flog die 25-Jährige, deren Vornamen Malaika hundertprozentig passend "der Engel" bedeutet. bei der Leichtathletik-WM in Doha auf das oberste Podest.

Mit der Weltjahresbestweite von 7,30 Meter setzte sich Mihambo, vor der Ukrainerin Maryna-Bekh Romanschuk (6,92 m) und der Nigerianerin Ese Brume (6,91 m) durch. Damit holte die große Favoritin das erste WM-Gold im Weitsprung für Deutschland seit Heike Drechslers Triumph 1993 in Stuttgart. Und die Weltmeisterin von 2019 bewies starke Nerven. Im dritten Versuch, als sogar noch das Aus in der Qualifikation drohte, ließ es Mihambo krachen. Weiter ist für Deutschland nur Drechsler (7,48 Meter) gesprungen.

Die passionierte Klavierspielerin, die in Katar das zweite Gold für das DLV-Team nach Zehnkämpfer Niklas Kaul holte, spielt in dieser Saison ganz klar die erste Geige in ihrer technisch so anspruchsvollen Disziplin. Jeden Wettkampf, den die gebürtige Heidelbergerin bestritt, beendete sie als Siegerin. Dazu gehört natürlich sportliche Klasse, aber auch innere Ruhe. Die holte sich die Tochter einer Deutschen, der Vater stammt aus Sansibar, auf zwei Reisen durch Indien. "Die haben mich total verändert", erzählte Mihambo von den durchaus ungewöhnlichen Selbsterfahrungstrips. Mit dem Rucksack zog sie los, meditierte und ruhte beim Yoga in sich. Zu Hause in Deutschland arbeitet sie zudem mit einem Mentaltrainer zusammen - und schlussendlich ist da noch ihr Trainer Ralf Weber.

Mit dem hauptberuflichen Lehrer arbeitet Mihambo, die einen Bachelorabschluss in Politikwissenschaften hat, bereits seit dem zehnten Lebensjahr zusammen. Eine Beständigkeit, die sie zu schätzen weiß, ebenso wie die Beschaulichkeit bei der LG Kurpfalz. Der eher kleine, familiäre Verein ist in Schwetzingen nahe Heidelberg beheimatet. "Ich habe dort alles, was ich brauche", sagte die Olympiavierte und EM-Dritte von 2016, die ein Jahr später um die Fortsetzung ihrer Karriere bangen musste. Ein Knochenödem infolge eines Ausrutschers auf der Treppe bremste sie lange aus. Der Deutsche Leichtathletik-Verband stufte sie in der Förderung herunter. Mihambo schaffte jedoch das Comeback und steigerte sich peu a peu. Bei der Heim-EM in Berlin holte sie im Vorjahr Gold. 2019 gelang ihr beim Diamond-League-Meeting in Rom mit 7,07 Metern der erste Sprung über sieben Meter. Seitdem übertrifft sie die Marke in schöner Regelmäßigkeit.

Mihambos große Stärke ist die Schnelligkeit im Anlauf. Um diese optimal umzusetzen, möglichst mit einem hohen Winkel vom Balken abzuspringen, braucht die Athletin Kraft in den Oberschenkeln. Weber weiß um diese Reserven, will sie in Zukunft erschließen, ohne die eigentliche Stärke seiner Sportlerin zu vernachlässigen. Kommt Mihambo auf Touren, muss sich manch eine Sprintspezialistin warm anziehen. So lief sie bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin, wo sie den Weitsprung mit 7,16 Metern gewann, über 100 Meter hinter Tatjana Pinto und Gina Lückenkemper auf Rang drei. Eine interessante Parallele zu Heike Drechsler, die ebenfalls schnell sprinten konnte (unter anderem WM-Silber 1987 in Rom über 100 Meter).

Einem möglichen Doppelstart in Doha schien auch Mihambo zunächst nicht abgeneigt. Letztendlich entschied sie sich aber dagegen, konzentrierte sich auf ihre Paradedisziplin - und wie. Bereits in der Qualifikation sprang die Europameisterin zwar deutlich vor dem Balken ab, kam trotzdem locker-flockig mit 6,98 Meter im ersten Versuch ins Finale. Die Titelverteidigerin Brittney Reese (USA) schaffte das nicht. Am Endstand hätte die vierfache Weltmeisterin wohl nichts geändert. Dafür ist Malaika Mihambo in dieser Saison physisch und psychisch einfach zu stark.

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