Der Überflieger

Yukio Kasaya musste 1972 nach drei Tagessiegen zur Olympiavorbereitung heim nach Sapporo, verpasste somit den ersten Tourneetriumph für Japan. Dies gelang schließlich Kazuyoshi Funaki 1998. Am Sonntag flog Ryoyu Kobayashi in die Geschichtsbücher.

Bischofshofen.

Was für ein Teufelskerl: Ryoyu Kobayashi bestieg erst den Tourneethron, dann hievten ihn seine Teamgefährten auf ihre Schultern. Schließlich dankte der nur 1,73 Meter kleine Japaner, der jetzt ein ganz Großer seiner Zunft ist, seinem "Chef und Sponsor" Noriaki Kasai. Mit einem Traumflug riss der 22-jährige Kobayashi auch noch den vierten Tagessieg bei der Vierschanzentournee aus dem Feuer. "Freie Presse" stellt den neuen Überflieger vor.

Familie und Wohnort: Ryoyu stammt aus einer Skisprungfamilie. Sein Vater arbeitet als Sportlehrer in der nördlichen Präfektur Iwate. Sein älterer Bruder Junshiro (27) ist mit im Weltcup unterwegs, hilft dem "Kleinen" vor allem bei Fragen fernab der Skisprungtechniken. Auch Bruder Tatsunao (17) sowie Schwester Yuka (24) haben sich der Weitenjagd verschrieben. Der Name Kobayashi ist in Japan wie hierzulande Müller oder Schulze weit verbreitet. Keiner springt aber momentan so einzigartig wie Ryoyu.

Typ und Charakter: Auch wenn Ryoyu eher schüchtern wirkt und Fragen der Presse wortkarg oder in höflicher Form gar nicht beantwortet, bezeichnete sich der 22-Jährige zu Beginn der Tournee als "Neo"-Japaner, eher untypisch also in Bezug auf die japanische Kultur. Während sich seine Springerkollegen bei Interviews zur Begrüßung den Journalisten gegenüber verneigen, fällt diese Geste bei Ryoyu verhalten aus. Als er merkte, dass die Bezeichnung "Neo" auch falsch verstanden werden könnte, ruderte er zurück: "Ich bin bisschen verrückt." Überliefert ist, dass er die Geschwindigkeit liebt, nicht nur beim Skispringen. Er fährt einen Porsche, interessiert sich für Musik, bedient aktiv die sozialen Netzwerke und soll angeblich seine Siege bei McDonalds feiern - quasi als Belohnung für monatelange Skisprungdiät.

Vorbild und Ratgeber: Die hat Kobayashi im eigenen Team: Noriaki Kasai (46) ist mehr als doppelt so alt und wichtiger Ratgeber. Der Altmeister habe auch dazu beigetragen, dass Ryoyu zielstrebiger geworden ist. Vor allem hat der Heißsporn eingesehen, dass Talent allein nicht reicht. Nach dem Tagessieg im Sommer-Grand-Prix zum Beispiel warnte Kasai den neuen Stern am Springerhimmel, nicht zu sehr zu jubeln, denn "im Winter ist es wichtiger". Die Worte fruchteten offenbar.

Training und Trainer: In der Heimat vertraut Kobayashi im Team von Kasai dem finnischen Coach Janne Väätäinen. Der ist seit 2010 als Fluglehrer an den Schanzen in Sapporo im Einsatz, hat fernöstliche Gewohnheiten auch durch seine japanische Frau besser verstehen gelernt. Und offenbar einen guten Zugang zu seinem Athleten bekommen. "Ich habe immer wieder versucht, ihn zu mehr Training zu bewegen, aber am Anfang war er darüber nicht erfreut", sagte Väätäinen der "Tiroler Tageszeitung". Dass sein Springer lernfähig ist, zeigt ein Beispiel: Vor der Tournee lebte und trainierte Kobayashi in der Heimat nach europäischer Zeit, um dann bei der Anreise nach Weihnachten keine Energie für die Umstellung zu vergeuden. Auch der seit diesem Winter verantwortliche Nationalcoach Hideharu Miyahira, ein Ex-Weltklassespringer aus der Generation Kasai, lenkt die Kräfte des Jungspundes in die richtige Richtung. Der eigene Antrieb ist aber auch bei Kobayashi entscheidend. So berichtete Väätäinen, dass sein Schützling in seiner ersten Weltcupsaison 2016/17 ohne jeglichen Weltcuppunkt (bis Platz 30) deprimiert wirkte und danach in puncto Trainingsfleiß ein Schippe drauflegte.

Bleibt die Frage, wie der dritte Vierschanzentournee-Gewinner mit vier Tagessiegen nach Sven Hannawald und Kamil Stoch den Trubel um seine Person wegstecken wird. "Er hat den Vorteil, dass er in Europa nicht alles verstehen und lesen kann, was über ihn erzählt und geschrieben wird", so Polens Trainer Stefan Horngacher. Zudem bietet Kobayashis aufgestocktes Bankkonto - in diesem Winter kamen allein an Preisgeldern rund 98.000 Euro zusammen - Möglichkeiten für Versuchungen, die ablenken können. Bisher hat der Überflieger alle Zweifel, die Erfolge könnten ihm zu Kopf steigen, mit seiner spitzbübischen Mimik weggelächelt.


Markus Eisenbichler und Stephan Leyhe in der Tourneewertung auf dem Podest 

Er hätte Ryoyu Kobayashi den Grand Slam noch vermiesen können. Doch dann fehlte Markus Eisenbichler, dem Führenden des ersten Durchganges, der letzte Tick für einen erneuten Traumflug. Mit Tagesrang fünf beim Finale furioso in Bischofshofen und Platz zwei in der Gesamtwertung feierte der Bayer dennoch seinen größten Erfolg nach WM-Bronze 2017. "Ich war nur kurz verärgert und bin einfach happy. Ich denke, wenn die Form so bleibt, ist mein erster Weltcupsieg nur eine Frage der Zeit", sagte Eisenbichler, der zuvor die Quali gewonnen und mit 143,0 m nur zwei hinter dem neuen Schanzenrekord von Dawid Kubacki geblieben war.

In unterschiedlicher Gemütslage reisten die zwei besten deutschen Ski-Adler vor der Tournee, Stephan Leyhe und Karl Geiger, von der Prestigeveranstaltung heim. Während der Willinger Leyhe eine steigende Formkurve (13./7./4./4.) nachwies und in der Tourneewertung noch auf Rang drei kletterte, grübelte der Allgäuer über seine Ausbeute (12./19./24./10.) auf den vier Stationen. Dem Sieger der Tournee-Generalprobe in Engelberg blieb über Weihnachten womöglich zuviel Zeit, um über sein Potenzial nachzudenken. "Dem Karl fällt nichts in den Schoß. Bei der Tournee wollte er es erzwingen, wirkte ein bisschen verkrampft", schätzte Bundestrainer Werner Schuster ein.

Olympiasieger Andreas Wellinger entpuppte sich als Sorgenkind im deutschen Adler-Horst. "Ein Tourneeausstieg stand nicht zur Debatte. Unabhängig von Training oder Wettkampf ist es mein Ziel, stabiler zu werden", sagte Wellinger. Der Ruhpoldinger gab zu, dass es im Training mit etwas mehr Anlauf durchaus leichter fallen könnte, die passende Technik zu finden und dann zu festigen.

Mit seinem zweiten Platz zu Saisonbeginn in Kuusamo wird Wellinger sicher auf den WM-Zug aufspringen. Bundestrainer Schuster will nach dem Weltcups in Willingen (16./17. Februar) sein Team für Seefeld benennen. (tp)

 


So macht WM keinen Spaß 

Der Sachse Richard Freitag ringt um die Form aus dem Vorjahr 

Die Platzierungen 16, 24, 8 und 27 bescherten Richard Freitag bei dieser 67. Vierschanzentournee ein Wechselbad der Gefühle mit am Ende Gesamtrang 14 als viertbester Deutscher. Thomas Prenzel führte mit dem 27 Jahre alten Erzgebirger von der SG Nickelhütte Aue folgendes Interview.

Freie Presse: Wie bewerten Sie Ihre Tournee?

Richard Freitag: Das war schon ziemlich durchwachsen. Besonders schade ist, dass ich meinen Aufwärtstrend von Innsbruck nicht fortsetzen konnte. Das war wieder ein Dämpfer in Bischofshofen.

Sie haben sich gleich nach dem ersten Sprung mit der Hand an den Helm geschlagen ...

Ja, weil ich zu früh abgesprungen war. Im zweiten Versuch habe ich dann auf alles oder nichts gesetzt. Leider ist eher letzteres daraus geworden, diesmal mit einem zu späten Absprung.

Mit Rang acht in Innsbruck hatten Sie die offizielle WM-Norm des Deutschen Skiverbandes erfüllt. Sorgen Sie sich dennoch, den Saisonhöhepunkt zu verpassen?

Intern haben wir in der Mannschaft zweimal unter den besten sechs als Norm vereinbart. Und wenn ich dieses Niveau vor der WM nicht erreiche und die Form nicht stimmt, macht eine Weltmeisterschaft bestimmt auch keinen Spaß.

Im vergangenen Winter sind Sie mit einem höheren Grundniveau in die Saison eingestiegen. Liegt das auch an Ihrem verspäteten Trainingseinstieg erst im Juni aufgrund beruflicher Verpflichtungen? Oder kämpfen Sie zu sehr mit den Nachwehen Ihrer Sturzverletzung?

Weder noch. Klar sind die Hüftprobleme nicht förderlich gewesen, aber das darf keine Ausrede sein. Ich muss mir das gute Gefühl wieder erarbeiten. Ich werde die Sprünge im Video analysieren und danach hoffentlich wieder in die Spur finden.

Wollen Sie weiter alle Weltcups springen oder lieber eine Auszeit nehmen?

In Predazzo springe ich sicher. Ich kann mir vorstellen, Sapporo auszulassen, da ich ja ohnehin im Flugzeug immer ein bisschen Probleme mit den Ohren habe. Aber das werde ich mit den Trainern besprechen.


Die Breite ist spitze 

Gegen Überflieger Kobayashi kein Kraut gewachsen, in der Breite aber spitze: Für die deutschen Ski-Adler brachte diese Vierschanzentournee wieder mal die Erkenntnis, dass es schon außergewöhnlicher Eigenschaften bedarf, um dieses außergewöhnliche Wettkampfformat meisterlich zu meistern. Was die Deutschen in jedem Fall als Erfolg verbuchen können: In der Breite sind sie sehr gut aufgestellt, was Hoffnungen auf den WM-Teamwettbewerb im Februar weckt. Mit Eisenbichler, Freitag, Leyhe und auch Geiger steht ein Quartett, das jederzeit unter die Top 10 springen kann, bereit. Da haben andere Skisprungnationen wie Japan (nur Ryoyu Kobayashi), Österreich (nur Kraft), Slowenien (gar keinen) oder selbst die Norweger (Johansson, Stjernen) aktuell weniger potenzielle Podestspringer zu bieten. Nicht zu übersehen ist aber, dass sich Japan im Sog des neuen Tourneekönigs wieder zu einem Medaillenkandidaten gemausert hat.

Aus deutscher Sicht bleiben noch Baustellen. Bei Severin Freunds Vorgeschichte mit zwei Kreuzbandrissen ist vor allem Geduld gefragt. Bei Andreas Wellinger sollte die nacholympische Gewichtung von Sport und Kommerz in die ehrliche Analyse einfließen. Dass es - wie selbst geäußert - nie ein Thema gewesen ist, die Tournee zur Halbzeit zugunsten eines Formaufbaus zu verlassen, stimmt nachdenklich. Die Präsenz der Werbefigur und des Olympiasiegers darf nicht über dem großen Ziel stehen. Und das ist in diesem Winter die Weltmeisterschaft. Noch bleibt Zeit, in der Mentalsportart etwas hinzubiegen. Das geht allerdings nicht mit der Brechstange. Auch das hat diese Tournee gelehrt.

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