"Noch steiler, rutschiger und schwieriger"

Das Getzen-Rodeo im erzgebirgischen Grießbach ist dieses Jahr das Finale der World Enduro Super Series (WESS). Ein Deutscher kann sich die Krone im Extrem-Enduro aufsetzen. Lokalmatador Marcel Teucher erklärt, den Unterschied zum klassischen Enduro.

Grießbach.

Lange hat das Veto seiner Mutter verhindert, dass Marcel Teucher auf ein Motorrad steigt. "Der Virus hatte mich schon lange infiziert, bevor ich mit 16 Jahren mit dem Enduro angefangen habe", erklärt der Fahrer aus Wiesa. Wie es sich für einen Erzgebirger gehört, fing alles mit Rund um Zschopau an. Inzwischen mag es der 32-Jährige extremer. Und am Freitag und Sonnabend kann Teucher seine Leidenschaft voll ausleben. Das Getzen- Rodeo im Drebacher Ortsteil Grießbach steht an. Das kleine Erzgebirgsdorf empfängt die komplette Extrem-Enduro-Elite zum Finale der World Enduro Super Series (WESS).

Worin der Unterschied zwischen der extremen Variante und dem klassischen Enduro liegt? "Es ist noch steiler, noch rutschiger, noch schwieriger - einfach extremer", erklärt Teucher. "Wo Otto Normalverbraucher denkt, er könne nicht mal zu Fuß hochkommen - dort führen Extrem-Enduro-Strecken entlang." Gilt es beim klassischen Enduro, in den Sonderprüfungen schnell zu sein, zählt beim Extrem-Enduro die komplette Fahrzeit.

Besonders beim Getzen-Rodeo wartet eine Schwierigkeit nach der anderen auf die Fahrer. "Du bist permanent mit dem Puls im roten Bereich. Es warten Steinfelder, Baumstammüberfahrten auf dich oder es geht krass bergab und steil nach oben", erzählt Teucher. "Die sogenannte Speckschwarte zum Beispiel ist bestimmt drei Meter hoch. Da brauchst du den nötigen Schwung, um bis auf die nächste Felsspalte zu kommen - sonst purzelst du rückwärts herunter. Es kommt nicht so sehr darauf an wie schnell du um die Ecken fahren kannst, sondern viel mehr auf die technischen Raffinessen - Traktion oder Kupplungsgefühl - und auf die Fitness."

Der Reiz im Extrem-Enduro liegt für Teucher vor allem in den vielen verschiedenen Spielarten. "Jedes Rennen ist anders, es warten immer neue Herausforderungen auf dich. Du kommst um eine Ecke und fährst auf einem völlig anderen Boden - oder auf eine Kuh zu. Alles schon passiert. In Rumänien standen zuletzt plötzlich Wildpferde auf der Strecke. Als Fluchttiere sind sie sofort losgelaufen, an einigen musste ich trotzdem vorbeifahren", berichtet der Pilot, der für das Team Grenzgaenger-X-Grip fährt und vom Zschopauer KTM-Sturm-Rennstall unterstützt wird.

Wilde Pferde sind im erzgebirgischem Wald am Wochenende nicht zu erwarten. Die Strecke in Grießbach hat es dennoch in sich. "Hier wird jedes Jahr die Grenze des Fahrbaren ausgelotet. Die Entwicklung der Motorräder geht weiter und deswegen ist auch viel mehr möglich als noch vor zehn oder 20 Jahren", meint Teucher.

Zwei Stunden messen sich die Fahrer am Samstagvormittag im Getzen-Race. Die 20 Besten fahren nachmittags den Sieg im Getzen-Champ aus. Zu den Favoriten gehört Manuel Lettenbichler. Der Bayer führt die Gesamtwertung der WESS vor dem Finale an. "Er ist das Ausnahmetalent im deutschen Extrem-Enduro. Wenn er nicht große Patzer macht oder ausscheidet, sollte er den Titel holen", ist Marcel Teucher überzeugt.

Für den Sachsen geht es darum, das Getzen-Champ zu erreichen. "Zum Getzen-Rodeo kommen ja immer Weltklassefahrer, aber dieses Jahr sind zum WESS-Finale alle da. Es sind also 15 oder mehr Profis am Start, die sonst nichts anderes mehr machen. Für mich, der das semiprofessionell betreibt, ist es schwer, da mitzuhalten", so Teucher, der im Bauunternehmen der Familie arbeitet. Für seine Mutter geht es ohnehin wohl eher darum, dass er am Samstag gesund von seinem Motorrad steigt. "Jetzt muss sie damit leben", meint Teucher. "Extrem-Enduro ist ein Teil meines Lebens geworden."

Service Am Freitag geht es in Drebach (Ortsteil Grießbach) ab 12 Uhr mit Trainings los. Am Sonnabend steigt das Getzen-Race um 10 Uhr und um 14 Uhr das Finale, das Getzen-Champ. Tickets kosten 15 Euro. Kinder bis 13 Jahre haben freien Eintritt.

Wurzeln im Fahrradtrial 

Das "Getzen-Rodeo" geht ursprünglich auf eine unmotorisierte Sportart zurück. "Unsere Wurzeln liegen genau genommen im Fahrradtrial unter Federführung des RSC Marienberg", berichtet Cheforganisator Falko Haase aus Drebach. Gegen Ende der 1990er-Jahre fand zunächst ein Sachsenlauf statt, später ein Lauf zur Deutschen Meisterschaft. "Um unser Getzen-Rodeo für Motorsportler ausrichten zu können, brauchten wir 2006 dann einen Trägerverein. Damals haben wir uns mit den Jungs vom Bauwagencup zusammengetan", erinnert sich der 44-Jährige, der selbst einige Jahre aktiver Geländefahrer war.

Die World Enduro Super Series (WESS) befindet sich in unmittelbarer Konkurrenz zur Enduro-WM unter dem Dach des Weltverbandes FIM mit Sitz in Mies (Schweiz). "Deswegen soll ja in dieser Serie nach Veranstalterwillen auch der ultimative Enduro-Weltmeister gekürt werden. Das ist wie im Boxen, wo es mehrere Weltverbände gibt", erklärt Falko Haase. Zwar habe es im Sommer Gespräche zwischen den Ausrichtern gegeben, allerdings ohne Annäherung.

Die geländesportliche Vielfalt zeichnet die WESS-Serie aus. "Es ist alles dabei: vom Sandrennen über Cross-Country, dem klassischen und dem Hard-Enduro", erklärt der Drebacher. Dazu gehören unter anderem das legendäre Erzbergrodeo in Österreich oder die Romaniacs in Sibiu (Rumänien).

Mit Tadeusz Blazusiak aus Polen hat einer der ganz Großen der Szene, mit dafür gesorgt, dass das Erzgebirge den Zuschlag für das Finale erhält. Der mehrfache Gewinner des legendären Erzbergrodeos mit jährlich tausenden von ambitionierten Startern knüpfte die entscheidenden Kontakte.

Die Getzen-City als wichtiger Anlaufpunkt für Fahrer und Fans befindet sich erstmals auf dem Sportplatz in Grießbach. (mh)

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