Mit Gold einen Traum erfüllt

Die Chemnitzer Goalballer Oliver Hörauf und Felix Rogge gehörten zur deutschen Mannschaft, die in Rostock erstmals den Titel bei einer EM erkämpfte. Das Duo erlebte dabei einige Premieren.

Rostock/Chemnitz.

Auch mit einigen Stunden Abstand am Tag danach wirkte Oliver Hörauf enorm aufgekratzt. "Ich habe das alles noch nicht verdaut und begriffen. Diese EM war definitiv das Highlight für uns alle", meinte der 22-Jährige, der gemeinsam mit seinem Gefährten beim Chemnitzer BC (CBC), Felix Rogge, zur deutschen Auswahl bei der Goalball-EM gehörte. Nach einer anstrengenden Turnierwoche mit sieben Partien und einer zünftigen Feier nach dem Triumph bis weit in die Nacht hinein (Hörauf: "Wir haben einfach mal die Sau rausgelassen, getanzt und gequatscht.") sehnte sich der Sachse erst einmal nach Ruhe. Glücklicherweise hat er als Auszubildender aktuell Ferien. So lag es nahe, diese gemeinsam mit den Eltern, die in Rostock mitfieberten und akribisch Statistik führten, zu verbringen. So ging die Reise direkt nach Börgerende weiter.

Das deutsche Team hatte bei der Heim-EM Historisches geschafft: Erstmals durften die Männer bei einem internationalen Toperereignis den Siegerpokal in die Höhe strecken. Das gelang mit einer makellosen Serie ohne Niederlage. "Die Mannschaft hat eine Riesenleistung gezeigt. Wir haben sehr akribisch gearbeitet, uns so professionell vorbereitet wie noch nie. Es ist geil, dass sich das ausgezahlt hat", resümierte Cheftrainer Johannes Günther. Bislang gab es neben dem Viertelfinaleinzug bei den Paralympics 2016 bei der EM 2016 und der WM 2017 jeweils Silbermedaillen.

Dabei standen die beiden Chemnitzer in jeder Partie in der dreiköpfigen Startformation. Oliver Hörauf markierte mehrfach, vor allem wenn Begegnungen auf der Kippe standen, entscheidende Treffer. Mit 19 Toren avancierte er zum deutschen Toptorjäger vor dem erfahrenen Kapitän Michael Feistle (27). "Es war super, die tolle Atmosphäre mit allein über 2000 Zuschauern beim Finale, das ungewohnt große Medieninteresse, das ganze Drumherum, das sehr professionell war - so etwas haben wir noch nie erlebt", schwärmte Oliver Hörauf und fügte hinzu: "Zu Jahresbeginn hatten wir uns das Ziel gesetzt, Gold zu holen. Dass wir es auch geschafft haben, ist ein Traum."

Ebenso euphorisch ließ auch Felix Rogge die Ereignisse Revue passieren. Seine Gefühle konnte der Routinier, der insgesamt schon 16 Jahre auf solch einen Moment hingearbeitet hat, schwer beschreiben. "Ich sage nur gigantisch", meinte der 30-Jährige und war sich mit seinem CBC-Teamkollegen einig: "Wir als Truppe haben top funktioniert. Jeder brachte andere Qualitäten ein. Und jedes enge Spiel, das wir noch gedreht haben, schweißte uns noch enger zusammen." Denn davon gab es gleich drei: in der Vorrunde gegen Finnland (3:2), im Viertelfinale gegen Griechenland (4:3) sowie das spektakuläre Halbfinale gegen Litauen. Da hieß es nach regulärer Spielzeit 3:3, dann unterlief dem Kontrahenten ein schwerwiegender Fehler. Laut Reglement müssen alle Spieler 90 Sekunden vor Beginn der Verlängerung ihre Positionen einnehmen. Doch beim Paralympicssieger stand nur ein Akteur auf dem Parkett. Daraufhin erhielt Deutschland einen Penalty, den Michael Feistle zum 4:3 verwandelte. Danach brachen emotional alle Dämme, flossen Freudentränen. Gegen dieses Topteam wurde zuvor bei internationalen Meisterschaften noch nie gewonnen. Als diese Hürde gemeistert war, hielt die Gastgeber niemand mehr auf. Die Ukraine besaß im Endspiel beim 6:2 keine Chance.

"Im Finale haben wir die souveränste Leistung gezeigt", befand Felix Rogge, der nur mit seiner Chancenverwertung insgesamt etwas haderte. "Es war ein Fluch. Meine Pfostentreffer und Bälle, die von der Linie gekratzt wurden, lagen im zweistelligen Bereich", erzählte er und schickte eine Kampfansage hinterher: "Wir sind noch lange nicht fertig. Bei den Paralympics werden wir sehen, wo wir wirklich stehen. Bis dahin muss es aus allen Rohren knallen, wir haben richtig Bock drauf." Er selbst will möglichst jede Reserve aus "seinem alten Körper" herauskitzeln. Nach dem der gebürtige Neubrandenburger drei Jahre während seiner Lehrzeit zum Informatiker in Chemnitz spielte, erhofft er sich bis Tokio neue Reize in Rostock. Oliver Hörauf, der aus Wedro bei Bautzen stammt, bekommt bestmögliche Unterstützung beim Olympiastützpunkt Sachsen. Um sich optimal auf Olympia vorzubereiten, kann er zudem seine Ausbildung zum Ergotherapeuten an der Fortisakademie strecken.

Beliebteste Sportart für Blinde und Sehbehinderte

Goalball ist die weltweit beliebteste Ballsportart für blinde und sehbehinderte Menschen. Bereits seit 1976 wird es bei den Paralympics ausgetragen. Deutschland war bislang in Athen 2004 und 2016 in Rio dabei.

Das Ziel des Spiels ist es, einen 1250 Gramm schweren Klingelball in das gegnerische Tor - jeweils 9 m breit und 1,30 m hoch - zu werfen. Dabei stehen sich die Teams (je drei Spieler) auf einem 9 m x 18 m großen Feld gegenüber. Eine Partie dauert 2x 12 Minuten.

Alle Spieler tragen wegen der Chancengleichheit lichtundurchlässige Brillen. Der Hartgummiball, in dessen Inneren Glöckchen zur akustischen Wahrnehmung sind, muss flach über den Boden geworfen werden. Führt eine Mannschaft mit zehn Toren Vorsprung, wird das Spiel sofort beendet. Das Team aus Chemnitz gehört seit Jahren zur deutschen Spitze, gewann bisher drei Meistertitel sowie mehrere Podestplätze in der Bundesliga. Dazu kamen zwei Pokalsiege. Zunächst spielte die Mannschaft für den BFV Ascota, seit Jahresbeginn für den Chemnitzer Ballspielclub, dem auch die Blindenfußballer angehören. Im deutschen Frauenteam, das bei der EM Bronze gewann, spielte Pia Knaute, die in Chemnitz trainiert. (fp)

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