Enduropilot Andi Beier: "Wir Deutschen haben Nachholbedarf"

Enduropilot Andi Beier hat einst wegen Rund um Zschopau die Fußballschuhe an den Nagel gehängt - am Sonnabend will er gewinnen.

Zschopau.

Seit 2003 geht Enduropilot Andi Beier bei Rund um Zschopau (RuZ) an den Start. Gewinnen konnte er im klassenübergreifenden Championat noch nie. Das will er am Samstag ändern - auch wenn es insbesondere dieses Mal schwer wird. Sebastian Siebertz sprach mit dem 32-jährigen Krumhermersdorfer über das Niveau der Strecke und die Schwierigkeiten, als Deutscher international zu bestehen.

Freie Presse: Am Wochenende steht Rund um Zschopau an. Ist das für Sie als Erzgebirger der Saisonhöhepunkt?

Andi Beier: Klar. Ich bin zwar dieses Jahr auch die WM-Läufe in Italien und Tschechien sowie den deutschen Grand Prix in Dahlen gefahren - Rund um Zschopau bleibt aber mein Lieblingsrennen. Ich bin in der Region aufgewachsen, durch die Veranstaltung zum Enduropiloten geworden. Ich habe als Kind viele Sportarten gemacht, vor allem Fußball gespielt. Rund um Zschopau hat mich dazu gebracht, die Schuhe an den Nagel zu hängen und mich auf Enduro zu konzentrieren. 2003 bin ich zum ersten Mal mitgefahren und war seitdem immer dabei, wenn ich nicht verletzt war.

RuZ gilt als Deutscher Meisterschaftslauf auf WM-Niveau. Was macht ihn so schwer?

Die Summe der schwierigen Aufgaben. Selbst zwischen den Prüfungen kannst du dich nicht ausruhen, weil anspruchsvolle Auffahrten oder ein Schlammloch warten. Das treibt den Puls immer weiter in die Höhe. Von der Schwierigkeit her entspricht es einem WM-Lauf¨ - und nächstes Jahr wird es wieder eine Station in der WM. Da kriege ich jetzt schon ein Gänsehaut, wenn ich dran denke. Ich bin sehr dankbar, wie die Veranstalter das auf die Beine stellen. Als junger Fahrer begreift man nicht, was dahintersteckt. Inzwischen hat man eine Vorstellung davon, wie viel Arbeit - vor allem ehrenamtliche - benötigt wird.

Im klassenübergreifenden Championat konnten Sie in Zschopau noch nie gewinnen. Vergangene Saison waren Sie Zweiter. Machen Sie am Samstag auf dem Podium den Schritt nach ganz oben?

Das ist das Ziel. Meine Klasse habe ich fast immer gewonnen. Dieses Jahr wird es im Championat jedoch sehr schwer. Der Veranstalter hat einige internationale Topfahrer eingeladen, und dadurch liegt die Messlatte hoch. Mich spornt das enorm an. Ich habe dieses Jahr bei den WM-Läufen Lehrgeld bezahlt. Wir haben als Deutsche generell Nachholbedarf. Es geht da nicht um die Physis, sondern ums Fahrerische und die Technik. Die Motorräder sind besser abgestimmt. Ich habe dieses Jahr versucht, mich insbesondere in diesem Punkt zu verbessern. Deswegen habe ich ein gutes Gefühl. Aber: Ein Patzer, und die Erfolgsaussichten haben sich gegessen.

Warum fahren die deutschen Piloten international nicht in der Weltspitze mit?

Das liegt vor allem an der mangelnden finanziellen Förderung. Vom Deutschen Motorsport-Bund gibt es kaum Unterstützung. Das meiste kommt noch vom ADAC Sachsen. Die Trainingsbedingungen sind in Frankreich oder Italien auch besser. Hier in Deutschland lässt dich niemand mehr in einem unbewirtschafteten Wald einfach mal trainieren. Wenn Fußballer nur auf Hartplatz trainieren dürfen und im Spiel auf Rasen Leistung bringen sollen, funktioniert das zwar - aber eben nicht sehr gut. Hierzulande muss jeder Pilot als Einzelkämpfer versuchen, Strukturen aufzubauen. Wir sind im Team von Harald Sturm super aufgestellt. Aber es ist ein Breitensportteam und kein professioneller Rennstall. Letzteres kann man in Deutschland nicht finanzieren. Von den besten zehn in der WM geht keiner mehr arbeiten. Das sind alles Profis. Bei den Italienern gibt es zum Beispiel ein Förderprogramm bei der Polizei, ähnlich wie hierzulande bei den olympischen Sportarten.

Um einen WM-Lauf zu stemmen, müssen Sie Urlaub nehmen und Sponsoren gewinnen.

Ich habe seit einigen Jahren treue Sponsoren aus der Region. Ohne die und mein Team hätte ich die letzten Jahre nicht fahren können. Bei so einem WM-Lauf muss ich trotzdem vieles allein regeln. Marcus Kehr (dreifacher RuZ-Gewinner; Anm. d. Red.) hat mal gesagt: Als Endurofahrer auf unserem Niveau bist du dein eigener Trainer, Manager und Mechaniker. Ich bin trotzdem motiviert, den Abstand zu den Toppiloten zu verringern. Wenn ich etwas mache, dann zu hundertundeins Prozent. Das bin ich meinen Sponsoren und Unterstützern schuldig.

Klingt so, als würde neben Ihrem Job bei der Stadt Chemnitz und dem Enduro nicht viel Zeit übrig bleiben?

Mein Leben dreht sich komplett um den Endurosport. Meine Lebensgefährtin toleriert das. Die Ausgleichssportaktivitäten betreiben wir gemeinsam. Enduro ist für mich bei weitem kein Hobby mehr. Ich arbeite professionell, bin aber kein Profi.

Neuer Test in Waldkirchen

Die Fahrer erwartet bei Rund um Zschopau dieses Jahr eine 85 Kilometer lange Runde, die zwei- beziehungsweise dreimal absolviert werden muss. Start und Ziel sind auf dem Altmarkt in Zschopau. Dieses Jahr sind pro Runde drei und nicht wie sonst vier Wertungsprüfungen zu bewältigen - die in Waldkirchen ist zudem völlig neu. "Das ist ein Endurotest auf hohem Niveau, mit Auffahrten über Geröll und Fels", erklärt KTM-Pilot Andi Beier, der sich die Strecke bereits angesehen hat. "In der Prüfung kann sich viel entscheiden. Das ist eine Hausnummer." Die beiden anderen Prüfungen sind in Venusberg und Hohndorf. In Letzterer ist der Prolog-Parcours integriert.

Am Sonnabend starten die ersten Fahrer um 8 Uhr vor dem Zschopauer Rathaus. Um 20 Uhr werden die Sieger im Festzelt auf dem ehemaligen Kinoplatz in Zschopau geehrt.

Der Prolog am Freitagabend beginnt um 19 Uhr nahe Hohndorf auf dem Gelände der Firma Klädtke.

Für 10 Euro kann man sich sowohl den Prolog am Freitag als auch samstags die Fahrer auf der gesamten Strecke ansehen. Ein Tagesticket für den Samstag kostet 5 Euro. Karten ausschließlich für den Prolog gibt es nicht. Eintritt für Kinder bis 12 Jahre ist frei.

2020 ist Rund um Zschopau die letzte Station im Kalender der Enduro-WM. Vom 16. bis 18. Oktober messen sich die weltbesten Piloten, wie zuletzt 2017, im Erzgebirge. (sesi)

Achtfacher Deutscher Meister

Andi Beier fährt seit 2017 für das Zschopauer KTM-Team von Harald Sturm. 2009 gewann der Krumhermersdorfer zum ersten Mal die Deutsche Enduro-Meisterschaft (DEM) in der Klasse E1. Fünf weitere Titel in dieser Klasse kamen seitdem dazu, unter anderem in der vergangenen Saison. In der E2-Klasse beendete er die Jahre 2014 und 2015 als Erster in der DEM. Im klassenübergreifenden Championat wurde er zweimal Vizemeister (2014/2018).

Diese DEM-Saison liegt er in der E1 mit 16 Punkten Vorsprung in Führung. Im Championat ist er trotz des Tagessiegs in Waldkappel Fünfter. (sesi)

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