Spanien demütigt DFB-Elf: Höchste Niederlage in Löw-Amtszeit

Im letzten Spiel des Corona-Jahres erlebt die Fußball-Nationalelf ein fast historisches Debakel. Das 0:6 gegen Spanien wertet Rekordtorwart Neuer als «Tiefschlag» auf dem Weg zur EM.

Sevilla (dpa) - Demütigung statt Gruppensieg: Angstgegner Spanien hat einer führungslosen deutschen Nationalmannschaft zum Abschluss des komplizierten Corona-Jahres 2020 die höchste Niederlage in der Amtszeit von Joachim Löw verpasst.

Joachim Löw saß fassungslos auf der Bank, Oliver Bierhoff schlug auf der Tribüne die Hände vors Gesicht: Das 0:6 (0:3) im 189. Länderspiel unter Löws Leitung war auch in der Höhe absolut verdient. Neben der im direkten Duell um Platz eins verpassten Qualifikation für das Finalturnier der Nations League war die Fußball-Lehrstunde auch ein heftiger Stimmungsdämpfer mit Blick auf das kommende EM-Jahr.

«Wir sind heute klar zurückgeworfen worden», sagte Löw in der ARD. Er rang um Worte und Fassung. «Es war ein rabenschwarzer Tag. Es hat nichts funktioniert. In jeglicher Beziehung war es schlecht.» Der 60-Jährige vermisste «Körpersprache, Körperspannung, Zweikampfverhalten». Man müsse nun «die richtigen Schlüsse ziehen». Aufgeregte Debatten erwarten den Bundestrainer.

«Die bitterste Niederlage war es nicht, aber eine der klarsten», sagte Toni Kroos nach seinem 101. Länderspiel. Sie habe «weh» getan: «Wir haben überhaupt keinen Zugriff bekommen. Spanien hat uns alles vorgemacht, mit Ball und ohne Ball. Das Spiel muss man Richtung Turnier natürlich analysieren. Es ist einiges zu tun.»

Alvaro Morata (17. Minute), der dreimal erfolgreiche Ferran Torres (30./55./72.), Rodri (38.) und Mikel Oyarzabal (89.) trafen fast nach Belieben in dem aus deutscher Sicht gespenstischen Geisterspiel.

Es war die höchste Niederlage seit 1931. Kapitän Manuel Neuer erlebte in seinem 96. Länderspiel, mit dem er zum alleinigen deutschen Rekordtorwart aufstieg, einen ganz bitteren Abend. Zuvor hatte er nie mehr als vier Treffer im DFB-Tor kassiert. «Das ist ganz enttäuschend für uns alle», sagte Neuer. Er bemängelte die Körpersprache und die Kommunikation auf dem Spielfeld: «Auch ein Tiefschlag kann helfen.»

Der 34-Jährige verhinderte sogar eine noch schlimmere Demütigung gegen eine gierige und spielerisch klar überlegene spanische Elf. Die Gastgeber zogen in der Tabelle der Gruppe 4 mit elf Punkten an Deutschland (9) noch vorbei. Spanien steht damit neben Weltmeister Frankreich als Teilnehmer am Final-4-Turnier im Oktober 2021 fest.

«Die große Herausforderung heißt gegen Spanien, wie verteidigt man sie?», sagte Löw vor dem Anpfiff in der ARD. Das war im Nachhinein eine fast prophetische Aussage. Die Defensivarbeit war über 90 Minuten desolat. Dabei schien es eine gute Nachricht zu sein, dass Niklas Süle nach Knieproblemen doch auflaufen konnte. Aber der Abwehrchef war überfordert wie alle andere. Eine Lehrstunde erlebten auch die unerfahrenen Verteidiger Robin Koch und Philipp Max.

Ernüchternd war, dass von Führungskräften wie Toni Kroos und Ilkay Gündogan im Mittelfeld überhaupt kein Widerstand oder Ideen kamen. Der hochgelobte deutsche Turbo-Angriff mit Timo Werner, Serge Gnabry und Leroy Sané konnte sich bei der ersten Niederlage des Jahres nie in Szene setzen. Erst in der 77. Minute gab es eine Torchance, als Gnabry aus der Duistanz abzog.

«Wir können froh sein, dass es 4:0 steht. Ich bin sprachlos», sagte ARD-Experte Bastian Schweinsteiger als fassungsloser Beobachter der einseitigen Partie, die einen Klassenunterschied offenbarte. Nichts ging bei Löws Team, dass ohne einen Mentalitätsspieler wie den am Knie verletzten Joshua Kimmich von Anfang an wehrlos war. In der 5. Minute hatten die Gäste noch Glück, dass es in der Nations League keinen Videobeweis gibt. Gündogan traf den Leipziger Dani Olmo am Fuß, der Schiedsrichter gab Freistoß, aber das Foul war im Strafraum.

Die Spanier verloren früh Sergio Canales durch eine Verletzung. Aber der für ihn eingewechselte Fabian bereitete als Eckballschütze gleich das Führungstor von Morata vor. Der groß gewachsene Stürmer von Juventus Turin übersprang am langen Pfosten Gnabry, der dort niemals sein Gegenspieler hätte sein dürfen. Die Spanier konnten ungestört angreifen und spielten sich in einen Rausch. Nach einer Flanke von Koke köpfte Olmo an die Latte, Ferran Torres vollendete. Eine weitere Ecke von Fabian konnte Rodri ungehindert zum 0:3-Pausenstand einköpfen.

Auch nach der Pause erfolgte kein Aufbäumen. Und nicht einmal eine Schadensbegrenzung gelang. Der herausragende Ferran Tores von Manchester City konnte bei seinem zweiten Trefter einen Konter über José Gaya mühelos abschließen. Dann machte er gegen eine deutsche Elf in Auflösung seinen Dreierpack perfekt. Die von DFB-Direktor Oliver Bierhoff beschriebene «dunkle Wolke», die sich nach den Siegen gegen Tschechien (1:0) und die Ukraine (3:1) zu verziehen schien, schwebt zum Jahresende wieder über der Nationalmannschaft und auch Löw. Sie schleppt der Bundestrainer mit in die viermonatige Winterpause.

88 Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 4
    0
    klapa
    19.11.2020

    'Razzien bei DFB-Führungskräften, interne Konflikte zwischen Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius, der für viele Fans fragliche Umgang mit den 2014er Weltmeisten Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller, eine Flugreise von Stuttgart nach Basel, ausbleibende Erfolgserlebnisse .... - Sport 1

    Das kennzeichtnet im Moment das angekratzte Image des DFB, dem das Geschäft mit dem Fußbll anscheinen wichtiger ist als der Fußball selbst, wie auch Herr Rummenigge meint.

    Das Schönreden der letzten Auftritte der 'Mannschaft' ohne Identität vor dem spanischen Desaster rundet das Bild ab.

    Da passt es in das gegenwärtig gültige Konzept, wenn man es denn überhaupt so bezeichnen kann, dass an einem nicht gerade erfolgreichen Nationaltrainer festgehalten wird.

    Auch hier gilt die Regel , der Fisch beginnt am Kopf zu stinken.

  • 5
    0
    klapa
    18.11.2020

    Er trägt die Verantwortung, Zeitungss, für jeden Mist, den die Spieler auf dem Feld verzapfen und er wird dafür bezahlt. Natürlich ist er auch der Vater des Erfolgs.

    Wenn man die Vorliebe des deutschen Fußballs für Trainerauswechslungen bei stetem Misserfolg auch auf Wirtschaft und Politik übertragen würde, wäre ich natürlich ganz nahe bei Ihnen.

  • 2
    1
    Zeitungss
    18.11.2020

    @Klapa: Einmal die Frage eines Laien. Warum muss der Trainer zurücktreten, wenn die Spieler nicht wissen in welche Richtung der Ball gehört oder dazu nicht fähig sind ??? Wäre schön, wenn sich dieses Verfahren in der Wirtschaft auch durchsetzt, was dort gelegentlich zur Gesundung beitragen könnte.

  • 6
    0
    klapa
    18.11.2020

    Letzte Möglichkeit für Herrn Löw zurückzutreten, bevor er zurückgetreten wird.

    Auch Verdienste sind vergänglich.

    Was zählt, ist Leistung in dem Moment, wo sie gefordert.

  • 7
    0
    Malleo
    18.11.2020

    Löw- Je schlechter die Arbeit desto sicherer der Job.

  • 5
    0
    Tauchsieder
    18.11.2020

    Das kommt dabei raus, weil man an der Figur Löw nach der EM 2016 festgehalten hat. Er hätte damals schon gehen sollen/müssen.
    Vier verschenkte Jahre!

  • 2
    5
    Pixelghost
    18.11.2020

    So haben wir als AH nur gespielt, wenn Teile der Mannschaft aus der Klasse der Unabsteigbaren (Senioren Stadtklasse B) nicht in die A aufsteigen wollten, um nicht von jeder Mannschaft „verdroschen“ zu werden.

    Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass - zumindest einige - nicht nach Spanien wollten. Es soll Spieler geben, die viel Geld verdienen und trotzdem noch den kopf einschalten und sehen, dass hier - und in anderen Ländern - gerade viele schwer zu kämpfen haben, um diese Zeit zu überstehen, der DFB und die UEFA aber ihr mittelalterliches Credo durchsetzen: Maul halten und spielen.

    Man macht aus Richtung der Verantwortlichen so die Augen zu, dass man überrascht ist, wenn negativ getestete Ukrainer plötzlich positiv sind. Tja wie kann denn das sein?

  • 5
    1
    Tokeah
    17.11.2020

    Zur EM 2000 habe ich in einem desolaten Spiel schon einmal gesagt: die DFB-Elf hatte kein Leben. So hat mich auch die FP damals zitiert. Und diesmal? Tja....