Kleines Gold - große Gefühle

Christina Schwanitz fällt nach dem Gewinn von Bronze "ein Megastein von Herzen". Für die Kugelstoßerin, Studentin und Mutter von zwei Kindern war die Saison alles andere als leicht.

Doha.

Obwohl es nicht ihre sächsische Hausmarke war, dürfte das Bier trotzdem geschmeckt haben? "Ich habe es zusammen mit den Zehnkämpfern getrunken - und nicht nur eins", verriet Christina Schwanitz lachend. Dafür ist sie längst bekannt: Für ihre ungekünstelte Fröhlichkeit und dafür, dass sie sich wahlweise am Abend vor - oder in Doha eben nach dem Wettkampf - ein alkoholhaltiges Kaltgetränk genehmigt. Heruntergegangen wie Öl ist es auf jeden Fall.

Hinter der Weltklasseathletin liegt eine harte Saison - und WM-Bronze im Kugelstoßen wiegt deshalb besonders schwer: "Mir ist ein Megastein vom Herzen gefallen, ich bin unheimlich stolz, glücklich und zufrieden. Ich glaube, ich bin zwischendurch sogar mal über dem Stadion gewesen", beschrieb die 33-Jährige vom LV 90 Erzgebirge ihren vielleicht emotionalsten Moment im Khalifa-Stadion. Jenen Moment, als ihr die dritte WM-Medaille nicht mehr zu nehmen war.

Tränen standen der Zwillingsmama, die 2013 in Moskau Silber und 2015 in Peking Gold gewonnen hatte, dabei in den Augen. Tränen der Rührung und der grenzenlosen Erleichterung. Denn der Spagat zwischen Sport, Bachelor-Studium und Mutterrolle ist ein großer. "Ja, es war schon so, dass ich zwischendurch mal auf dem Zahnfleisch gekrochen bin. Mein Zeug habe ich zwar alles geschafft, bin dann aber 21 Uhr einfach umgefallen. Das hältst du mal drei Wochen durch, aber keine acht", blickte Schwanitz auf die letzten Monate zurück. In diesen hatte die Chemnitzerin, die in Mittweida Soziale Arbeit studiert, exakt zweimal je eine Woche frei. Das ist bei einer Dreifachbelastung nicht gerade üppig und spiegelte sich in der Saison in einem leistungsmäßigen Auf und Ab wider.

Mit Blickrichtung Tokio, wo schon im nächsten Jahr die Olympischen Spiele über die Bühne gehen, ist Schwanitz und ihrem Trainer Sven Lang deshalb klar, dass sie ihr Konzept etwas modifizieren müssen. "Christina wird zwei Urlaubssemester einlegen, in denen sie aber auch ein Praktikum absolviert. Das wird sicher etwas von ihr nehmen, zumal die Kinder in ein Alter kommen, wo sie mehr Aufmerksamkeit benötigen", verriet der Coach, der die gebürtige Dresdnerin seit zehn Jahren betreut. "Ja, wir reiben uns natürlich auch aneinander. Aber es ist schon etwas Außergewöhnliches, so lange zusammenzuarbeiten und dann auch noch erfolgreich zu sein", meinte die mehrfache Deutsche Meisterin und dreifache Europameisterin, die ihre ersten Kugeln einst beim Hetzdorfer SV fliegen ließ.

Ihren nicht minder stolzen Trainer, den sie erst in der Mixed-Zone inmitten der deutschen Journalistenschar umarmen konnte, spricht sie übrigens immer noch mit Sie an. Dem respektvollen Miteinander schadet das nicht. "Unsere Zusammenarbeit hat sich geändert. Am Anfang war da die junge Athletin und da der gestandene Trainer, der mir die Welt erklärt hat. Mittlerweile erarbeiten wir die Konzepte zusammen, und er geht mehr auf meine Bedürfnisse ein", erzählte die Sportsoldatin. Lachend fügte sie an: "Ich sehe meinen Trainer zwar mehr als meinen Mann. Trotzdem hat mein Mann noch mehr zu melden."

Ehegatte Tomas passt während des Championats in Katar zu Hause auf die Kinder auf. Die "Krümel", ein Junge und ein Mädchen, sind inzwischen gut zwei Jahre alt. Was die Mama im Kugelstoßring so treibt und wie erfolgreich sie ist, das begreifen sie noch nicht. Außerdem waren die beiden am Donnerstagabend längst im Bett, als Christina Schwanitz bei ihrer sechsten Weltmeisterschaft Bronze erkämpfte. 19,17 Meter reichten der Sächsin für den Podestplatz hinter der Chinesin Lijiao Gong (19,55 m) und Danniel Thomas-Dodd (19,47 m).

Die Jamaikanerin war eine der Ersten, die der strahlenden Drittplatzierten zu einem "geilen Comeback" gratulierte. Deutschlands Sportlerin des Jahres von 2015, die nach der Geburt ihre Kinder 2017 in London nicht dabei war, weiß das zu schätzen. Und vielleicht ist diese WM-Plakette von Doha gerade deshalb so wertvoll? "Für diese Medaille musste ich am schwersten arbeiten. Für mich ist es ein kleines Gold", meinte Schwanitz - und bedankte sich bei ihrem gesamten Umfeld, inklusive des Kindergartens, den ihre Sprösslinge besuchen.

Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Auch wenn sie sich in der Nacht zum Freitag nur noch auf ihre Familie und den Urlaub freute, die "Powerfrau" ist immer noch heiß auf den Ring. "Ich muss mal schauen, was der Körper und die Krümel sagen, wie das Studium funktioniert. Grundsätzlich macht mir Sport immer noch Spaß, es ist mein Leben. Nach meinen Kindern und meinem Mann ist es das Zweitwichtigste", sagte Christina Schwanitz. Sieht ganz so aus, als könnten die Ausrichter der Leichtathletik-WM 2021, die in Eugene (USA) stattfindet, schon ein Fläschen Bier bereitstellen.

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