Extremsportler Jörg Stingl: "Das Projekt stand öfters auf der Kippe"

Jörg Stingl und der frühere Weltklasseschwimmer Stev Theloke bewältigten in der Nordsee einmaliges Abenteuer

Chemnitz.

Sie haben etwas Einmaliges vollbracht: Die Chemnitzer Jörg Stingl und Stev Theloke, einstiger Weltklasseschwimmer (u. a. zweimal Olympiabronze, WM-Dritter, mehrfacher Europameister), überquerten als erste Menschen alle 20 Friesischen Inseln des Wattenmeeres in Form eines Triathlons. 2017 hatten sie den ersten Teil bewältigt, vor wenigen Tagen ihr Projekt im dänischen Blavand beendet. Mit Extremsportler Jörg Stingl, der organisatorisch die Hauptverantwortung trug, sprach nach der Rückkehr Martina Martin.

Freie Presse: Herzlichen Glückwunsch zur gelungenen Premiere dieses außergewöhnlichen Projektes. Wie fühlt es sich an, Geschichte zu schreiben?

Jörg Stingl: Na, großartig! Aber ehrlich, die Glücksgefühle stellen sich erst so nach und nach ein. Klar waren wir froh und erleichtert, als wir nach äußerst harten Etappen erschöpft im dänischen Blavand nach zehn Tagen ankamen. Aber dann musste gleich wieder so viel Organisatorisches wegen der Rückreise geklärt werden, dass wir erst mit der Zeit begriffen, was wir geschafft haben. Dazu trug auch die große Resonanz, die wir danach in der Öffentlichkeit erhielten, bei.

Unmittelbar nach dem "Zieleinlauf" sprachen Sie von der größten Herausforderung, die Sie gemeinsam mit Stev Theloke in Form eines Triathlons je meisterten. Warum?

Die erste Expedition in der Nordsee, die wir 2017 zwischen dem holländischen Den Helder und dem deutschen Ort Schillig bewältigten, war ebenfalls sehr, sehr hart. Damals bildeten wir mit Frank Nebel und Frank Riedel ein Quartett, überquerten 13 Inseln. Bei dieser Tour war es insgesamt schwieriger, zweimal wegen der enorm hohen Wellen durch den stark aufkommenden Wind sowie der unberechenbaren Strömungen wirklich grenzwertig. Da stand das Projekt öfters auf der Kippe.

Können Sie das etwas näher erläutern?

Die ersten drei Etappen verliefen relativ problemlos. Nur am Anfang gab es ein paar Schreckmomente, als das eine Begleitboot erst nach einer kleinen Reparatur an der Benzinleitung mit Verspätung starten konnte. Da spielte auch das Wetter noch mit. Doch die Prognosen kündigten vor allem immer stärkeren Wind an. Deshalb entschlossen wir uns beispielsweise Richtung Sylt an einem Tag zu einer Doppeletappe. Die Schwimmstrecken waren heftig, wurden immer länger, bis zum Dreifachen der Luftlinie. Da kannst du dir keine Pause gönnen, weil du so stark abgetrieben wirst. Es zieht dich regelrecht ins offene Meer. Besonders heikel wurde es zwischen Mandö und Fanö. Da konnten uns in der Strömungsrinne die Boote nicht begleiten. Die Wellen wurden so hoch, dass wir schon Düsengang bekamen, fast die Orientierung verloren.

Wie meisterten Sie diese Extremsituation?

Wir sind umgekehrt. Klar waren wir erst einmal bedient, fluchten so manches Mal. Aber wir bauten uns auch mit lockeren Sprüchen gegenseitig immer wieder auf. Da musst du die Nerven behalten. Aufgeben wollten wir niemals, auch wenn wir beim Waten durch das Watt uns durch die scharfen Kanten von Muscheln und Splittern einige Wunden zuzogen.

Der zusätzliche Aufenthalt auf Mandö war ja ungeplant?

Deshalb mussten wir viel improvisieren. An Land plünderten wir erst einmal unsere Rucksäcke, die wir erstmals beim Schwimmen dabei- hatten. Trinken und etwas von unseren Energievorräten essen, dann gingen wir auf Quartiersuche. Auf der nur spärlich bewohnten Insel fanden wir zum Glück ein Café, das auch Übernachtungsmöglichkeiten bot. Die Besitzerin war von der Abwechslung begeistert und bewirtete uns reichlich. Wir erschienen in unseren Neoprenanzügen, die wir aber zum Trocknen aufhängen mussten. Wechselsachen fehlten, sodass wir nur mit einem Handtuch notdürftig bekleidet waren. Aber das störte nicht. Geld hatten wir auch nur wenig dabei, aber die Frau blieb cool, gab uns ihre Visitenkarte für eine spätere Überweisung.

Der zweite Versuch klappte dann?

Da erwischten wir eine bessere Wetterlage. Auf Fanö liehen wir uns dann Räder aus. An der Nordspitze kamen auch unsere Boote wieder zu uns. Und wegen der nahenden dunklen Wolken entschieden wir uns, noch an diesem Tag bis zum Schluss durchzuziehen.

Wie verlief der Empfang im Ziel?

Eher mäßig, denn es waren nur die wenigen Begleiter von den Booten da. Die Besatzung des Segelschiffes mit unseren Familien, dem Koch und Freunden fehlten leider dieses Mal vor Ort. Der deutsche Kapitän des Plattenbootschiffes bekam unterwegs, vor allem wegen des drohenden Wetterumschwunges, starke Bedenken. So fuhr er ab Römö nicht mehr weiter, das Risiko mit einem Großsegler wurde ihm einfach zu groß. Dabei merkten wir schon von Anfang an, dass ihm die Motivation für unser Projekt fehlte. So konnten die Freunde an Bord leider nur bedingt und aus der Ferne, vor allem auch über Handyortung, alles beobachten. Nach unserer Rückkehr gab es dann natürlich eine kleine Feier.

Welche Folgen hatte diese Entscheidung des Kapitäns?

Es tauchten wieder unvorhergesehene Probleme, mit denen wir vorher nicht rechneten, auf. Aber da hat unsere Crew einen sensationellen Job gemacht. Logistisch musste vieles umorganisiert werden. Super, wie sich vor allem unsere drei Skipper Jens Carlowitz, Felix Birkner und Mirco Jahn ins Zeug gelegt und sich um die Dinge gekümmert haben. An manchen Abenden haben wir mehrmals den Tagesplan umgestellt, um noch ans Ziel zu kommen.

Wie kam es, dass Ulrich Wehling als dreifacher Olympiasieger in der Nordischen Kombination mit unterwegs war?

Bei der Sportlergala in Berlin kamen wir ins Gespräch. Er fand das Projekt interessant und sagte spontan zu. Auf Skirollern fuhr er über Sylt mit. Beim letzten Mal war ja beispielsweise Joey Kelly dabei. Olympiasiegerin Heike Apitzsch-Friedrich, die uns als Schirmherrin unterstützt, schwamm erneut eine Etappe mit, ebenso meine 14-jährige Tochter Karoline, die aktive Wasserballerin ist. Auch Torsten Ismer, ein Triathlet aus Bayern, gehörte einige Zeit zu den Aktiven. Insgesamt hatten wir trotz der Strapazen tolle Ereignisse, von denen wir noch lange zehren werden.

Woran denken Sie dabei vor allem?

Es ist einmalig und unvergleichlich schön, ganz früh am Morgen - diese Zeiten waren wegen der Gezeiten notwendig - bei Sonnenaufgang und ruhiger See zu schwimmen oder unterwegs an fast unberührten Landschaften vorbeizukommen. Toll war ebenso, wie Einwohner Anteil nahmen, wir unterwegs begrüßt wurden. Auf Sylt hatten wir unsere Sponsoren für einen Tag als Dankeschön eingeladen, haben mit ihnen einiges unternommen. Und auch unsere Geschenke, die wir als Werbung für Chemnitz - zum Beispiel das exklusive Marx-Städter Bier - überreichten, kamen sehr gut an.

Wann folgt das nächste Projekt der Inselmänner?

Bereits im Sommer 2020. Da wollen wir unsere erste Aktion an der Ostsee - 2015 ging es bei der Premiere von Usedom über Rügen, Hiddensee bis nach Zingst - für jedermann wiederholen. Interessenten können sich dafür auf unserer Internetseite anmelden.

Und welche Idee gibt es schon darüber hinaus?

Sicher habe ich erste neue Überlegungen. Eine einmalige Expedition in Angriff zu nehmen, die noch kein Mensch geschafft hat, reizt mich von jeher, ist die Motivation für mich - als Bergsteiger oder Schwimmer. Jetzt haben wir etwas Großes geschafft. Ein Projekt, das aus einer Spinnerei entstand und mich über vier Jahre jeden Tag beschäftigte, vollendet. Es geht irgendwann auf alle Fälle weiter ...

Jörg Stingl

Er wurde am 6. Juli 1961 geboren. Mit Partnerin Yvonne und der gemeinsamen Tochter Karoline (14) lebt er in Chemnitz. Als erster Deutscher bestieg er die höchsten Gipfel jedes Kontinents sowie als zweiter Deutscher den Mount Everest (2001), ohne dabei zusätzlichen Sauerstoff zu verwenden.

Der Extremsportler begann seine Karriere als Schwimmer, 1980 startete er bei Olympia. Geführte Touren mit ihm gibt es bei "Freie Presse"-Leserreisen nach Asien und Afrika. Im Herbst gibt es mit ihm wieder eine Trekkingtour in den Nepal. Drei Bücher ("Ganz oben"; "Nanga Parbat", "Seven Summits"), die er mit "Freie-Presse"-Sportedakteur Thomas Treptow verfasste, sind im Chemnitzer Verlag erschienen.

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